Beiträge aus der Musikabteilung

BWV 249 (Ausschnitt), http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001C20000000000

Digitale Lektüretipps 20: Noten im Netz – ein Überblick

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

Die aktuelle Situation bringt es mit sich, dass viele von uns derzeit mehr Zeit zu Hause verbringen als üblich – und dabei vielleicht nicht nur Musik hören (siehe unseren Lektüretipp 8), sondern auch mitlesen oder gar selbst spielen möchten. Was aber, wenn der eigene Notenschrank nicht alle Werke enthält, deren Notentext man gerne einsehen möchte?

Auch hier kann die digitale Welt weiterhelfen. Zwar wurden bislang bei weitem nicht so viele Noten digitalisiert wie Bücher, aber es lohnt sich doch, hier und da zu suchen und zu stöbern. Allein die Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin enthalten Digitalisate von über 5500 Musikhandschriften und fast ebenso vielen Notendrucken, die weltweit kostenfrei zugänglich sind. Hierunter finden sich unter anderem alle in der Staatsbibliothek vorhandene Autographe Johann Sebastian Bachs sowie seiner komponierenden Söhne, die in Berlin vorhandenen Autographe, Briefe und Lebensdokumente Ludwig van Beethovens, aber auch Autographen, frühe Abschriften, Erst- und Frühdrucke vieler anderer herausragender Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts (s. auch die untenstehenden Links).

Alle diese digitalisierten Noten sind auch im Stabikat recherchierbar; für die Musikhandschriften finden sich außerdem detaillierte Quellenbeschreibungen im OPAC des Internationalen Quellenlexikons der Musik RISM, die ebenfalls mit den Digitalisaten verlinkt sind. Darüber hinaus sind im Stabikat zahlreiche weitere digitalisierte Noten nachgewiesen, welche die SBB eingetragenen Nutzerinnen und Nutzern mit dem Paket „Classical scores library“ zur Verfügung stellen kann.

Daneben haben natürlich auch zahlreiche andere Bibliotheken weltweit mehr oder weniger große Teile ihrer Musikalienbestände digitalisiert und online zugänglich gemacht, so beispielsweise die Bayerische Staatsbibliothek München und die SLUB Dresden, aber auch die Bibliothèque nationale de France und die British Library, um nur einige zu nennen. Die meisten größeren Bibliotheken weisen im Übrigen die Digitalisate aus Ihren Beständen auch in ihrem Bibliothekskatalog nach, so dass bei der Suche nach einem bestimmten Musikwerk häufig der betreffende Bibliothekskatalog oder auch der übergreifende Karlsruher Virtuelle Katalog (der auch auf eine Sucheinschränkung auf digitale Medien zulässt) rasch zum Ziel führt. Nicht unerwähnt soll auch das International Music Score Library Project (früher „Petrucci-Library“) bleiben, die bei weitem größte Sammlung von digital verfügbaren Musikalien unterschiedlichster Art und Herkunft.

Bei der Fülle dieser Angebote kann man rasch den Überblick verlieren. Daher seien abschließend – und ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit – noch einige Angebote zu ausgewählten Komponisten aufgeführt, darunter auch Hinweise auf vollständige Digitalisate einiger im 19. Jahrhundert erschienenen (alten) Gesamtausgaben – vielleicht ist ja auch Ihr Lieblingskomponist dabei!

Johann Sebastian Bach

Autographe, Originalstimmen und frühe Abschriften aus den Beständen der SBB

Bach Digital: Quellennachweise und Digitalisate von Bach-Quellen weltweit (Bach-Archiv in Kooperation mit der SBB, der SLUB Dresden und der SUB Hamburg)

Gesamtausgabe der Bach-Gesellschaft 1851-1899 (IMSLP)

Ludwig van Beethoven

Autographe aus den Beständen der SBB

„Diesen Kuß der ganzen Welt“. Die Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin – Virtuelle Ausstellung

Digitales-Archiv des Beethoven-Hauses Bonn

Beethovens Werke, Gesamtausgabe 1862-1865 (BSB)

Johannes Brahms

Digitalisierte Bestände des Brahms-Instituts Lübeck

Sämtliche Werke, Gesamtausgabe 1926/27 (IMSLP)

Händel, Georg Friedrich

Autographe aus den Beständen der British Library (NB: Suche nach: „Handel“)

