• BLOG-NETZWERK FÜR FORSCHUNG UND KULTUR
SBB aktuell
  • FOYER
  • SERVICE
  • IT-INNOVATION
  • WISSEN
  • FEUILLETON
  • Menü Menü
Fotografie von Robert Radecke mit Schwiegertochter Marguitta und Sohn Ernst (55 Nachl 115/F,6)

Robert Radeckes Korrespondenz-Nachlass erschlossen

22.11.2024/4 Kommentare/in Feuilleton, Foyer, Musik, SBB-Startseite, SPK, Wissen/von Kai Pauldrach
Briefe Joseph Joachims und Robert Radecke (55 Nachl 115/A,996–1000)

Briefe Joseph Joachims an Robert Radecke (55 Nachl 115/A,996–1000)

Im Sommer des vergangenen Jahres begann das Nachlass-Referat der Musikabteilung, den umfangreichen Korrespondenz-Nachlass Robert Radeckes (Signatur 55 Nachl 115) zu erschließen und in der Nachlass-Datenbank Kalliope für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die fast 6.000 Briefe, darunter von einigen der bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschsprachigen Musiklebens des 19. Jahrhunderts, und an die 700 Dokumente (z. B. Tagebücher und Bilder) sind nun in Kalliope, dem nationalen Nachweisinstrument für Nachlässe, Autographen und Verlagsarchive, einzeln recherchierbar. Die ebenfalls umfangreiche Programmzettelsammlung Radeckes wurde größtenteils im Konvolut erschlossen. Die im Nachlass enthaltenen Musikalien (4 Kästen) bleiben vorerst unerschlossen.

Robert Radecke (1830–1911), der heute wohl nur noch wenigen Expert:innen ein Begriff ist, nahm tatsächlich im Musikleben des 19. Jahrhunderts eine zentrale Stellung ein, wo er sich vor allem als Musikpädagoge und Dirigent, aber auch als Musiker und Komponist schnell einen Namen machte. Geboren 1830 im niederschlesischen Dittmannsdorf (heute Dziećmorowice) als Sohn des dortigen Kantors und Schullehrers Siegismund Radecke genoss er schon als Kind eine reiche musikalische Ausbildung. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Rudolf (später ebenfalls Musikdirektor in Berlin) konnte er diese ab 1845 am Gymnasium in Breslau fortsetzen. Nach erfolgreichem Abschluss wurde er gemeinsam mit einigen seiner später engsten Freunde, darunter Engelbert Röntgen und Heinrich von Sahr, 1848 am Conservatorium der Musik zu Leipzig aufgenommen. Auch Woldemar Bargiel lernte er dort kennen. Zu seinen Lehrern zählten unter anderen Julius Rietz, Ferdinand David und Ignaz Moscheles. In Leipzig kam er um 1850 auch in den engeren Freundeskreis um Robert und Clara Schumann und war kurzzeitig zweiter Direktor der dortigen Singakademie, sowie Kapellmeister des Stadttheaters. 1853 zog Radecke schließlich nach Berlin, wo er endgültig in die erste Reihe bedeutender Musikpersönlichkeiten aufstieg. 1863 wurde er Musikdirektor an der Königlichen Hofoper, 1883 Direktor des Stern’schen Konservatoriums, 1892 schließlich Leiter des Königlichen Akademischen Instituts für Kirchenmusik, alles Positionen, aus denen heraus er das Musikleben seiner Zeit bedeutend mitprägte. Als Komponist blieben seine Erfolge vergleichsweise bescheiden. Lediglich ein Lied, eine Vertonung von Friedrich Rückerts Gedicht „Aus der Jugendzeit“, wurde zum durchschlagenden Erfolg und bahnte sich seinen Weg durch sämtliche Studentenverbindungen und Männergesangsvereine des deutschsprachigen Territoriums. Ein „One-Hit-Wonder“ des 19. Jahrhunderts.

https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/4898-A-Radecke-Aus-der-Jugendzeit.mp3

 

