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Beiträge

Meer oder weniger Meer in der Literatur

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017

Meere und Ozeane sind noch immer geheimnisvoll und in weiten Teilen geradezu sprichwörtlich unerforscht, obwohl sie seit langem schon Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sind. Welchen Beitrag kann die Literatur hier leisten? Oder besser, unkonventionell gefragt, wie trägt diese Unerforschtheit zur Themenbildung in der Literatur bei? Gerade das Unbekannte bietet eine hervorragende Projektionsfläche für Fantasien, Hypothesen, ja überhaupt für Gegenentwürfe zur bekannten Realität.

Ohne weiteres wird man zustimmen, dass das Meer in der Literatur häufig anzutreffen ist. Und in der Tat: Aus der Flut unserer Neuerwerbungen der letzten Jahre lässt sich mit einer gezielten Abfrage ein ganzer Schwung Bücher zum Motiv des Meeres in der Literatur aus dem StaBiKat herausfischen: xbkl 17.93 xsww Meer <Motiv>

Hinzu kommen Untersuchungen zum Wasser, der Seefahrt und verwandten literarischen Themen sowie eine große Zahl allgemeiner stoff- und motivkundlicher Werke. Nicht zu vergessen die zahlreichen ältere Titel, die bei uns anders sachlich aufbereitet sind. Konsultieren wir die Stoff- und Motivlexika in den Allgemeinen Lesesälen Unter den Linden und Potsdamer Straße, so ergibt sich ein differenzierteres Bild: Herausgehoben ist die symbolische Funktion des Meeres, weshalb es gerade in Märchen und der Volksliteratur insgesamt sehr präsent ist. Diese Symbole wirken noch in der modernen Autorenliteratur fort.

Das Metzler Lexikon literarischer Symbole nennt drei Symbolkreise, die teilweise ineinander übergehen, wobei zwei davon ebenso für das Wasser allgemein angeführt werden:

Das Meer als Symbol des Weiblichen, der Regression und des Zyklus von Geburt und Tod steht neben dem Wasser als Symbol des Ursprungs, des Lebens und des Todes. In vielen Schöpfungsmythen sind Wasser und Meer Urgrund des Seins, waren bereits vor der Erschaffung der Welt vorhanden. Ebenso gehen Auflösungs- und Todesvorstellungen mit Meer und Ozean einher. Die Vorstellung vom Wasser als etwas Weiblichen löst einerseits Angst, andererseits erotische Sehnsüchte aus und findet ihren Ausdruck in lockenden weiblichen Wasserwesen, die wahlweise im Meer oder in Seen, Flüssen oder Quellen beheimatet sind. Denn selbst wenn Seejungfrauen, Meeresnymphen und Meerfeen ausdrücklich im Meer verortet sind, wie beispielsweise die kleine Seejungfrau von Hans Christian Andersen in Den lille havfrue, so unterscheiden sie sich doch nicht wesentlich von ihren Schwestern Nixe, Undine, Melusine, die sich in der Regel in Flüssen und Seen aufhalten, und auch ihre Konflikte sind ähnlich; die Autoren haben ihre Geschöpfe nicht einmal speziell für das Leben im Salzwasser ausgestattet.

Das Symbol des Unbewussten und der Erinnerung teilt das Meer ebenfalls mit dem Wasser, das in ähnlicher Weise die ungeordnete Fülle des Unbewussten symbolisiert. Das Meer wird zu etwas Unheimlichen, Rätselhaften, unter dessen Oberfläche vieles verborgen bleibt. Die Tiefe des Meeres ist Abbild des Unbewussten, dem schöpferische Kraft innewohnt. Der Meeresgrund steht für das dem Menschen Unbekannte, ist prachtvoll und beängstigend zugleich; der Meeresgrund als Seelengrund ist zum Symbol für unbekannte Sehnsüchte und Träume geworden. Doch auch dem Wasser als solchem wird zugeschrieben, Element der Sehnsucht und symbolischer Ort der Wünsche zu sein, wofür das Bild der verführenden Nixe steht.

Die Meereslyrik setzt das Symbol des Unbewussten in noch anderen Facetten um: An die Darstellung des Meeres knüpfen sich Betrachtungen über Vergangenheit und Zukunft, Gedanken an die Unendlichkeit der Schöpfung, ihre Harmonie und den Platz des Menschen darin, die eigene Unsterblichkeit. Das Ausmalen einer Naturstimmung dient – wie in der Naturlyrik allgemein – der Wiedergabe von Gemütsstimmungen und ruft Gefühle, Erinnerungen, Fantasiebilder hervor.

