Die verlorene Schrift eines Mönchs
Vermutlich stammte er aus Westengland. Irgendwann um 1299 trat er in den Benediktinerorden ein. Er bereiste Nordengland und verbrachte zumindest seine letzten Lebensjahre im Kloster St. Werburgh in Chester. Hier fand er nach seinem Ableben um 1363/64 seine letzte Ruhestätte. Sein Name lautete Ranulf Higden oder auch Ranulf Higdon.
Higden war einer der bedeutendsten englischen Gelehrten und Chronisten seiner Zeit. Von 1327 bis 1342 schrieb er das „Polychronicon“, eine Universalgeschichte, die zu einem Standardwerk avancierte. Bis heute sind insgesamt mehr als 100 Abschriften davon erhalten, eine befindet sich im Besitz der Bodleian Library in Oxford.
Higden verfasste weitere Werke, darunter Handbücher für Seelsorger (Speculum curatorum) und Prediger (Ars componendi sermones), eine Kalenderlehre sowie ein Handbuch zur lateinischen Grammatik mit dem Titel „Petagogicum super Donatum“. Dieses Petagogicum galt bisher als verschollen.
In unserem Bestand befindet sich ein Teil der Handschriftensammlung des Bücherliebhabers Sir Thomas Phillipps (1792-1872). Er trug im Laufe seines Lebens etwa 60.000 Handschriften zusammen; die meisten stammen aus dem Mittelalter. Aus dieser Sammlung kaufte die damalige Königliche Bibliothek zu Berlin im Jahr 1889 über 600 Handschriften.
Auf einer Tagung in Cambridge erhielt der Göttinger Wissenschaftler Dr. Dirk Schultze den Hinweis auf ein Fragment eines mittelenglischen Textes in der Berliner Stabi. Das besagte Fragment war ursprünglich mit einem weiteren lateinischen Text unter der Signatur Ms. Phill. 1805 zusammengebunden. Spätestens 1937 erhielt es einen eigenen Einband und eine eigene Signatur: Fragment 45. Dr. Schultze wollte beide Komponenten einsehen und kontaktierte unseren Handschriftenexperten Dr. Bertram Lesser.
Dr. Lesser untersuchte die enthaltenen Texte und entdeckte auf Blatt 116 recto in der Schlussrubrik die ungewöhnliche Angabe „Petagogicum fratris R. super Donatum“. In einem digitalisierten Oxforder Katalog fand er auf einer Werkliste Ranulf Higdens den Titel „Petagogicum artis grammaticae“. Die Oxforder Liste führte auch Higdens Kalenderlehre auf. Deren Textanfang stimmte mit dem Textanfang von Ms. Phill. 1805 überein. Dieser Band stammte ursprünglich aus der Abtei St. Werburgh in Chester.
Higden kennzeichnete seine Texte mit Hilfe von Akrosticha: Die Anfangsbuchstaben der einzelnen Kapitel seiner Werke ergeben, hintereinander gelesen, den Autorennamen und den Werktitel. Im Falle unserer Kalenderlehre ergeben diese Anfangsbuchstaben den Text ARS RANULPHI SUPER KALENDARIUM (Die Lehre Ranulfs über den Kalender). Da die ersten 13 von insgesamt 55 Kapiteln fehlen, ist auch das Akrostichon unvollständig, kann aber mit Hilfe der Schlussrubrik so rekonstruiert werden: [PETAGOGICUM FRA]TRIS RANULPHI CESTRENSIS MONACHI SUPER DONATUM. Damit ist gesichert, dass es sich bei dem Fund um Ranulf Higdens verschollenes Werk handelt. Unser Manuskript ist zwar zu Higdens Lebzeiten hergestellt worden, stammt aber nicht von seinen eigenen Hand.
Das Berliner „Petagogicum“ umfasst 120 beidseitig beschriebene Blätter. Der grammatische Text, der zu Unterrichts- und Lehrzwecken dienen sollte, besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil behandelt Wortarten und Grundlagen der Morphologie und Syntax. Beim zweiten Teil handelt sich um einen ausführlichen Kommentar zur „Ars minor“, einer auch im Mittelalter weit verbreiteten Schulgrammatik des römischen Rhetoriklehrers Aelius Donatus (* um 310, + um 380).
Wer mehr über die Entdeckung erfahren möchte, lese die Pressemeldung der Uni Göttingen oder das Interview mit den beiden Entdeckern. Sowohl das Fragment als auch die zugehörige Handschrift sind online einsehbar.
Es ist schwer abzuschätzen, wie viele verschollene Texte in unserem Bestand schlummern. Um sie aufzuspüren, ist viel mühevolle und zeitaufwendige bibliographische Arbeit erforderlich. An dieser Stelle bleibt mir nur, Herrn Dr. Dirk Schultze und Herrn Dr. Bertram Lesser zu ihrem sensationellen Fund zu beglückwünschen.




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