G. F. Händel’s Werke, sog. „Chrysander-Ausgabe“ 1858-1902 (BSB)

Liszt, Franz

Musikalische Werke, sog. „Carl-Alexander-Ausgabe“, 1902-1936 (BSB)

Mendelssohn Bartholdy, Felix

Autographe aus den Beständen der SBB (in Auswahl)

Mendelssohns Werke, Gesamtausgabe 1874-1877 (BSB)

Erst- und Frühdrucke aus den Beständen des Mendelssohn-Hauses Leipzig

Wolfgang Amadeus Mozart

Autographe aus den Beständen der SBB (in Auswahl)

Neue Mozart-Ausgabe online (Stiftung Mozarteum Salzburg)

Digitale Mozart-Edition (Stiftung Mozarteum Salzburg, laufendes Projekt)

Franz Schubert

Autographe aus den Beständen der SBB

Schubert online: Quellennachweise und Digitalisate von Schubert-Quellen weltweit (ÖAW)

Franz Schubert’s Werke, Gesamtausgabe 1884-1897 (BSB)

Robert Schumann

Autographe aus den Beständen der SBB (in Auswahl)

Robert Schumann’s Werke, Gesamtausgabe 1879-1893 (BS

Kupferstich von Johann Nepomuk Passini (1798-1874) nach einem Bildnis von Wilhelm Hensel (1794-1861). Das Porträt stammt aus dem Besitz des Autographensammlers Aloys Fuchs. SBB, Musikabteilung, Signatur: Mus.P. Hoffmann, E. T. A. I,1 ; Public domain https://creativecommons.org/publicdomain/mark/1.0/deed.de

E.T.A. Hoffmann über Beethovens Fünfte

Zu den wohl bekanntesten Beethoven-Werken und im Beethovenjahr viel gespielten Lieblingsstücken gehört zweifelsohne Beethovens 5. Sinfonie mit ihrem markanten Anfangsmotiv, das sogar selbst der Unmusikalischste nachsummen kann. Das Werk war aber keinesfalls immer der „Hit“, sondern wurde kurz nach seinem Neuerscheinen von einigen Zeitgenossen argwöhnisch als verworren und unverständlich kritisiert, sprengt es doch alle bisherigen Konventionen.

Einer der großen Bewunderer Beethovens, der einfühlsames Verständnis für seine Musik entgegenbrachte, war der Dichter, Musikschriftsteller und musizierende Komponist Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776-1822). Seine Rezension über Beethovens fünfte Sinfonie ist berühmt geworden. In poetischen Worten, aber auch zugleich in einer scharfsinnigen Musikanalyse wird Hoffmann als Vermittler zwischen Hörer und Komposition zu einem „Anwalt des Komponisten“. Für den von der Musik Beethovens tief ergriffenen Hoffmann ist diese Sinfonie der Inbegriff reiner Instrumentalmusik, Beethoven der romantischste aller Komponisten und Gipfelpunkt noch vor den damals anerkannten Komponisten Haydn und Mozart. Beethovens Musik sei romantisch, weil sie quasi als Medium etwas „öffnete“ so wie „Orpheus‘ Lyra […] die Tore des Orkus“. Es ist die Ahnung des Absoluten, tönendes Symbol „unendlicher Sehnsucht“.

E.T.A. Hoffmann hatte in seiner Rezension erkannt, das durch das Werk Beethovens eine neue Epoche begonnen hatte, denn der ästhetische Idealtypus des 18. Jahrhunderts über die „romantische“ Sinfonie fand erstmals im Werk seine Entsprechung. Von nun an konnten Ästhetik und Musik miteinander gleichberechtigt und vor allem auf gleichem Niveau den musikgeschichtlichen Weg gehen. Ob Beethoven, von dem nur ein höflicher Brief vom 23. März 1820 an Hoffmann vorliegt, selbst seine Musik so „gefühlt“ haben muss wie der Rezensent, ist nicht bekannt. Beethoven war aber anscheinend dankbar für seinen Fürsprecher, der die Kunst besaß, das Unaussprechliche seiner Musik im Herzen der Leser zum Klingen zu bringen.