Nun aber wird es eindeutig maritim! Das Symbol der Herausforderung und der Bewährung beruht auf der Fremdheit und Gefährlichkeit des Meeres vor allem für die Seefahrt. Von jeher gilt das Meer in nahezu allen Schriftkulturen als höchst bedrohliches Element. Mit dem Meer ist die Vorstellung von Unendlichkeit, Unausschöpfbarkeit, Unergründlich in Weite und Tiefe, von Einsamkeit, Verlassenheit, Ausgeliefertsein und Unberechenbarkeit verbunden. Es steht für Bedrohung, Gefahr, Maßlosigkeit und als lebens- und götterfeindlich die Schöpfung bedrohende Macht. Das von dämonischen Mächten, Sünde und Tod bewohnte Meer wurde sogar mit der teuflischen Welt gleichgesetzt. Ebenso alt wie die Vorstellung vom bedrohlichen Meer ist die Metapher des Schiffs. Ist das Meer teuflisch, so ist es zum Schiff als Versinnbildlichung der christlichen Kirche nicht weit, das einzig Rettung aus dem Sündenmeer verheißt.

Gleichzeitig stellt das furchterregende, schier unbezwingbare Meer eine (göttliche) Grenze des menschlichen Lebensraums dar. Dieses Motiv bietet Raum für Bewährungsversuche gegen die Mächte des Schicksals: Erst durch die Überwindung der Angst kann das Meer räumlich und mental bezwungen werden. Von den Seefahrern wird großer Mut, Zuversicht und Urvertrauen in die Götter verlangt, um sich den gefahrvollen Abenteuerreisen und unberechenbaren Stürmen zu stellen, denn der Preis für die Grenzüberschreitung bleibt die stets vorhandene Möglichkeit ihres Scheiterns durch Schiffbruch oder Irrfahrt.

Schiff und Meeresüberquerung werden auch als Metapher für die Lebensreise gebraucht: So unberechenbares wie das Meer ist das Glück, glückhafte Schifffahrt und drohender Schiffbruch stehen als Daseinsmetaphern für den Lauf des Schicksals.

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Wie sieht es nun mit den maritim assoziierten Topoi in der Literatur konkret aus? Sehen wir uns ein paar Themen und Werktitel in Hinsicht auf ihren Bezug zu den Schwerpunkten des Wissenschaftsjahres an.

Im Zusammenhang mit Meeresdichtung ist leicht das Bild von der einsamen Insel vor Augen, auf der sich eine Robinsonade abspielt. Verständlich, schließlich wird die Insel zu einer solchen dadurch, dass sie von Wasser umgeben ist. Und erst im Meer ist von Wasser umgebenes Land so richtig „isoliert“(!). Doch Geschichten vom Inseldasein werden meist nicht im Kontext des Meer-Motivs in der Sekundärliteratur abgehandelt, auch wenn nicht selten ein Schiffbruch zu diesem Aufenthalt geführt hat. Das hat seinen Grund darin, dass in den Werken andere Aspekte im Vordergrund stehen: die räumliche Entfernung von der Zivilisation, die den Rahmen für Selbstbehauptung in Bewährungsproben oder für die Entwicklung einer Gemeinschaft und die Umsetzung utopischer Gesellschaftsentwürfe bietet.

Nicht nur Assoziationen, auch Werktitel können in die Irre führen. So ließe „Auf hoher See“ an sich eine Auseinandersetzung mit dem Meer erwarten, wüsste man nicht, dass es sich um ein absurdes Drama von Sławomir Mrożek handelt (z.B. in Stücke; Originaltitel Na pełnym morzu, in: Dialog 1961, Nr. 2). Nur der Ort des Geschehens ist benannt: 3 Schiffbrüchige, gerettet auf ein Floß, mitten im Meer. Der Konflikt dagegen ist ein sozialer, der zudem als politische Allegorie aufgefasst werden kann. Neue Beziehungsgefüge und Machtverhältnisse bilden sich in dieser Extremsituation heraus, bis schließlich die Möglichkeit individueller Freiheit unter den Bedingungen der Fremdbestimmtheit ausgelotet wird. Die Handlung könnte genauso gut in der Wüste oder in einer von der Außenwelt abgeschnittenen Berggegend spielen. Allerdings schwingt hier die Symbolik des Meeres als schreckliche und unüberwindbare Grenze mit, wodurch das Existentielle des Konflikts unterstrichen wird.

Seefahrerromane haben per se etwas mit dem Meer zu tun, denn keine Seefahrt ohne Meer! Doch nicht immer wird es wirklich im Sinne einer aktiven Aneignung thematisiert. Oftmals steht die symbolische Bedeutung des Überschreitens und der damit verbundenen Selbstbehauptung oder Möglichkeit des Scheiterns im Mittelpunkt. Andere Werke richten ihr Augenmerk auf die Ankunft am anderen Meeresufer und schildern Entdeckung und Kolonialisierung, aber auch das Erkunden der Fremde. In wieder anderen Romanen wird das Leben auf dem Schiff mit seinen täglichen Verrichtungen und zwischenmenschlichen Beziehungen beschrieben. Das Meer ist hier „einfach da“, muss überwunden werden, prägt die Seefahrt in ihrem Verlauf, evoziert nebenher Stimmungen, Gedanken, Erinnerungen. Ein Bemühen, das Meer zu verstehen und zu erforschen, bleibt häufiger aus, als man meinen würde.

Doch nicht immer: Es gibt durchaus Seefahrerromane, die sich tatsächlich mit dem Meer und seinen Bewohnern auseinandersetzen. Paradebeispiel dafür ist Herman Melvilles Moby-Dick; or, The Whale (so die Titelfassung der ersten Ausgabe, 1851).

MELVILLE: MOBY DICK. Pehe Nu-E. The only known picture of 'Moby Dick' drawn during Melville's lifetime. Wood engraving, late 19th century. Quelle: Britannica ImageQuest. Copyright: The Granger Collection/Universal Images Group

MELVILLE: MOBY DICK.
Pehe Nu-E. The only known picture of ‘Moby Dick’ drawn during Melville’s lifetime. Wood engraving, late 19th century. Quelle: Britannica ImageQuest. Copyright: The Granger Collection/Universal Images Group

Einerseits kann man die Leitidee der Rache am im Titel sogar namentlich genannten weißen Wal als Metapher für den existentiellen Kampf mit dem Übel der Welt, ein Auflehnen gegen Gott lesen. Andererseits würde die Beschränkung auf diese symbolische Dimension dem Roman nicht gerecht: Ausführliche, auf reiches Quellenmaterial gestützte Beschreibungen der Natur und kulturellen Bedeutung der Wale, des Walfangs und der Verarbeitung des Fangs nehmen breiten Raum ein, wenngleich auch philosophische Betrachtungen nicht fehlen. Bleibt die Frage: Woher haben Wale Namen, die ihnen selbst mit Sicherheit nicht bekannt sind? – Herman Melville hat den für Moby Dick jedenfalls von einem weißen Wal namens „Mocha Dick“, über den 1839 ein Bericht von Jeremiah Reynolds in The Knickebocker veröffentlicht wurde. Und dessen Name ist seinerseits motiviert: Der Wal wurde vor der chilenischen Küste in der Nähe der Insel Mocha gesichtet.Wer mag, kann Reynolds‘ Bericht übrigens in moderner Typographie in Herman Melville’s “Moby-Dick” : a documentary volume nachlesen und sich davon ein Bild machen, wieviel Moby Dick mit seinem realen Vorbild gemeinsam hat.

Spielt sich die Seefahrt unter Wasser ab, so ist man den unbekannten Meerestiefen zwangsläufig viel näher, eine Auseinandersetzung mit dem Unbekannten drängt sich auf. So ließ es Jules Verne der U-Boot-Besatzung in seinem utopischen Abenteuerroman Vingt mille lieues sous les mers  (1869/70) ergehen.  – Was hat es aber mit den 20.000 Meilen „unter den Meeren“ auf sich? Als Maßeinheit sind „metrische“ Meilen à 4 km anzusetzen, wie konkrete Berechnungen im Romantext eindeutig belegen. Es handelt sich also um 80.000 km, womit die Länge der zurückgelegten Strecke gemeint ist, nicht die Tauchtiefe: Die Maße des Erdradius‘ von 6357 – 6378 km waren Jules Verne bekannt. Auf die genaue Angabe kam es ihm hier aber gar nicht an, er schwankte lange zwischen verschiedenen Titelvarianten. Entscheidend ist lediglich, dass die Strecke wesentlich länger ist als der Erdumfang (am Äquator 40.077 km), so dass das U-Boot theoretisch überall gewesen sein kann.

Illustrations de Vingt mille lieues sous les mers / Alphonse de Neuville: Fig. p. 201, en bandeau de la 2 ° partie : Pêche des naufragés. Quelle: Bibliothèque nationale de France via Gallica

Bei einem Autor, der seine Protagonisten bereits in die Luft, zum Mond und zum Mittelpunkt der Erde geschickt hatte, mag es nicht überflüssig sein darauf hinzuweisen, dass die 20.000 Meilen nicht tatsächlich „unter den Meeren“ zurückgelegt wurden, sondern streng genommen unter der Meeresoberfläche, also mitten im Wasser selbst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In den Tiefen der Ozeane finden wir auch die Ursache für weltweite Meereskatastrophen und aus dem Meer kommende Angriffe auf den Menschen, die Frank Schätzing in seinem Ökothriller Der Schwarm (2004) schildert. Der Roman könnte als Illustration des Begriffes der „Schwarmintelligenz“   geschrieben sein, zu einer Zeit, da das Wort noch nicht hauptsächlich in übertragenem Sinne in der Internet-Community gebraucht wurde. Die mit genetischem Informationsspeicher ausgestatteten, als Yrr benannten Einzeller in der Tiefsee verfügen in ihrer Gesamtheit über ein riesiges Intelligenzpotential, das sie, zusammengeschlossen zu größeren Verbänden mit „Kollektivintelligenz“, zur Rache an der Menschheit für die Misshandlung der Meere nutzen.

Der bloße Romantitel nimmt noch nicht eindeutig Bezug auf das Meer, denn Schwärme gibt es auch in der Luft – denken wir nur an Vogel- oder Bienenschwärme. Vielleicht aus Unsicherheit, auf welche Sorte „Schwarm“ angespielt wird, vielleicht aus anderen Gründen – die zahlreichen bisher erschienenen Übersetzungen in verschiedenste Sprachen (vgl. DNB) gehen unterschiedlich mit dem Werktitel um: Wörtlich übersetzt wurde er für das Niederländische, Ungarische, Englische, Russische, Brasilianisch-Portugiesische, Griechische, Norwegische, Chinesische, Türkische, Estnische, die erste Auflage der schwedischen und eine erste französische Übersetzung. „Der fünfte Tag“, eine im Roman selbst aufgegriffene Anspielung auf den 5. Schöpfungstag (Erschaffung der Tiere der Lüfte und des Wassers), wurde als Titel der italienischen, spanischen, portugiesischen, slowenischen, dänischen und zweiten Auflage der schwedischen Übersetzungen gewählt. Im Slowakischen und Polnischen entschied man sich für „Die Rache des Ozeans“, ähnlich im Tschechischen für „Aufruhr des Ozeans“. „Tiefen“, „Abgründe“ heißt der Roman auf rumänisch bzw. in einer zweiten französischen Übersetzung, „Untiere“ auf finnisch. Im Japanischen gar werden die Yrr bereits im Titel erwähnt: „Yrr in der Tiefe des Meeres“.

Die Ansiedlung der Einzeller ausgerechnet im Meer ist zwar nicht zwingend, liegt aber insofern nahe, als dass die Existenz einer bislang unentdeckten Lebensform auf der Erde nirgends wahrscheinlicher ist als hier. – Wer weiß …?

Vorschau: Ob auf den Meeren oder unter ihrer Oberfläche, beim Aufbruch zu neuen Ufern oder auf der “Fahrt durchs Leben“ – Orientierungshilfen sind gefragt! Für den Lebensweg können wir sie hier nicht geben, aber zumindest für die weiten Ozeane ist Hilfe zur Hand: Lesen Sie im nächsten Beitrag Wissenswertes über Seekarten aus Geschichte und Gegenwart.

Wer übersetzte „Die Dämonen“ für Dostojewskis Sämtliche Werke beim R.-Piper-Verlag?

Gastbeitrag von Dr. Galina Potapova

Ein kleiner Fund in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin wirft ein neues Licht auf die frühe Phase der Arbeit an den Sämtlichen Werken von Fjodor Dostojewski , die unter der Herausgeberschaft von Arthur Moeller van den Bruck ab 1906 beim R.-Piper-Verlag in München erschienen und das Dostojewski-Bild im Deutschland des 20. Jahrhunderts weitgehend prägten.

In der Forschung wurde bisher angenommen, frühe Manuskripte der Übersetzungen für die Pipersche Ausgabe existieren nicht mehr. Der Nachlass von Moeller van den Bruck in der Staatsbibliothek ist nämlich nur ein Teilnachlass. Der größere Teil wurde wahrscheinlich durch die Luftangriffe in Berlin am Ende des 2. Weltkriegs vernichtet. Was heute in der als „Notizen zur Herausgabe der Werke Dostojewskis“ betitelten Mappe des Teilnachlasses in der SBB liegt, sind nur wenige Blätter mit chronologischen Verzeichnissen und weiteren begleitenden Materialien. Für ewig verloren sind auch die meisten frühen Materialien zur Dostojewski-Ausgabe im historischen Archiv des Piper-Verlags  (heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach, DLA): Ein Bombentreffer zerstörte während der Luftangriffe auf München das ganze Verlagsgebäude.