Ergänzt wird der Brief-Nachlass durch Radeckes bereits 1997 von der Staatsbibliothek erworbenen musikalischen Nachlass (Signatur N.Mus.Nachl. 149), dessen vollständige Erschließung noch aussteht. Der Korrespondenz-Nachlass selbst kam erst 2018 als Schenkung durch die Witwe eines Urenkels Robert Radeckes in die Staatsbibliothek und enthält neben der beruflichen Korrespondenz mit bedeutenden Personen wie Joseph Joachim, Woldemar Bargiel, Clara Schumann, Ernst Rudorff, Max Bruch und anderen auch in großem Umfang Familienkorrespondenz, sowie Briefe und Dokumente aus den Nachlässen von Radeckes Onkel Ernst (1790–1873), der als Hofprediger und Konsistorialrat im Umfeld des Adelsgeschlechts Stolberg in Wernigerode wirkte, und seinem Sohn Ernst (1866–1920), der sich in der Schweiz als Musikdirektor im Musikkollegium Winterthur einen Namen machte. Auch die Familienkorrespondenz enthält Briefe bedeutender Persönlichkeiten der jeweiligen Zeit. So war Robert Radecke über seinen Onkel Ernst mit Johann Friedrich Reichardt und August Meineke verschwägert, über seinen Sohn Ernst mit Johann Karl Eschmann, über seinen Sohn Walther mit Hugo Bock, Leiter des Musikverlages Bote & Bock. Durch seine Frau Charlotte, Tochter des bedeutenden Theologen Ludwig Jonas, konnte Radecke Mitglieder einflussreicher Familien des Bürgertums wie Delbrück, Körte, Simson, Reimer und Benda, sowie des Adelsgeschlechtes derer von Schwerin zu seiner Verwandtschaft zählen. Insbesondere sind aber auch Radeckes frühere Jugendgeschichte in Dittmannsdorf, sein Aufwachsen im Kantorenhaus mit den vier die Kindheit überlebenden Geschwistern, von denen zwei unter tragischen Umständen noch im jungen Erwachsenenalter starben, sowie der Tod seiner Kinder Paul und Joachim Radecke und seiner Frau Charlotte dokumentiert. Ebenso finden sich Zeugnisse seiner musikalischen Reifeprüfungen in Leipzig und Berlin. Aus dieser Zeit stammen auch die zeitweise fast täglichen Briefe und Gedichte der deutlich älteren und kurz nach Radeckes Hochzeit verstorbenen Gesangslehrerin Johanna Zimmermann, die Jahrzehnte zuvor schon einmal Felix Mendelssohn umschwärmt hatte (vgl. Aus meinem Leben. Erinnerungen von Heinrich Dorn. Dritte Sammlung. Berlin 1872). Dies sei erwähnt, um nur einige der im Nachlass wartenden Aspekte zu nennen, über die man in historischen Veröffentlichungen wenig bis gar nichts findet und die daher viel Raum für grundlegende Forschung bieten.

Buch mit Robert Radecke gewidmeten Gedichten Johanna Zimmermanns, von Radecke später zum Notizbuch umfunktioniert (55 Nachl 115/D,23)

Buch mit Robert Radecke gewidmeten Gedichten Johanna Zimmermanns, von Radecke später zum Notizbuch umfunktioniert (55 Nachl 115/D,23)

Besonderer Dank gebührt an dieser Stelle Frau Maria Radecke-Vogel, die durch ihre Schenkung die Öffnung des Nachlasses für die Öffentlichkeit erst ermöglichte, ihrem verstorbenen Mann, dem Pfarrer Christian Radecke, der den Nachlass aufbewahrte, vorordnete und zum Teil in Regesten erschloss, und Hanspeter Renggli für dessen Redaktion von Christian Radeckes Arbeit.

Schlagworte: 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, Berlin, Briefe, Erschließung, Leipzig, Musik, Nachlass, Wernigerode, Winterthur
Eintrag teilen
  • Teilen auf Facebook
  • Teilen auf X
  • Auf WhatsApp teilen
  • Teilen auf Pinterest
  • Teilen auf LinkedIn
  • Teilen auf Tumblr
  • Teilen auf Vk
  • Teilen auf Reddit
  • Per E-Mail teilen
https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/Robert-Ernst-Marguitta-Radecke-scaled.jpg 1629 2560 Kai Pauldrach https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/stabi-logo-kante.png Kai Pauldrach2024-11-22 13:09:472026-06-24 09:43:29Robert Radeckes Korrespondenz-Nachlass erschlossen
Das könnte Sie auch interessieren
Besucher im Sommer und Reisen um die Welt
Schlosstheater Rheinsberg – zwischen Rückblick auf 2023 und Ausblick auf 2024
Screenshot vom Judaica-Portal Judaica-Portal Berlin-Brandenburg online
„Frische teutsche Liedlein“ mit der lautten compagney in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“
Berlin: Kinderbuchverlag 1963 © Elizabeth Shaw Erben 10+1 im Lesesaal, diesmal: Elizabeth Shaw
Fabricius, Johann: Rosen Gärtlein : Christlicher Rosengarte/ Daraus ein jeder Christ in allerleyCreutz/ Trübsal/ Angst/ und Noth/ Kräutlein/ blümlein/ und mancherley schöne Rößlein zur Labung und erquickung/ abbrechen und hinweg nehmen mag / In diesen Zeiten gantz tröstlich und lieblich zu lesen zugericht. - Nürnberg: Heussler, 1602. Bibliothekssignatur Slg Wernigerode Hb 540. Staatsbibliothek zu Berlin - PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA Buchpatenschaft für den Monat September 2018
Testen Sie das Streaming-Angebot!
Friedrich Nicolai und die erste chemische Fachzeitschrift
4 Kommentare
  1. Seth Blacklock sagte:
    22.08.2025 um 14:18

    Hello.

    I am very pleased that Robert Radecke’s estate has been made available. Although the musical estate has not yet been fully catalogued, can I enquire as to whether these holdings contain any prints or manuscripts by his student Max Jentsch?

    Many thanks.

    Antworten
    • Kai Pauldrach
      Kai Pauldrach sagte:
      25.08.2025 um 10:19

      Dear Mr Blacklock,

      a quick inspection revealed no prints or manuscripts credited to Jentsch. There is a very small number of unidentified works though.

      Kai Pauldrach

      Antworten
    • Kai Pauldrach
      Kai Pauldrach sagte:
      25.08.2025 um 10:29

      There is, however, another musical estate (https://kalliope-verbund.info/DE-611-BF-4751), which is larger than the one contained here, which apparently does include compositions by his students, and which I cannot check as easily. If you want to see through them yourself, please write an e-mail to musik@sbb.spk-berlin.de, detailing your enquiry.

      Antworten
      • Seth Blacklock sagte:
        28.08.2025 um 17:35

        Thank you very much for your help!

        Antworten

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar Antworten abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Search Search

Kommentare:

  • Hassan Warraich bei Wissenshunger stillen ohne Krümel | Feed Your Hunger for Knowledge — Without the Crumbs
  • Bianca Henn-Hoffmann bei Fair bleiben – Pausenscheibe nutzen – Plätze teilen | Stay fair – Use the Study Break Disc – Share Your Desks
  • Lütkemeier bei Fair bleiben – Pausenscheibe nutzen – Plätze teilen | Stay fair – Use the Study Break Disc – Share Your Desks
  • H. Dembowski bei Reden über Rodrian
  • Ulrike Rodrian bei Reden über Rodrian

Schlagwörter

Ausbildung Ausleihe Ausstellung Benutzung Benutzungseinschränkung Bilderbuch Buchpatenschaft CrossAsia Datenbank digitale Lektüretipps Digitalisierung E.T.A. Hoffmann Fachinformation Freunde der Staatsbibliothek Geschichte Hinweis Import Jugendbuch Kinderbuch Kulturelles Erbe Lesesaal Martin Luther Materialität Musik Osteuropa Presse Promovierende Provenienzforschung Recherche Recht Rechtsforschung Rechtswissenschaften Reformation Restaurierung sbb online offen Service Servicezeiten Slawistik Stipendienprogramm Werkstattgespräch Wissenswerkstatt Workshop Zeitschriftendatenbank Zeitungen Öffnungszeiten

Unsere Blogs

  • E. T. A. HOFFMANN PORTAL
  • FEUILLETON
  • FOYER
  • FREUNDE DER BIBLIOTHEK
  • HISTORISCHE DRUCKE
  • INKUNABELN
  • IT-INNOVATION
  • KARTEN
  • MUSIK
  • ORIENT
  • PODCAST
  • PRESSE
  • SERVICE
  • TERMINE
  • WISSEN

Suche über alle Beiträge:

Search Search

Folgen Sie uns auf Instagram

Folgen Sie uns auf Bluesky

Folgen Sie uns auf Mastodon

Besuchen Sie uns auf Youtube

ARCHIV ALLER BLOGBEITRÄGE

Zum Kalender
© Copyright - Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
  • RSS-Feeds abonnieren
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung
  • Erklärung zur Barrierefreiheit
  • Barriere melden
Link to: ZDB-Online-Schulung für Neueinsteiger im Januar 2025 Link to: ZDB-Online-Schulung für Neueinsteiger im Januar 2025 ZDB-Online-Schulung für Neueinsteiger im Januar 2025Frau mit Megaphonhttps://pixabay.com/de/vectors/frau-megaphon-schrei-apropos-4370509/ Link to: 4. Dezember – Service erst ab 13 Uhr | <span lang="en">Service only from 1pm Link to: 4. Dezember – Service erst ab 13 Uhr | <span lang="en">Service only from 1pm SBB-PK CC BY-NC-SA 3.04. Dezember – Service erst ab 13 Uhr | Service only from...
Nach oben scrollen Nach oben scrollen Nach oben scrollen