Weiterführender Hinweis: Eine ausführlichere Darstellung und viele weitere Beiträge über Beethoven finden Sie im umfangreichen Hardcover-Sammelband „ ‚Diesen Kuß der ganzen Welt!‘ Die Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin“, den Sie über den Imhof-Verlag für 29,95 Euro und über das Referat Öffentlichkeitsarbeit über die Mailadresse publikationen@sbb.spk-berlin.de für 25 Euro erwerben können.

Die Staatsbibliothek verwaltet ein Hoffmann-Archiv. Zu E.T.A. Hoffmann existiert ein ausführliches Hoffmann-Portal.

Beethoven aktuell

Auch in der aktuellen Situation möchten wir Sie gerne über unsere Beethoven-Ausstellung ‘Diesen Kuß der ganzen Welt – Die Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin’ informieren. Um Sie ein bisschen neugierig zu machen, hier erst einmal alles, was Sie durch die vorzeitige Schließung der Ausstellung versäumt haben:

Für die Ausstellung wurden 135 Exponate zusammengetragen, darunter seine beiden berühmtesten Sinfonien, Briefe von und an Beethoven, fünf Konversationshefte und zehn musikalische Skizzen. Ausgestellt wurden die Partituren seiner berühmtesten Sinfonien, der 5. Sinfonie in c-Moll op. 67 und die in mehrere Teile gebundene Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125. Der Entstehung und dem wechselvollen Schicksal der Partitur der 9. Sinfonie war in der Ausstellung ein eigenes großes Kapitel gewidmet. Zu sehen waren die letzte seiner Klaviersonaten, Nr. 32 in c-Moll op. 111 wie auch das Klavierkonzert Nr. 5 in Es-Dur op. 73, die drei Fassungen seiner einzigen vollendeten Oper Leonore/Fidelio op. 72 und die Missa solemnis op. 123.
Das für die Wissenschaft wohl nach wie vor rätselhafteste Lebensdokument Beethovens ist sein Brief an die Unsterbliche Geliebte. An wen dieser Brief gerichtet war, ist bislang nicht geklärt.
Eine weitere Facette Beethovens zeigte die eigens für die Ausstellung geschaffene Graphic Novel „Die neue Musik“ des Berliner Künstlers Mikael Ross, der einen fiktiven Tag in der Kindheit des jungen Ludwig darstellt.

Jetzt fragen Sie sich sicher, was es Ihnen hilft, zu lesen, was Sie verpasst haben? Auch in der aktuellen Krisen-Situation gibt es viele Möglichkeiten, Beethoven ganz allgemein und auch unsere Ausstellung zu genießen. Vielleicht gehen Sie in die Digital Concert Hall unserer Kooperationspartner, den Berliner Philharmonikern, und starten z. B. den Mitschnitt vom Konzert vor dem Brandenburger Tor: Kirill Petrenko dirigiert Beethovens Neunte. Im Augenblick gibt es sogar ein kostenloses Angebot. Danach besuchen Sie unsere Ausstellung virtuell. Hier haben Sie durch die Verlinkungen zu unseren hochauflösenden Digitalisaten sogar den Vorteil, die gezeigten Werke ganz nah heranzoomen zu können – so nah dürfen Sie den Originalen nie kommen!

Das ist Ihnen zu elektronisch? Kein Problem! Im Buchhandel können Sie den Begleitband zur Ausstellung erwerben. Sie finden alle Angaben auf der Seite des Verlages, einen direkten Link mit ‘Blick ins Buch’ gibt es auch.

Die Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin. „Diesen Kuß der ganzen Welt!“
Herausgeberinnen: Friederike Heinze, Martina Rebmann, Nancy Tanneberger
ISBN: 978-3-7319-0914-9

Und wenn Sie nun ganz besonders enttäuscht sind, weil Sie jetzt wissen, welche wunderbaren Originale Sie nicht sehen konnten, haben wir noch einen letzten Trost für Sie. Im Augenblick befinden sich die kostbaren Stücke natürlich wieder in den Tresoren der Bibliothek. Die Ausstellungsaufbauten haben wir aber stehen gelassen – sobald die Bibliothek wieder geöffnet werden darf, zeigen wir Ihnen die Ausstellung noch einmal. Das ist dann tatsächlich noch einmal die Gelegenheit, der Aura des großen Künstlers in seinem handschriftlichen Vermächtnis fast so nah wie bei einem Kuss zu sein.

 

Im Rahmen des bundesweiten Programms BTHVN2020 gefördert durch
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien