Beiträge aus der Abteilung Historische Drucke

Včera i segodnja, mit Stempel zur Neuinventarisierung

Gestern und heute – ein literarischer Almanach aus der frühen Sowjetzeit

Mit bewegter Geschichte: jüngst erworben für die Osteuropa-Sammlungen der Staatsbibliothek

Včera i segodnja : al’manach byvšich pravonarušitelej i besprizornych. – Moskva, Leningrad : Gosudarstvennoe Izdat. Chudožestvennoj Literatury, 1931-
Signatur: Zsn 130859

Man sieht dem kleinen Band an, dass er nicht nur eine bewegte Geschichte beschreibt, sondern eine solche auch hinter sich hat. Die Vorderseite des Schutzumschlages ist sorgfältig auf einen neueren festen Einband aufgeklebt. So konnten die beiden kleinen Illustrationen im konstruktivistischen Stil erhalten bleiben. Sie sind von Alexander Tschob (Aleksandr Ivanovič Čob) gestaltet worden.

Vorderer Einband nach der Gestaltung von A. Tschob

Vorderer Einband nach der Gestaltung von A. Tschob

Genau wie die Autoren der Texte gehörte er zu der großen Gruppe von bis zu sieben Millionen verwaister, obdachloser und kleinkrimineller Kinder und Jugendlicher, die in den Jahren nach Weltkrieg, Revolutionen und Bürgerkrieg durch das Land streiften, aufgegriffen und in Kolonien für minderjährige Straftäter und Herumstreicher eingewiesen wurden. Nach Ideen des Pädagogen, Schriftstellers und Geheimdienstoffiziers Anton S. Makarenko wurden dort Maßnahmen zur Umerziehung, Bildung und Resozialisierung der Jugendlichen umgesetzt. Einige dieser Kolonien entwickelten sich später zu Kommunen, in denen die Insassen durch Übertragung von individueller Verantwortung und größeren Freiheiten an ein selbstständiges ziviles Leben herangeführt werden sollten.
Literatur und Kunst wurden in die pädagogische Arbeit integriert. Vor allem in der von Makarenko gegründeten Gorki-Kolonie, für die der Schriftsteller Maxim Gorki (Maksim Gorkij oder Aleksej Maksimovič Gorkij) eine Art Patenschaft übernahm und die er mehrfach u.a. auch gemeinsam mit dem französischen Schriftsteller und Politiker Henry Barbusse besuchte, entwickelte sich ein reiches kulturelles Leben. Auf Anregung Gorkis widmete sich der Kolonieinsasse Pawel Schelesnow (Pavel Il’ič Železnov) der Vorbereitung eines Bandes mit Texten anderer Insassen solcher Kolonien.

Schelesnows Porträt von Alexander Nemzow

Schelesnows Porträt von Alexander Nemzow

Er sammelte ihre Berichte, Erzählungen und Gedichte. Ergänzt durch Fotografien erschien 1931 dieser erste Almanach „Gestern und heute: Almanach gewesener Gesetzesbrecher und Straßenkinder“ mit einem Vorwort von Maxim Gorki. Dort hebt Gorki hervor: „Neben seiner agitatorischen, pädagogischen Bedeutung hat dieses von Straßenkindern geschriebene Buch einen ganz eigenen Wert: es berichtet davon, dass im ‚Nachtasyl‘ begabte Menschen leben, und erinnert daran, dass sie in alter Zeit niemals aus diesem Nachtasyl herausgefunden hätten“. Der Originaltitel des Stückes Nachtasyl lautet „Na dne“ – wörtlich übersetzt „am Boden, auf dem Grund, ganz unten“. Gorki verwendet hier diese Bezeichnung in direktem Bezug auf sein Werk für die sozial am schlechtesten gestellten und geächteten Bevölkerungsgruppen.
Neben Tschop und Schelesnow treten in dem Band weitere Autoren hervor, deren Lebensweg in der Kindheit und frühen Jugend durch soziale Perspektivlosigkeit, Kleinkriminalität und Landstreicherei gekennzeichnet war und die später dennoch Schriftsteller wurden. In verschiedenen Kolonien konnten sie alle eine grundlegende Schulbildung erhalten, Vorstellungen von sozialem Zusammenleben und sozialer Verantwortung entwickeln, zum Teil sogar studieren und letztlich eben eine Schriftstellerlaufbahn einschlagen. Dies trifft beispielsweise auf Iwan Dremow (Ivan Afanas’evič Dremov) zu, der in dem Band schon als Student der „Litrabfak“ – der Arbeiter- und Bauernfakultät für Literatur am Gorki-Literaturinstitut – einige Gedichte beitrug und auch später mehrere Gedichtbände veröffentlichte. Auch der spätere als Schriftsteller und Übersetzer Wiktor Awdejew (Viktor Fedorovič Avdeev) publizierte hier erstmals die Erzählungen „Karapet“ (Held der armenischen Mythologie) und „Schiga‘s Triumph“ (Toržestvo Žigi). Für ihn blieb das Schicksal der Straßenkinder das wichtigste Thema seines späteren Schaffens.

Titelblatt mit gelöschten Eigentumszeichen sowjetischer Bibliotheken

Titelblatt mit gelöschten Eigentumszeichen sowjetischer Bibliotheken

1976 gab er zusammen mit Dremow und Alexander Burtynski (Aleksandr Semenovič Burtynskij) unter dem Titel „Gestern und heute“ einen Sammelband zu diesem Thema heraus.
Die zahlreichen Vorbesitzerstempel im Exemplar der SBB PK zeugen ebenfalls von einer bewegten Geschichte.

