Gipfeltreffen – im Humboldt-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin

Nachlässe stellen Bibliotheken oft vor große Herausforderungen. Denn häufig wird dabei nicht nur Material übergeben, das gewöhnlich in einer Bibliothek verwaltet wird, also Papiere, Noten, Fotos, Bücher und Tonträger, Objekte, mit denen wir uns auf vertrautem Gebiet bewegen. Manche Nachlässe fordern uns mit ihrer Materialvielfalt heraus, sei es, dass wir für ein Stück eine besondere Aufbewahrungsart benötigen oder dass es sich sogar um ein Instrument handelt! Den Nachlass des großen Sängers Dietrich Fischer-Dieskau (1925–2012) erhielt die Staatsbibliothek als großzügiges Geschenk: übernommen wurden dabei über 100 Nachlasskisten – vergleichbar mehr als 20 Umzugskartons. Der Nachlass ist gut geordnet und kann im Musiklesesaal benutzt werden, eine Basis-Erschließung in der weltweit zugänglichen Datenbank der Nachlässe, Kalliope, – ist bereits erfolgt.

Enthalten sind Musikdrucke mit eigenhändigen Notizen, umfangreiche Korrespondenz mit Musikerinnen und Musikern, Konzertagenturen, Firmen oder auch Fans. Dies wird ergänzt durch Manuskripte zu Vorträgen, Aufsätzen und Büchern des Sängers, zudem sind auch Verträge, Programmzettel, Fotos und viele Schallplatten und CDs im Nachlass enthalten. Und ein Flügel! Diesen Bösendorfer-Konzertflügel hat Dietrich Fischer-Dieskau in den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts gekauft. Er stand im Wohnzimmer des berühmten Musikers in Berlin bis er ebenfalls an die Staatsbibliothek übergeben wurde. Bei der Gedenkveranstaltung für Dietrich Fischer-Dieskau in der Staatsbibliothek im Jahr 2015 wurde er von Hartmut Höll, damals Rektor der Hochschule für Musik in Karlsruhe, gespielt. Nun wurde der Flügel gründlich überholt, bevor er an seinen endgültigen Standort gekommen ist: Bis 2022 stand er im Otto-von Braun-Saal am Standort Potsdamer Straße der Staatsbibliothek. Seit Januar 2023 wurde er von einem Berliner Klavier- und Cembalobauer fachgerecht überarbeitet und seit Juni 2023 steht er nun wieder in der SBB, im Humboldt-Saal im Haus Unter den Linden. Überholt wurden u. a. die Mechanik sowie das Gehäuse des Flügels, dazu bekam das Instrument noch eine schützende Decke, denn der Humboldt-Saal wird selbstverständlich für verschiedene Veranstaltungen genutzt. Somit ist das Instrument nun einsatzbereit bei musikalischen Veranstaltungen der Bibliothek.

Ein außergewöhnliches Detail am Instrument sind die Unterschriften von Fischer-Dieskaus Klavierpartnern, die sich auf dem goldfarbenen Metallrahmen im Flügelinnern befinden: Unterschriften etwa von Komponisten und Künstlern wie Leonard Bernstein und Aribert Reimann, Daniel Barenboim, Jörg Demus und Wilhelm Kempf, oder Hertha Klust, die Fischer-Dieskau bereits 1948 im Titania Palast bei einer Aufführung der „Schönen Müllerin“ von Franz Schubert am Klavier begleitete. Ein Gipfeltreffen der ganz besonderen Art!

 

 

 

 

Somit kann der Nachlass Fischer-Dieskaus nicht nur per Einsichtnahme in das Archivmaterial benutzt werden: der Bösendorfer-Flügel aus dem Nachlass wird auch gespielt. Gleich nachdem der Flügel frisch überholt an seinem neuen Ort angekommen war, wurde er bereits mit Klängen des Komponisten Werner Richard Heymann (1896–1961) „eingeweiht“: Heymann komponierte u. a. Operetten und Filmmusik, „Ein Freund, ein guter Freund…“ stammt unter anderem von Heymann oder die Filmmusik zu Die Drei von der Tankstelle. Von Werner Richard Heymann hat die Bibliothek zahlreiche Notendrucke im Bestand.

Somit ist dieser Teil des Nachlasses von Fischer-Dieskau nicht nur gesichert (katalogisiert im engeren Sinn ist er nicht…), sondern er wird auch benutzt. Und Berlins Mitte hat einen weiteren hoch-musikalischen Veranstaltungsort!

Weitere Informationen:
https://blog.sbb.berlin/nachlass-von-dietrich-fischer-dieskau-kam-als-geschenk-in-die-bibliothek-2/

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