Um so wertvoller sind einige Fragmente der Übersetzung, die im Berliner Teilnachlass Moellers doch erhalten sind. Sie liegen aber nicht in der Mappe „Notizen zur Herausgabe der Werke Dostojewskis“, sondern verstecken sich unter den „Gedichtentwürfen“ und „Notizen zu Verschiedenem“ der zweiten Ehefrau Moellers, Lucy Moeller van den Bruck (geborene Kaerrick; geb. 1877 in Pernau, damals Livland, eine der ostseeischen Provinzen des Russischen Reiches; gest. 1965 in Berlin-Wilmersdorf).

Auf den Vorderseiten dieser fünf Blätter stehen Lucys Notizen, die den im Nachlassverzeichnis benannten Rubriken entsprechen. Die durchgekreuzten Rückseiten gehörten ursprünglich zum Manuskript der „Dämonen“. Das ist ebenfalls die Hand von Lucy Moeller van den Bruck. Alle fünf Seiten, die mit den Zahlen 681, 683, 685, 688 und 689 paginiert sind, stammen aus dem 3. Kapitel des 3. Teils des Romans.

Handschriftenabteilung der SBB, Nachlass Moeller van den Bruck, Arthur. Kasten 12, Mappe 11

Lucys Sofortkorrekturen treten in großer Menge auf. Stilistische Korrekturen von Arthur Moeller van den Bruck bilden die zweite Handschriftenschicht. Die Textgestalt, die im Endeffekt entsteht, entspricht dem Text der „Dämonen“-Ausgabe von 1906. „Die Dämonen“ erschienen damals als erstes Werk in der ganzen Piperschen Ausgabe. Mit dem Fund in der Handschriftenabteilung haben wir nun also ein kleines handschriftliches Fragment dieses Erstlings-Bandes.

Der Wert dieses Fundes ist nicht nur museal. Die entdeckten fünf Blätter tragen auch zur literarhistorischen Forschung bei. Sie helfen bei der Klärung der Frage, von wem in der frühen Phase der Arbeit an der Piperschen Ausgabe die Übersetzung eigentlich geleistet wurde, die unter dem Pseudonym „E. K. Rahsin“ erschien. Für gewöhnlich setzt man diesen erfundenen Namen mit der jüngeren Schwester von Lucy Moeller van den Bruck gleich: Elisabeth (Less) Kaerrick (1886-1966). Christoph Garstka wies in seiner Monographie „Arthur Moeller van den Bruck und die erste deutsche Gesamtausgabe der Werke Dostojewskijs im Piper-Verlag“ (Frankfurt am Main [u. a.], 1998) darauf hin, dass man mit solcher Gleichsetzung vorsichtig sein muss, wenn man von den Erstausgaben der Dostojewski-Bände redet. Garstka äußerte eine Hypothese, dass am Prozess der Übersetzung neben Less Kaerrick verschiedene Personen teilnahmen, u. a. Lucy Moeller van den Bruck.

Mit dem Fund in der Handschriftenabteilung der SBB kann die Mitarbeit (d. h.  z u m i n d e s t  die Mitarbeit) Lucys an der Übersetzung der „Dämonen“  als bewiesen gelten. Wenn man diesen Fund gleichzeitig mit einigen anderen, biographischen Zeugnissen analysiert, kann man weiter gehen und sich fragen: Ist die bisher als selbstverständlich angenommene These, dass auch die jüngere Schwester, Less Kaerrick, von Anfang an für die Pipersche Dostojewski-Ausgabe als Übersetzerin tätig war, wirklich gültig?

Eine definitive Antwort auf diese Frage zu geben, ist anhand der fünf Handschriftenblätter nicht möglich. Letztlich gehören sie alle zu einem einzigen Kapitel des Romans. Unzweifelhaft steht dennoch fest: Uns liegen die Seiten aus dem 3. Kapitel des 3. Teils vor, und dies bedeutet, dass drei Viertel des Romans bereits übersetzt sind. Inwieweit ist es glaubwürdig anzunehmen, dass Lucys jüngere Schwester zu diesem Zeitpunkt eventuell frühere Kapitel übersetzt haben konnte? Daran muss man zweifeln, wenn wir einen weiteren Fund in Berliner Archiven in Betracht ziehen, und zwar: im Bundesarchiv  Berlin-Lichterfelde.