Der Band muss durch hunderte Hände gegangen sein. Alle früheren Eigentumsstempel sind von Einrichtungen des sowjetischen Schriftstellerverbandes: „Bibliothek des Schriftstellerklubs der Föderation sowjetischer Schriftstellerverbände“ (FOSP – Federacija organizacij sovetskich pisatelej,

Ungültiger Stempel der FSOP-Bibliothek

Ungültiger Stempel der FSOP-Bibliothek

„Bibliothek des Hauses sowjetischer Schriftsteller“, „Bibliothek des Zentralen Hauses der Literaten“. Ein vierter Stempel zeugt von einer Neuinventarisierung.

Damit stellt sich die Frage, ob die Stempel nicht alle einer einzigen Einrichtung zuzuordnen sind, ob bei Namensänderungen der Bibliothek nicht einfach ein neuer Stempel aufgebracht wurde und somit eigentlich nur ein Vorbesitzer zu verzeichnen ist? Um diese Frage eindeutig zu beantworten, müsste jedoch länger recherchiert werden. Fest steht jedoch: Alle alten Stempel sind mit russischen „Pogascheno“ -Stempeln ordnungsgemäß ungültig gemacht worden. Nunmehr hat das Büchlein mit seiner interessanten Geschichte heute in den Sammlungen der Staatsbibliothek ein bleibendes Zuhause gefunden.
Übrigens erschien 1933 ein zweiter Almanach. Doch dieser steht dem deutschen Leser leider noch nicht zur Verfügung. Die SBB-PK wird sich aber um seine Erwerbung bemühen.

Mehr zum Thema

Werke von Wiktor Awdejew im Stabikat
Werke von Iwan Dremow im Stabikat
Werke von Pawel Schelesnow im Stabikat

Von Hamburgern und Kahlenbergern

Zu den angenehmen Aufgaben des Inkunabelreferats gehört es, Präsentationen und Seminare für auswärtige Gäste und Studierende zu veranstalten. Ein schon zur Tradition gewordener Termin für solche Workshops ist die Pfingstwoche – der klassische Exkursionszeitraum an vielen deutschen Universitäten. Dabei ermöglicht die außerordentliche Breite und Tiefe der Handschriften- und Inkunabelbestände der Staatsbibliothek, (fast) alle konkreten Seminarthemen und Forschungsvorhaben mit Anschauungsmaterial zu versorgen.

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Deutsch-Russischer Bibliotheksdialog: 23. und 24. Mai 2016 in der SLUB Dresden

Deutsch-Russischer Bibliotheksdialog, Dresden, 23.-24. Mai 2015
Германо-Российский библиотечный диалог , Дрезден, 23-24 мая 2016 г.

Am 23. und 24. Mai findet der 6. Deutsch-Russische Bibliotheksdialog in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) statt. Die von der Kulturstiftung der Länder, der SLUB Dresden, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und von dem russischen Kulturministerium geförderte Tagung wird von den beiden Sprechern Barbara Schneider-Kempf (Berlin) und Wadim Dudá (Moskau) eröffnet. Die russischen und deutschen Vorträge sind der Rekonstruktion verlagerter Sammlungen, der Provenienzforschung und den Möglichkeiten digitaler Erschließung und Präsentation gewidmet.
Im Jahre 1992 haben Deutschland und Russland eine enge kulturelle Zusammenarbeit verabredet. Seither finden regelmäßige Museums- und Bibliotheksdialoge statt.
Wenn Sie als Gast an dem zweisprachigen Programm (deutsch, russisch) teilnehmen wollen, ist aus organisatorischen Gründen Ihre persönliche Anmeldung erforderlich: Generaldirektion@slub-dresden.de oder Tel. 0351-4677-123.

Seit 2009 finden regelmäßig Treffen des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs statt, um über die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges, die Verlagerungen von Buchbeständen und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu sprechen. Nach Treffen in Moskau, Berlin, Perm, Leipzig und Saratow ist am 23. und 24. Mai 2016 die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) Gastgeberin des sechsten Bibliotheksdialogs. Die vertragliche Grundlage für die Kulturbeziehungen bildet das Abkommen zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der Russischen Föderation über kulturelle Zusammenarbeit vom 16. Dezember 1992.

Die von der Kulturstiftung der Länder, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und von dem russischen Kulturministerium geförderte Tagung wird von den beiden Sprechern Barbara Schneider-Kempf (Berlin) und Wadim Dudá (Moskau) eröffnet. Die russischen und deutschen Beiträge sind der Rekonstruktion verlagerter Sammlungen, der Provenienzforschung und den Möglichkeiten digitaler Erschließung und Präsentation gewidmet. Ein Sammelband der ersten fünf Tagungen wird in Dresden präsentiert. In 36 Beiträgen dokumentiert er bisherige Erkenntnisse und die inhaltliche Vielfalt des Dialogs, z.B. über die Spurensuche nach der Wallenrodt´schen Bibliothek in Königsberg, über die Arbeiten mit Verlustkatalogen, über die Rückführung der Esterhazy-Sammlung nach Österreich oder über die Erfahrungen des seit 2005 ebenfalls bestehenden russisch-deutschen Museumsdialogs. Dieser Tagungsband ist der verstorbenen Bibliotheksdirektorin Jekaterina Genijewa (1946-2015) gewidmet, die den Bibliotheksdialog von Anfang an prägte.