Aus der dort erhaltenen Autobiographie von Less Kaerrick, die sie 1938 für die Reichsschrifttumskammer verfasste, lässt sich schließen, dass ihr „Mitarbeit an Übersetzungen“ (d. h. an den Dostojewski-Übersetzungen) nicht früher als Mitte des Jahres 1906 angeboten wurde (BArch, ehem. BDC, RKK, Akte „Kaerrick, Elisabeth“). Kaerrick berichtet in diesem Dokument, dass ihr Vater, der reiche Kaufmann August Georg Kaerrick, 1906 bankrott wurde (der genaue Monat ist nicht genannt), und dass sie selbst in der ersten Zeit nach dem finanziellen Schicksalsschlag mit Sprachunterricht ihr Geld verdiente. „Bald darauf“, setzt Kaerrick fort, „wurde mir Mitarbeit an Übersetzungen angeboten“ (ibid.). Selbst wenn wir annehmen, die Pleite des Vaters geschah am Anfang des Jahres – auch in diesem Fall müssen wir für Kaerricks Tätigkeit als Sprachlehrerin einige Monate einkalkulieren. Allerdings sind „Die Dämonen“, ein ca. 1000 Seiten dicker Roman, bereits Ende Juli 1906 erschienen. Angesichts dieser Tatsachen muss man den Schluss ziehen: Die Teilnahme an Dostojewski-Übersetzungen wurde Less Kearrick nicht am Anfang des ganzen editorischen Unternehmens angeboten, sondern zu einem Zeitpunkt, als das erste Werk in der Piperschen Ausgabe, „Die Dämonen“, vollständig übersetzt bzw. nahe dem Schluss war.

Dostojewski F. M.: Die Dämonen. München: Piper, 1906. (Hardcover); Signatur: Zn 12182-1,6

Dostojewski F. M.: Die Dämonen. München: Piper, 1906. (Hardcover); Signatur: Zn 12182-1,6

Auch einige Textproben aus den „Dämonen“ in der Erstausgabe und aus den anderen Piperschen Dostojewski-Bänden lassen ernsthaft die Hypothese erwägen, dass „Die Dämonen“ für die Pipersche Erstausgabe n i c h t von Less Kaerrick übersetzt wurden.

Die translatorische Vorgehensweise ist in der Erstausgabe der „Dämonen“ wesentlich anders als z. B. in der Übersetzung des „Idioten“  , die 1909 erschien und definitiv von Less Kaerrick stammte (dazu s. den Brief von Less Kaerrick an Reinhard Piper vom 31.10.1915, DLA). Es genügt, nur die Anfänge der „Dämonen“ und des „Idioten“ mit den russischen Originalen zu vergleichen, um festzustellen: Im Unterschied zur Übersetzung des „Idioten“, in der grundsätzlich keine Informationen des Originaltextes verlorengehen (als Makel kann man, im Gegenteil, mehrere zu stark erläuternde und interpretierende Wendungen anmerken), trifft man in der Übersetzung der „Dämonen“ immer wieder auf Verluste kleiner, aber wesentlicher Inhalte des Originaltextes. Vgl. dazu Less Kaerricks eigene Äußerung im oben erwähnten Brief an R. Piper: „ In meinen Übersetzungen aber wüsste ich kein Wort, das ich absichtlich weggelassen hätte, außer in den Politischen und Literarischen Schriften, doch da war es etwas ganz anderes“ (DLA).

Ein indirektes Indiz dafür, dass der Roman „Die Dämonen“ noch nicht von Less Kaerrick übersetzt wurde, sind enorme Mengen an Korrekturen jeder Art, die sie später ausgerechnet bei den Revisionen der „Dämonen“ vornahm. Diese Revisionen wurden bereits für die Neuauflagen von 1918, 1919,  1921 und 1922  durchgeführt, und später dann noch einmal, bei der neuen Überarbeitung der Dostojewski-Ausgabe nach dem 2. Weltkrieg. Auch andere Bände wurden von Less Kaerrick für die Neuauflagen korrigiert; mit den „Dämonen“ geschieht dies jedoch viel radikaler als sonst. Beim Vergleich der neuüberarbeiteten Ausgabe des Romans von 1956  mit der Erstausgabe von 1906 entsteht der Eindruck: Die Übersetzungen unterscheiden sich so stark, als ob sie von zwei verschiedenen Menschen geleistet wurden. Es kann sein, der Eindruck täuscht nicht: Es war auch wirklich ein anderer Mensch, der „Die Dämonen“ für die Erstausgabe übersetzte, und Less Kaerrick korrigierte dann später nicht ihre eigenen, sondern die fremden Fehler.

In diesem Zusammenhang muss zum Schluss auf eine ungewollte Ungerechtigkeit gegenüber der Übersetzerin „E. K. Rahsin“ hingewiesen werden, die in der translationswissenschaftlichen Studie von Marina Kogut geschieht (Marina Kogut: Dostojevskij auf Deutsch. Vergleichende Analyse fünf deutscher Übersetzungen des Romans „Besy“. Frankfurt a. M. 2009). Die Autorin nahm zum Vergleich mit vier anderen deutschen „Dämonen“-Übersetzungen ausgerechnet die Pipersche Erstausgabe von 1906; die späteren massiven Überarbeitungen in mehreren Neuauflagen (von 1918 bis 1956) blieben unerwähnt. Die Vorgehensweise von Kogut ist einerseits legitim: Die Übersetzung von 1906 ist eine literarische Tatsache, und es mag scheinen, sich um den Fragenkomplex zu kümmern, wer und wann was übersetzt oder überarbeitet hat, sei eine ausschließlich biographische Fragestellung. Andererseits ist der Umstand, dass der Text der Piperschen „Dämonen“-Übersetzung mehrmals revidiert wurde und immer näher an den Wortlaut des russischen Originals kam, ebenfalls eine literarische und keineswegs nur eine biographische Tatsache. Und es ist mit Sicherheit ungerecht, das Verdienst der Piperschen Dostojewski-Ausgabe in der Geschichte der deutschen Dostojewski-Übersetzungen nur an der ersten, am leichtesten angreifbaren Probe, der Ausgabe der „Dämonen“ von 1906, zu messen, und die ganze weitere, lange und qualvolle Geschichte ihrer allmählichen Perfektionierung ganz aus dem Auge zu verlieren.

 

Frau Dr. Galina Potapova, Russische Akademie der Wissenschaften St. Petersburg, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2016 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Arthur Moeller van den Bruck als Herausgeber der ersten deutschen Gesamtausgabe der Werke Dostoevskijs”

Werkstattgespräch zur Piperschen Dostojewski-Ausgabe am 26. 5. 2016

Alle (vier) Jahre wieder…

Es ist soweit: Morgen beginnt in Frankreich die Fußball-Europameisterschaft. Anlässlich des sportlichen Großereignisses stellt Ihnen hier der SBB-Referent für Sport und Spiele seine subjektiv gefärbte TOP 11 aus verschiedenen Bereichen vor. Vorläufer dieser Liste finden sich in Form von Themen-Dossiers auch zu vergangenen Sportereignissen wie der WM 2014 oder Olympia 2012.

Die erste Elf: Neue Bücher zum Fußball in der SBB

  1. Cleland, Jamie (2015):
    A sociology of football in a global context.
    New York: Routledge
  2. Honigstein, Raphael (2015):
    Das reboot: how German football reinvented itself and conquered the world.
    London: Yellow Jersey Press
  3. Peiffer, Lorenz/Wahlig, Henry (2015):
    Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland : eine Spurensuche.
    Göttingen : Verlag Die Werkstatt
  4. Pyta, Wolfram/Havemann, Nils (2015):
    European football and collective memory.
    Basingstoke: Palgrave Macmillan
  5. Skrentny, Werner (2015):
    Es war einmal ein Stadion: verschwundene Kultstätten des Fußballs.
    Göttingen: Verlag Die Werkstatt
  6. Wolter, Christian (2015):
    Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg: 1910-1933.
    Hildesheim: Arete-Verlag
  7. Escher, Tobias (2016):
    Vom Libero zur Doppelsechs: eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs.
    Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
  8. Schwarz, Jürgen/Mueller, Frank (2015):
    Freigespielt: DDR-Fußballer auf der Flucht.
    Dresden: Saxo-Phon
  9. Luy, Udo (2015):
    Fußball in Ostpreußen, Danzig und Westpreußen 1900-1914.
    Kleinrinderfeld: Selbstverlag des Verfassers
  10. Herzog, Markwart/Brändle, Fabian (Hrsg.) (2015):
    Europäischer Fußball im Zweiten Weltkrieg.
    Stuttgart: Kohlhammer
  11. Kistner, Thomas (2015):
    Schuss: die geheime Dopinggeschichte des Fußballs.
    München: Droemer

Wenngleich “Sport und Spiele” ein Randgebiet in der Sammlung der SBB darstellt, wird versucht, Grundlagenliteratur, die die historische, philosophische und gesellschaftliche Dimension von Sport und Spielen umfasst, angemessen zu erwerben. Im StaBiKat finden Sie weitere Literatur zum Thema.
Für eine tiefergehende Recherche nach wissenschaftlicher Literatur empfiehlt sich die Recherche in den Webangeboten der Bibliothek der Deutschen Sporthochschule in Köln und in SURF, dem Rechercheportal des Bundesinstituts für Sportwissenschaft.

Die zweite Elf: Aktuelle und zeitlose Bücher, die zu lesen sich lohnt

Einen Teil der im Folgenden gelisteten Titel finden Sie im Bestand der SBB. Populärwissenschaftliche Werke werden in der Regel nicht durch die SBB angeschafft. Sie sind im Normalfall über Öffentliche Bibliotheken am Ort zur Ausleihe erhältlich.

  1. Kistner, Thomas (2014):
    FIFA-Mafia: die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball.
    München: Knaur
  2. Toussaint, Jean-Philippe (2016):
    Fussball.
    Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt
  3. Gebauer, Gunter (2016):
    Das Leben in 90 Minuten: Eine Philosophie des Fußballs.
    München: Pantheon
  4. Biermann, Christoph (2010):
    Die Fußball-Matrix: auf der Suche nach dem perfekten Spiel.
    Köln: Kiepenheuer und Witsch
  5. Theweleit, Klaus (2004):
    Tor zur Welt: Fußball als Realitätsmodell.
    Köln: Kiepenheuer und Witsch
  6. Marías, Javier (2002):
    Alle unsere frühen Schlachten.
    Stuttgart: Klett-Cotta
  7. Wilson, Jonathan (2011):
    Revolutionen auf dem Rasen: eine Geschichte der Fußballtaktik.
    Göttingen: Verlag Die Werkstatt
  8. Tolan, Metin (2010):
    So werden wir Weltmeister: die Physik des Fußballspiels.
    München: Piper
  9. Biermann, Christoph (2002):
    Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann: Wie moderner Fußball funktioniert.
    Köln: Kiepenheuer und Witsch
  10. Anderson, Chris/Sally, David (2014):
    Die Wahrheit liegt auf dem Platz : warum (fast) alles, was wir über Fußball wissen, falsch ist.
    Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
  11. Zeyringer, Klaus (2014):
    Fußball: eine Kulturgeschichte.
    Frankfurt am Main: Fischer

Die Fans: Profunde Webseiten und Twitter-Accounts

  1. Wissenschaft:
    Deutsche Sporthochschule Köln: Themenpaket Fußball-EM mit Beiträgen und Interviews mit Wissenschaftler*innen der DSHS.
  2. Staat:
    Deutsche Vertretungen in Frankreich: UEFA Euro 2016 mit Infos und Kontaktdaten für Fans, Hinweise auf Ausstellungen und Veranstaltungen rund um den Fußball sowie den Beiträgen der kicker-Kolumne des deutschen Botschafters.
  3. Medien:
    11Freunde: EM Vorbereitung. Das Magazin für Fußballkultur legt wieder los.
  4. Museumsarbeit:
    ANSTOSS – Das Magazin des Deutschen Fußballmuseums: Die EM im Blick. Ausgabe Nr. 1, Mai 2016
  5. Taktikverständnis:
    Spielverlagerung.de: EM-Vorschau.
  6. Kulturarbeit:
    Deutsche Akademie für Fußballkultur: Fußball Euro Frankreich mit Meldungen und Veranstaltungstipps.
  7. Qualitätspresse:
    The Guardian: Euro 2016, aktuelle Meldungen mit Tiefgang
  8. Fans:
    Football Supporters Europe: das basisorientierte Netzwerk von Fußballfans in Europa
  9. @Collinas Erben: Regelauslegungen auf den Punkt gebracht
  10. @Rasenfunk: Podcasts über Fußball
  11. @Transfermarkt: Zahlen, Daten, Fakten zum Fußball

Nachspielzeit:

Kritik an den Entwicklungen des Sports wie Kommerzialisierung, Ausbeutung, Doping oder Korruption ist allgegenwärtig. In dem neuen Dokumentarfilm „Dirty Games“ wird hinter die Kulissen geschaut und die schmutzige Seite des Sports ins Visier genommen.

Wem auch immer Sie die Daumen drücken mögen, ob Equipe Tricolore, Squadra Azzurra, le Mannschaft, Three Lions, Diables Rouges oder einer anderen der insgesamt 24 Mannschaften, wir wünschen Ihnen eine unterhaltsame, faire und friedliche Europameisterschaft!