Ihr Nachfolger Wadim Dudá, Generaldirektor der Allrussischen Staatlichen Rudomino-Bibliothek für ausländische Literatur in Moskau, berichtet bei der Dresdner Tagung über die Digitalisierung wertvoller Buchbestände. Die deutschen Bibliotheken in Berlin und Bremen, Dresden und Weimar, Gotha und Leipzig sehen viele Möglichkeiten wissenschaftlicher Zusammenarbeit in digitalen Netzwerken. „Die Digitalisierung unserer reichen Bibliotheksbestände“, so Gastgeber Prof. Dr. Thomas Bürger (SLUB Dresden), „hat der internationalen Forschung neue Impulse gegeben und eröffnet der kulturellen Zusammenarbeit innovative Kooperationsmöglichkeiten. Umso mehr freuen wir uns auf den Wissensaustausch und die weitere Zusammenarbeit mit den russischen Kolleginnen und Kollegen.“
Programm für den 23. Mai 2016
Veranstaltungsort: Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Zellescher Weg 18, 01069 Dresden, Vortragssaal
(Die Schreibweise der russischen Namen im Deutschen orientiert sich an der deutschen Aussprache.)
Die Vortragenden werden gebeten, Ihre Beiträge und Präsentation auf ca. 15-20 Minuten zu begrenzen. Dadurch kann einer Diskussion der Thesen und Inhalte der einzelnen Beiträge auf 10-15 Minuten geplant werden.
Begrüßung (ca. 9.30 bis 10.00 Uhr)
Prof. Dr. Thomas Bürger, Generaldirektor der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)
Grußworte
Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SBB PK), deutsche Sprecherin des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs
Wadim Dudá, Generaldirektor der Allrussischen Staatlichen M.I. Rudomino-Bibliothek für ausländische Literatur (VGBIL), russischer Sprecher des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs
Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder
Sektion 1 (ca. 10.00 bis 13.00 Uhr)

Moderation: Barbara Schneider-Kempf – Wadim Dudá
Wadim Dudá (VGBIL): Fernzugriff auf kriegsbedingt verlagerte Büchersammlungen : Über ein Pilot-projekt der VGBIL Moskau und der SBB PK zur Digitalisierung
Jana Kocourek, Dr. Barbara Wiermann (SLUB): Digitalisierung historischer Quellen als wissenschaftliche Methode internationaler Kooperation
Prof. Dr. sc. Alexander Masurizki: Über ein Konzept zur Suche und Erfassung verlagerter Bücher-sammlungen
Dr. Uwe Hartmann (DZK): Kontinuität und Erweiterung – Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste: Aufgaben und Tätigkeitsfelder
Dr. Michail Afanasjew (GPIB): Büchersammlungen aus Deutschland in der Staatlichen Öffentlichen Historischen Bibliothek Russlands
Pause (13-14 Uhr)
Sektion 2 (ca. 14.00 bis 18.00 Uhr)

Moderation: Wadim Dudá – Barbara Schneider-Kempf
Dmitri Jefremenko (INION): Über die Arbeiten zur Beseitigung der Brandfolgen im Gebäude der Zent-ralbibliothek des Instituts für wissenschaftliche Information in den Gesellschaftswissenschaften (INION) der Russischen Akademie der Wissenschaften
Dr. Kathrin Paasch (FB Gotha): Der Buchbesitz der Herzöge von Sachsen-Gotha: eine virtuelle Rekonstruktion
Karina Dmitrijewa (VGBIL): Die Dante-Sammlung in der Abteilung für seltene Bücher der VGBIL: Forschungsstand und Perspektiven
Barbara Schneider-Kempf (SBB PK): Erschließung und Digitalisierung der amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts im Kontext der Nachlasserfassung in Berlin und Krakau
Kaffeepause ca. 15 Minuten
Rosa Salnikowa (VGBIL): Über die Arbeit der VGBIL zur Bestandserhaltung und Restaurierung von Ausgaben des 16. Jahrhunderts
Galina Lanzusskaja (UB Woronesch): Die Bearbeitung verlagerter Bücher in den Sammlungen der Wissenschaftlichen Gebietsbibliothek der Staatlichen Universität Woronesch
Volker Cirsovius (SUUB Bremen): Die Suche nach NS-Raubgut in deutschen Bibliotheken am Beispiel der SuUB Bremen
Dr. sc. Ilja Saizew (VGBIL): Eine islamische Handschrift aus der Stadtbibliothek Königsberg in Moskau
Abschluss des öffentlichen Teils ca. 18 Uhr

 

 

VI Германо-Российский библиотечный диалог
Дрезден, 23-24 мая 2016 г.
Программа
Дата проведения: 23 мая
Место проведения: Саксонская Земельная библиотека – Государственная и Университетская библиотека Дрездена (Zellescher Weg 18), конференц-зал.
На каждое выступление и презентацию отводится 15-20 мин., на вопросы и дискуссию – 10-15 мин.
Приветствия: 9.30-10.00

Проф. д-р Томас Бюргер, Генеральный директор Саксонской Земельной библиотеки – Государственной и Университетской библиотеки Дрездена
Барбара Шнайдер-Кемпф, Генеральный директор Государственной библиотеки в Берлине – Прусское культурное наследие, немецкий сопредседатель Германо-Российского библио-течного диалога
Вадим Валерьевич Дуда, Генеральный директор Всероссийской государственной библиотеки иностранной литературы имени М.И. Рудомино, российский сопредседатель Германо-Российского библиотечного диалога
Изабель Пфайффер-Поенсген, Генеральный секретарь Культурного фонда земель
Первое заседание: 10.00-13.00

Ведущие: Барбара Шнайдер-Кемпф и Вадим Валерьевич Дуда
Дистанционный доступ к перемещенным книжным коллекциям: о концепции пилотного проекта по оцифровке Библиотеки иностранной литературы и Государственной библио-теки в Берлине – Прусское культурное наследие
Вадим Валерьевич Дуда, Генеральный директор Всероссийской государственной библиотеки иностранной литературы имени М.И. Рудомино
Оцифровка исторических источников как научный метод международной кооперации
Яна Коцурек, заведующая Отделом рукописей, старопечатных книг и краеведения Саксонской Земельной библиотеки – Государственной и Университетской библиотеки Дрездена
Д-р Барбара Вирманн, заведующая Музыкальным отделом Саксонской Земельной библиотеки – Государственной и Университетской библиотеки Дрездена
Перемещенные книжные фонды: концепции отбора
Д-р Александр Михайлович Мазурицкий, профессор кафедры Библиотечно-информационной деятельности, Московский государственный лингвистический университет
Непрерывность и развитие – Немецкий центр по культурным потерям: задачи и напра-вления деятельности
Д-р Уве Хартманн, Фонд «Немецкий центр по культурным потерям»
Обзор книжных собраний Германии в Государственной публичной исторической библиотеке России
Д-р Михаил Дмитриевич Афанасьев, директор Государственной публичной исторической библиотеки России
Перерыв: 13.00-14.00
Второе заседание: 14.00-18.00

Ведущие: Вадим Валерьевич Дуда и Барбара Шнайдер-Кемпф
О работе по преодолению последствий пожара в здании Фундаментальной библиотеки Института научной информации по общественным наукам Российской Академии Наук (ИНИОН РАН)
Дмитрий Валерьевич Ефременко, Врио директора ИНИОН РАН
Книжное наследие герцогов Саксен-Готских: виртуальная реконструкция
Д-р Катрин Паш, директор Научной библиотеки Готы в Университетской и Научной библиотеке Эрфурта и Готы
Коллекция «Дантея» в собрании редких книг Библиотеки иностранной литературы: реалии и перспективы
Карина Александровна Дмитриева, заведующая Комплексным научно-исследовательским отделом Всероссийской государственной библиотеки иностранной литературы имени М.И. Рудомино, руководитель Центра по проблемам перемещенных культурных ценностей
Описание и оцифровка американских путевых дневников Александра фон Гумбольдта в контексте учета его наследия в Берлине и Кракове
Барбара Шнайдер-Кемпф, Генеральный директор Государственной библиотеки в Берлине – Прусское культурное наследие
Перерыв на кофе: 15 мин.
О работе Библиотеки иностранной литературы по консервации и реставрации изданий XVI в.
Розания Муртазовна Сальникова, заведующая Комплексным отделом хранения, реставрации и консервации фондов Всероссийской государственной библиотеки иностранной литературы имени М.И. Рудомино
Работа с перемещенными книгами в фонде Зональной научной библиотеки Воронежского государственного университета
Галина Сергеевна Ланцузская, заведующая Научно-исследовательским отделом редкой книги Зональной научной библиотеки Воронежского государственного университета
Поиск украденных нацистами книг в немецких библиотеках на примере Государственной и Университетской библиотеки Бремена
Фолькер Цирзовиус, Государственная и Университетская библиотека Бремена
Исламская рукопись из городской библиотеки Кёнигсберга в Москве
Д-р Илья Владимирович Зайцев, советник по научной деятельности Генерального директора Всероссийской государственной библиотеки иностранной литературы имени М.И. Рудомино
Окончание заседания около 18 ч.

„Rara? Wieso Rara?“

In großen bleigegossenen Lettern prangt die Schrift RARA-LESESAAL über dem neuen Eingang.

Und unsere Besucher*Innen wundern sich:
Warum trägt der Rara-Lesesaal diesen Namen? Kartenlesesaal, Handschriftenlesesaal, Musiklesesaal, alles klar, aber Rara?

Könnte es sich um eine geheimnisvolle Abkürzung handeln?
Etwa „Regelkonforme Aufbewahrung von Risikoliteratur mit Aggressionspotenzial“?
Werden dort die zuschnappenden Monsterbücher aus der Welt Harry Potters ausgegeben, die eine besondere Dompteurausbildung des Personals erfordern?

Nein, es ist viel einfacher:

Der Rara-Lesesaal ist nach Carl Wilhelm von Rara benannt, dessen Portrait deshalb dort an prominenter Stelle hängt (s. Bild oben).
Carl Wilhelm von Rara war ein bedeutender Sammler und quasi der „Erfinder“ des Alten Buches. Er wurde am 31.3.1799 in Crimmitschau an der Pleiße als jüngster Sohn eines Tuchfabrikanten geboren. Seine eher halbherzig betriebene Karriere als Jurist in der Verwaltung führte ihn über Dresden und Königsberg nach Berlin (ein Sachse in Preußen!), wo er 1856 verstarb. Dank des von seinen fünf früh verstorbenen Frauen ererbten Vermögens widmete er sich hauptsächlich seiner Büchersammlung, die nach seinem Tode in mehreren Auktionen verkauft wurde und nun in alle Winde zerstreut ist.

Beerdigt wurde er zusammen mit seinem Lieblingsbuch, einem handkolorierten Großfolianten, dessen mit Eisenbeschlägen gezierter Vorderdeckel als Grabplatte dient.
Das Grab von Rara ist auf dem Makulatur-Friedhof am Halleschen Tor zu finden, in unmittelbarer Nähe zur Amerika-Gedenkbibliothek, sehr passend für einen solchen Bibliophilen!

[Text von Silke-Michaela Wimmelhirn]


Und hier nun die Auflösung unserer primo-aprilesken Eskapade:

Leider ist die illustre Gestalt Carl Wilhelm von Raras ein reines Wimmelhirngespinst, die Bezeichnung Rara stammt vielmehr aus dem Lateinischen (rarus „selten, vereinzelt“) und wird für seltene und kostbare Drucke verwendet, siehe z.B. die von der Abteilung Historische Drucke betreute Rara-Sammlung.

[Die Red.]

„Frühe Schriften der von Martin Luther initiierten Reformation“ – Übergabe der UNESCO-Urkunde an die Staatsbibliothek

Am Abend des 17. März überreichte die deutsche UNESCO-Kommission den beteiligten deutschen Bibliotheken und Archiven die Urkunden über die Aufnahme der von ihnen bewahrten Zeugnisse des schriftlichen Kulturerbes in das  Weltdokumentenerbe „Frühe Schriften der von Martin Luther initiierten Reformation“.

Im Refektorium des Lutherhauses in Lutherstadt Wittenberg sprachen zu den Vertreterinnen und Vertretern der gewürdigten Institutionen der Vizepräsident der deutschen UNESCO-Kommission, Prof. Dr. Christoph Wulf, der Justizminister und Reformationsbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz, Prof. Dr. Gerhard Robbers, der Direktor des Staatsarchivs Bremen und stellv. Vorsitzende des Memory of the World-Nominierungskomitees, Prof. Dr. Konrad Elmshäuser , Frau Prof. Dr. Irene Dingel (Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz) sowie der Vorstand und Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Dr. Stefan Rhein. Die Wortbeiträge wurden musikalisch umrahmt durch Mitglieder der Wittenberger Hofkapelle unter der Leitung von Thomas Höhne.

Beim Festakt in Wittenberg war die Staatsbibliothek vertreten durch Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf (mittig). - Foto: Cornelia Kirsch

Die Urkunde der UNESCO, unterzeichnet von Generaldirektorin Irina Bokova.

Ausgewählte Schriften Martin Luthers sind in das Weltregister des Dokumentenerbes der UNESCO aufgenommen worden. Die 14 Schriften, darunter aus den Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin ein Handexemplar Luthers der Hebräischen Bibelausgabe sowie ein Plakatdruck der 95 Ablassthesen, ferner die Bibelübersetzung und seine Schrift an die Ratsherren zur Einrichtung von Schulen, sind Meilensteine der Reformation. Sie stehen für verschiedene Facetten der Reformation und sind in ihrer inhaltlichen Aussage und historischen Überlieferung einzigartig und unersetzbar. Über die Aufnahme der ihnen anvertrauten Dokumente freuen sich: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Anhaltische Landesbücherei Dessau, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Klassik Stiftung Weimar, Forschungsbibliothek Gotha, Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Universitätsbibliothek Heidelberg, Stadtbibliothek Worms und Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Der Antrag wurde maßgeblich vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz erarbeitet.

 

Über 14.000 preußische Drucke des 17. Jahrhunderts online verfügbar

Vor kurzem konnte ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt der Abteilung Historische Drucke abgeschlossen werden, das sich die Digitalisierung aller im historischen Raum Preußen- Nordostdeutschland erschienenen Drucke im Bestand der Staatsbibliothek zur Aufgabe machte, die im „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts“ (VD 17) erfasst sind und bisher nicht als digitale Ausgaben verfügbar waren. Weiterlesen

Fokus Kirchenbibliotheken: St. Marien in Barth

Die evangelische St. Marienkirche in Barth (Mecklenburg-Vorpommern) beherbergt eine der ältesten Kirchenbibliotheken Deutschlands, bereits im Jahr 1398 wurde eine Büchersammlung in St. Marien im Testament eines Geistlichen erstmals erwähnt. Weiterlesen

Candide und Wilhelmine: Spektakuläre Neuerwerbungen der Abteilung Historische Drucke

Als Voltaire den satirisch-philosophischen Roman Candide, Ou L’Optimisme schrieb, war er 64 Jahre alt. Aus Paris verbannt und schweren Konflikten mit kirchlichen und staatlichen Autoritäten ausgesetzt, war er zugleich der populärste Autor der französischen Aufklärung und ein wohlhabender Mann. In der turbulenten Handlung des Romans, einer Parodie damals beliebter Abenteuerromane, wird mit drastischem Realismus, sarkastischem Spott und weitherziger Anteilnahme „die beste aller Welten“ in Frage gestellt. Das Werk ist voller Bezüge auf aktuelle Konflikte und Katastrophen: den Siebenjährigen Krieg, das Erdbeben von Lissabon, kirchliche Inquisition, Feudalherrschaft, Folter, Sklaverei … Entstanden während der Auseinandersetzungen um das Verbot der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert wurde es selbst Gegenstand der Zensur: Mit seinem Erscheinen war der Candide ein verbotenes Buch. Es stand im katholischen Frankreich ebenso auf dem Index wie im protestantischen Genf, eine Ausnahme bildete nur England. Trotzdem, besser gesagt: gerade deswegen, hatte der Candide in kürzester Zeit einen beispiellosen Erfolg.

1759 erschienen an mehreren Orten in Europa mindestens 17 verschiedene französische Drucke des umstrittenen Werks. Einige waren zweifellos Raubdrucke, andere jedoch wurden bewusst vom Verfasser und seinen Verlegern lanciert, um die Zensur zu unterlaufen und den Roman zu verbreiten.

Mit großzügiger Unterstützung des Vereins der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V. konnte die Abteilung Historische Drucke kürzlich 5 der 17 originalsprachlichen Ausgaben erwerben, darunter die tatsächliche Erstausgabe. Zusammen mit einem Band aus der Bibliothek Bruno Kaisers besitzt sie damit 6 französische Candide-Ausgaben von 1759: 4 mit 299 Seiten aus Genf, London und Frankreich, und 2 aus Paris mit 237 Seiten. 2 Ausgaben sind Kriegsverlust: ein französischer Druck mit 315 [i.e. 215] und ein Basler Druck mit 301 Seiten, beide mit den vorhandenen 6 also nicht identisch.

In keiner Ausgabe ist der Verfasser genannt, vielmehr wird das Werk als vermeintliche Übersetzung aus dem Deutschen eines „Mr. Le Docteur Ralph“ ausgegeben. Ebenso wenig sind die (wirklichen) Erscheinungsorte, Drucker oder Verleger erwähnt.

Die rechtmäßigen Verleger des Candide waren die Frères Cramer in Genf, mit denen Voltaire eng zusammenarbeitete. Ihre Ausgabe ist in der Werk-Edition der Voltaire Foundation nach Seitenzahl und Erscheinungsort als 299 G (299 S., Genf) verzeichnet (OCV = Œuvres complètes de Voltaire, 48.1980, S. 86), Signatur in der SBB-PK: 50 MA 50944, Exemplar aus der Provenienz des englischen Malers George Clausen (1852-1944).

 

Voltaire war ein Autor, der seine Werke immer wieder überarbeitete. Dabei suchte der den Austausch mit Bekannten und Freunden und ließ handschriftliche Abschriften erstellen, die sich oft in Details unterschieden. Eine solche Kopie des Candide-Textes ist erhalten, das sogenannte „La Vallière Manuskript“ aus dem Nachlass des Duc de La Vallière (1708-1780).

Und sogar nachdem der eigentliche Druckprozess schon abgeschlossen war, wünschte Voltaire noch Änderungen: In einigen Exemplaren der Erstausgabe 299 G – auch in unserem – ist am Schluss ein „Avis Au Relieur“ enthalten, eine Anweisung an den Buchbinder, 8 Seiten bzw. 4 Blätter durch beigefügte „Cartons“ (Austauschblätter) zu ersetzen.

Voltaire Avis

 

Besonders große Ähnlichkeit mit der Genfer Erstausgabe hat die erste englische Edition von John Nourse, zu dem die Cramers enge Geschäftsbeziehungen unterhielten: 299 L (299 Seiten, London).

 

Sogar die Titelvignette wurde kopiert:                                                                              

 

Candide_Vignetten_1

Das Verhältnis zwischen den Ausgaben gibt jedoch Rätsel auf: Denn Vergleiche mit dem La Vallière Manuskript und den Cartons ergeben, dass die Londoner Ausgaben (auch die 2. Edition, 299 La) frühere Versionen des Textes enthalten als die Erstausgabe der Cramers. (So steht auf S. 242 (Kapitel 25) noch der Abschnitt „Candide était affligé de ces discours, il respectait Homere, il aimait Milton. …“ mit einer Anspielung auf die deutsche Poesie, den Voltaire offenbar im letzten Moment aus 299 G entfernen ließ, wahrscheinlich aus Rücksicht auf den dichtenden König in Sanssouci. In spätere Ausgaben hat Voltaire die Passage leicht abgemildert wieder aufgenommen.) Andererseits sind die Drucke im Satz nahezu identisch, sie können also nur nach einer gedruckten, 299 G sehr ähnlichen Vorlage gesetzt worden sein. (Dazu s. Barber, G.: Some early English editions of Voltaire. In: The British library journal. 4.1978,2, S. 106.)

 

Wie ist das zu erklären? Vieles spricht dafür, dass Voltaire und die Frères Cramer bereits Ende 1758 einen Probedruck an Nourse geschickt haben, nach dem dieser seine Ausgaben setzen ließ. Grund: die Zensur. Verfasser und Verleger expedierten die gefährliche Fracht vorab schon mal ins liberalere England, um die Veröffentlichung sicherzustellen, noch ehe ihre eigene Ausgabe ganz fertig war.

 

Ode Sur La Mort De Son Altesse Royale Madame La Markgrave De Bareith

Angebunden an die Erstausgabe des Candide ist ein besonders seltenes Stück: die Ode zum Tod von Wilhelmine Markgräfin von Brandenburg-Bayreuth, ebenfalls aus dem Jahr 1759. Wilhelmine war die Lieblingsschwester des preußischen Königs Friedrichs II. Sie war auch mit Voltaire gut befreundet. Auch die Ode auf Wilhelmine überarbeitete Voltaire mehrmals grundlegend. Als Reaktion auf das Verbot der Encyclopédie fügte er einen Epilog bei: Lettre à quelques Gens de Lettres, in späteren Ausgaben unter dem Titel Notes de Monsieur de Morza. Sogar Voltaire selbst hatte Bedenken, der Text mit heftigen Angriffen u.a. auf die Jesuiten könne zu scharf sein: „Der Epilog der Ode wird ordentlich Lärm machen. […] Es könnte eventuell nötig sein einige Stellen zu versüßen. Ich habe Sorge, zu viel Essig an den Salat gegeben zu haben.“ („J’ay peur d’avoir trop vinaigré la salade.“ Brief an Gabriel Cramer vom 3.4.1759. In: OCV 104.1971, D8247)

Auch bei der Ode handelt es sich um die Erstausgabe. Hier sind Verfasser und (vermeintliche) Verleger auf der Titelseite genannt:

Voltaire Titel Ode

Bei einem Vergleich mit den Candide-Ausgaben aber kommt Erstaunliches zutage: Typen, Wasserzeichen und Vignetten stimmen nicht mit der Ausgabe der Frères Cramer, sondern mit 299 L, der ersten Londoner Candide-Ausgabe von Nourse überein.

Vignetten:

Candide_Ode_Vignetten

 

Wasserzeichen:

Ode …                                                                                      Candide, 299 L

 

Voltaire Wasserzeichen 1                                                       Voltaire Wasserzeichen 2

 

Tatsächlich dürfte es sich auch bei der Ode um einen Londoner Druck von Nourse handeln, der ihn nach Vorabdrucken der Cramers hergestellt hat. (Das hat erstmals Nicholas Marlowe entdeckt, vgl. Nicholas Marlowe Rare Books. List 3: The Candide conspiracy. London & Montpellier, 2015.) Dafür spricht auch, dass Exemplare dieser äußerst seltenen Ausgabe bisher ausschließlich in Großbritannien nachweisbar waren. Wahrscheinlicher Grund auch in diesem Fall: der „Essig“ in Voltaires Text.

 

Ein eigenes Thema wäre die „Seconde Partie“ zum Candide, ein apokryphes, ebenso klandestin wie sein Vorbild erschienenes Werk, das – in unterschiedlichen Editionen – an die 2. Londoner und  die 1. Pariser Ausgabe des Candide (299 La und 237 P) angebunden ist.

Dass das komplette „Set“ der Candide-Drucke von 1759 mit 299 Seiten, dazu die erste in Frankreich gedruckte Ausgabe, die vermeintliche Fortsetzung, und als besonderes Rarissimum die Ode auf Friedrichs Schwester zusammen im Original erworben werden konnten, ist – auch in Hinblick auf das preußische Erbe – ein unschätzbarer Glücksfall für die Bibliothek und ihre Benutzer.

 

[Text von Ruth Weiß.]

Wie der Untergang der Titanic mit E.T.A. Hoffmann zusammenhängt

Die Advents- und Weihnachtszeit ist traditionell die Zeit des Geschichtenerzählens. Auch heute noch? Vielleicht nicht mehr so ganz? Wir nehmen den Faden jedenfalls auf und erzählen Ihnen heute eine Geschichte – eine wahre Geschichte, die spannende Geschichte eines Buches. Denn im Projekt E.T.A. Hoffmann-Portal arbeiten wir gerade daran, die Bücher des großen Geschichtenerzählers Hoffmann digital zu präsentieren. In vielen Bänden können Sie in Zukunft online blättern, sich in die Illustrationen unterschiedlichster Künstlerinnen und Künstler vertiefen, die Entstehungsgeschichte des Werkes oder das individuelle Schicksal eines einzelnen Exemplars im Laufe der Zeit nachverfolgen, ehemalige Besitzerinnen und Besitzer kennenlernen, Details der Einbände erkunden und vieles mehr…

Darauf geben wir Ihnen heute einen kleinen Vorgeschmack und erzählen die Geschichte eines besonderen Kleinods aus unserer Sammlung Künstlerischer Drucke: Es ist ein einzigartiges Sonderexemplar der Nachtstücke, aus einer Vorzugsausgabe in Ganzleder, die 1913 im Münchner Verlag Georg Müller erschienen ist.

 

Von der Nachtseite der menschlichen Seele

Die Geschichte beginnt mit der Entstehung der Texte. In den Jahren 1815-1817 arbeitete E.T.A. Hoffmann als Richter in Berlin. Der verantwortungsvolle Posten sicherte seinen Lebensunterhalt, bedeutete aber auch eine große Belastung, von der er sich des Nachts befreite, indem er seiner literarischen Phantasie freien Lauf ließ – möglicherweise, und nicht ganz unwahrscheinlich, unterstützt durch ausgiebigen Opiumgenuss. Anregungen für seine phantastischen Erzählungen und den sprechenden Titel Nachtstücke hatte Hoffmann dabei in Fülle vor Augen. So bezeichnet der Begriff in der Malerei Gemälde mit nächtlichen, schauerhaften Szenen, die nur spärlich durch Fackellicht beleuchtet werden. Die einschlägigen Werke von Künstlern wie Pieter Breughel dem Jüngeren oder Antonio Correggio kannte und liebte Hoffmann sehr. Auch die aus England bekannten Gothic Novels inspirierten ihn zu seiner unvergleichlichen Schauerromantik.

 

Ein kleines Juwel der Druckkunst

So verwundert es nicht, dass die Meister der Druckkunst zahlreich versuchen, Hoffmanns Geschichten in ihren Ausgaben weiterzuerzählen, indem sie die Atmosphäre der Texte auf die Materialität des Buches übertragen. Der nummerierte Nachtstücke-Band Nr. 45, den wir Ihnen hier präsentieren, wurde beispielsweise erschaffen als eines von nur 100 Exemplaren einer Liebhaberausgabe, die auf edles holländisches Bütten gedruckt und in Ganzleder gebunden wurde. Als Schrift setzte die Spamer’sche Druckerei in Leipzig ihre Hausfraktur ein – eine gebrochene Schrift, die den Charakter des Unheimlichen auf eindrückliche Weise verkörpert. Für die Buchillustration wurde kein geringerer als der österreichische Grafiker, Schriftsteller und Buchillustrator Alfred Kubin verpflichtet, dessen Zeichenstil Christoph Brockhaus als „von geheimen Kräften getrieben“ und als „märchenhaft, phantastisch und grotesk“ beschreibt, der „den grenzenlosen Strom psychischen Erlebens“ auffängt (Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 158-160). Wer könnte Hoffmanns Geschichten also besser weitererzählen als Alfred Kubin? So schuf er denn auch 48 Zeichnungen, die als teils ganzseitige Illustrationen in die Ausgabe aufgenommen wurden.

 

Statt Futura ein Stilleben mit Totenschädel und brennender Kerze – Die Buchausstattung von Paul Renner

Auch der unikale Einband nimmt die unheimliche Atmosphäre aus Hoffmanns phantastischen Erzählungen auf. Das beeindruckende Stück schöner Schauerlichkeit entstand in der bedeutenden Leipziger Buchbinderei Hübel und Denck. In ihrem Auftrag schuf der Typograph Paul Renner die Buchausstattung, zu der vermutlich auch die individuelle Gestaltung dieses Sondereinbandes gezählt werden kann, die ganz im Gegensatz zu dem Schriftentwurf steht, für den Renner 1927 berühmt wurde: die Antiqua-Schrift Futura, die sich durch klare, gleichmäßige Formen auszeichnet. Der Einband dagegen erzählt in Bildern von den Geschichten Hoffmanns: Die Leserinnen und Leser können das leichte Unbehagen bereits spüren, das die traumatischen Szenen bei der Lektüre hervorrufen werden. Ein Totenschädel greift das alte Vanitasmotiv auf und spielt auf die Vergänglichkeit des Lebens an, oder ist es eine Maske, die auf Identitätsprobleme und den Wandel zwischen Traum und Wirklichkeit hindeutet? Der nächtlich dunkle Hintergrund wird knapp von einer kaum dem Wind widerstehenden Kerze beleuchtet, deren Rauchschwaden Gedanken an den möglichen Opiumrausch des Autors hervorrufen. Die Natur überdauert mit grell-roten Blüten und rankenden Pflanzen. Ganz individuelle Merkmale unseres Exemplars Nr. 45 sind zudem auch der edle textile Vorsatz aus geometrisch-ornamentalen Mustern in Silber und Schwarz sowie der passend verzierte Schnitt, die die Komposition des Einbandes abrunden.

 

Die Titanic kommt ins Spiel

Das Gefühl der Vergänglichkeit bleibt, wenn man den Band Nr. 45 aufschlägt und das Exlibris der ehemaligen Besitzer betrachtet: Baron Curt von Faber du Faur und seine 14 Jahre ältere Ehefrau Emma erwarben dieses Exemplar. Der Baron war Barockforscher, Mitbegründer des traditionsreichen Auktionshauses für Kunst und antiquarische Bücher Karl & Faber in München und Bibliothekar und Germanist an der Yale University Library  – so wundert man sich ebenso wenig über sein Interesse an E.T.A. Hoffmann wie über das liebevoll gestaltete und sorgfältig eingeklebte Exlibris mit dem Familienwappen der Faber du Faur. Mit seiner Gattin Emma Faber du Faur begegnen wir dagegen einer ungewöhnlichen Biographie – spannend nicht nur wegen ihrer ereignisreichen Familiengeschichte (die geborene New Yorkerin Emma Mock war nicht nur die verheiratete Frau Faber du Faur, sondern auch die reiche Witwe des 44 Jahre älteren Rufus Blake, die geschiedene Ehefrau des Hamburger Militärhauptmanns Paul Schabert und Mutter zweier Kinder, die auf den besten Schiffen der Zeit zwischen Europa und den USA hin- und herreiste), sondern weil sie als eine der wenigen Überlebenden der RMS Titanic in die Geschichte einging. Ihre Aussagen trugen dazu bei, den Hergang von Untergang und Rettung in der Aprilnacht 1912 ein Stück weiter nachzuvollziehen. Unser schönes Exemplar Nr. 45 wurde zwar erst 1913 gedruckt und gelangte vermutlich erst irgendwann nach der Hochzeit mit Baron von Faber du Faur im Jahr 1928 in den Besitz des Ehepaars (ein genaues Datum ist nicht überliefert), doch ist es nun unlösbar mit der Geschichte des Untergangs der Titanic verbunden.

Schließlich erwarb die Staatsbibliothek zu Berlin über eine Auktion den außergewöhnlichen Band für ihre Sammlung Künstlerischer Drucke. Damit endet unsere kleine Geschichte, obwohl die Geschichte des Buches noch lange nicht ihren Abschluss gefunden hat und vielleicht eines Tages weitererzählt wird…

 

Hier noch ein paar visuelle Eindrücke:

 

 

Alle Jahre wieder – Kalender der SBB

Auf der Suche nach letzten Geschenkideen bietet sich ein Blick in die drei Kalender der Staatsbibliothek an, die in Kooperation mit dem DuMont Kalenderverlag erscheinen:

Geographisch-Kartographischer Kalender 2016 : Archäologie und Antike
Er ist der Klassiker unter den Kartenkalendern – seit 1965 im Handel. Die Kartensammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin und der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden zeigen spektakuläre alte Karten von berühmten Ausgrabungsstätten. Informative Begleittexte finden sich auf einem separaten Textblatt.

https://www.dumontkalender.de/geographisch-kartographischer-kalender-2016-kalender.html

 

DuMonts Botanisches Kabinett 2016: Botanica Pharmaceutica
Andreas Friedrich Happe (1733–1802), ein Apotheker und Naturalienmaler der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, schuf mit der »Botanica Pharmaceutica« ein weit verbreitetes Nachschlagewerk für medizinisch nutzbare Pflanzen, die wir heute vielfach als Garten- und Wildblumen kennen.
Die in diesem Kalender abgebildeten Tafeln stammen aus der Rara-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin.

https://www.dumontkalender.de/dumonts-botanisches-kabinett-2016-kalender.html

 

Redoutés Rosen 2016
Taschenkalender

https://www.dumontkalender.de/redoutes-rosen-2016-kalender.html