Beiträge aus der Abteilung Historische Drucke

Luther In Worms: „Ich kann und will nicht widerrufen“

Ein Schlüsselereignis der Reformation in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Luther verbrennt die Bannbulle (Kinderbuch von 1830). Lizenz CC-BY-NC-SA

Luther verbrennt die Bannbulle (Kinderbuch von 1830). Lizenz CC-BY-NC-SA

Die rasante Verbreitung von Martin Luthers 95 Thesen und vor allem seines “Sermon von Ablass und Gnade” machte den Konflikt mit der kirchlichen Hierarchie unausweichlich. Als Reaktion auf die Thesen erfolgte im August 1518 das Verhör Martin Luthers durch Kardinal Thomas Cajetan auf dem Reichstag in Augsburg, im Juni 1520 die Androhung des Kirchenbanns durch Papst Leo X. Luther verbrannte diese Bulle des Papstes zusammen mit scholastischen und kanonistischen Schriften am 10. Dezember vor den Toren Wittenbergs – die Vollstreckung des Banns folgte im Januar 1521. Vor dem Reichstag in Worms sollte Luther noch im gleichen Jahr seine Lehren widerrufen, doch er blieb bei seiner Überzeugung und trotzte Kirche und Reich. Kaiser Karl V. verhängte über ihn die Reichsacht und verbot die Lektüre aller lutherischen Schriften. Auf der Rückreise nach Wittenberg ließ Kurfürst Friedrich der Weise den nun vogelfreien Luther „überfallen“ und auf der Wartburg bei Eisenach in Sicherheit bringen.

Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521

Fast drei Monate nach der Eröffnung des Reichstags zu Worms wurde auch die Causa Lutheri verhandelt: Am 17. April 1521 stand der bereits als Häretiker verurteilte und mit dem Kirchenbann belegte Luther vor dem Reichstag zu Worms, wurde vor den versammelten Fürsten und Reichsständen verhört und letztmalig zum Widerruf aufgefordert.

Nach einem Tag Bedenkzeit und im Wissen, dass dies seinen Tod bedeuten könne, lehnte Martin Luther mit der hier gedruckten Begründung ab: „dieweil mir mein gewissen begriffen ist inn den worten gottes, so mag ich, noch will kain wort nit Corrigiern oder widerrueffen, dieweyl wider das gewissen beschwärlich und unhaylsam zu handlen, auch geferlich ist.“ Nur wenn er direkt mit den Worten der Heiligen Schrift des Irrtums überführt werden könne, wäre er zum Widerruf bereit. Und mit den Worten „Got kumm mir zuhülf. Amen. Da bin ich“ wendet sich Luther zum Gehen. Das zu dieser Schlüsselszene oft zitierte Lutherwort „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“ findet sich in dieser Form erst auf einem Holzschnitt aus dem Jahre 1557.

Luthers Stellungnahme am zweiten Tag. Lizenz CC-BY-NC-SA

Luthers Stellungnahme am zweiten Tag. Lizenz CC-BY-NC-SA

Die Folge der Weigerung Luthers war das Wormser Edikt, in dem die Reichsacht über ihn verhängt wurde. Durch einen Schutzbrief wurde Luther noch für 21 Tage freies Geleit zugesichert, danach galt er als „vogelfrei“.

Der in Augsburg erschienene Druck gibt das Verhör Luthers in der deutschen Übersetzung von Georg Spalatin wieder und enthält ein auf 1521 datiertes Porträt Martin Luthers, das ihn mit einem aufgeschlagenem Buch – vermutlich der Bibel – und noch mit der Tonsur und in der Kutte der Augustinereremiten zeigt. Auf eine insgesamt hastige Herstellung dieses “Berichts aus Worms” dürfte der extrem schräg geratene Abdruck in unserem Exemplar hindeuten.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zu Luthers Auftritt in Worms selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

95 oder 87? Martin Luthers Disputationsthesen zur Klärung der Kraft der Ablässe

Nur in der Berliner Stabi: Alle drei Thesendrucke des Jahres 1517 in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“!

Am Abend vor Allerheiligen 1517 soll der Theologieprofessor Martin Luther 95 Thesen zu Ablass und Gnade an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen haben. Am 31.10., dem Reformationstag, gedenken deshalb die evangelischen Christen dieses folgenreichen Thesenanschlags, der im historischen Bewusstsein als Beginn der Reformation fest verankert ist. Die Vorbereitungen zum 500. Reformationsjubiläum treten auch an der Staatsbibliothek jetzt in die heiße Phase: Vom 3.2. bis 2.4.2017 präsentiert die Staatsbibliothek 95 herausragende Objekte zur Reformationsgeschichte aus ihren Sammlungen. Als kleine Appetizer stellen wir Ihnen in unserem Ausstellungsblog ab sofort jede Woche eines unserer Ausstellungsstücke vor. Den Anfang machen dabei – wie könnte es anders sein! – Martin Luthers Thesen.

Martin Luthers revolutionäres Verständnis der Rechtfertigung allein aus der Gnade Gottes, die sich nicht durch eine Eigenleistung des Menschen erzwingen lässt, empfand er selbst als große Befreiung. Der florierende Handel mit dem Ablass, der für einen Geldbetrag den Erlass der Sündenstrafen zu garantieren schien, widersprach Luthers Auffassung diametral, und so wurden die vom Mainzer Erzbischof Albrecht unterstützten Auftritte des Ablasspredigers Johann Tetzel zum Anlass für den Wittenberger Theologen, im Oktober 1517 seine fundamentale Kritik in 95 Thesen zusammenzufassen, die er dem Erzbischof zuschickte. Gleichzeitig kursierten die Thesen in Martin Luthers Umkreis, sie wurden bereits 1517 in drei lateinischen Ausgaben gedruckt und vom gelehrten Fachpublikum rezipiert. 1518 verfasste Luther dann den auch für die breite Masse verständlichen deutschen „Sermon von dem Ablass und Gnade“. Das noch junge Druckverfahren sorgte zusammen mit einer allgemeinen sozialen Unzufriedenheit und politischen Reformbereitschaft für eine rasante Verbreitung der neuen Lehre. Entgegen Luthers ursprünglicher Absicht kam es so schließlich zur Kirchenspaltung und zu langanhaltenden konfessionellen Auseinandersetzungen.

Wohl auf der Grundlage der rasch bis nach Erfurt, Nürnberg, Augsburg und Ingolstadt verbreiteten Abschriften der Disputationsthesen zur Klärung der Kraft der Ablässe entstanden im Jahre 1517 bzw. um die Jahreswende 1517/1518 drei gedruckte lateinische Ausgaben: Die Leipziger Offizin von Jakob Thanner und der Nürnberger Drucker Hieronymus Höltzel produzierten jeweils Plakatdrucke der Thesen mit zweispaltigem Druck. Von beiden Ausgaben sind heute nur noch insgesamt sieben Exemplare bekannt – die Überlieferungschance eines einzelnen Blattes war ohnehin eher gering, die über das aktuelle Geschehen hinausreichende weltgeschichtliche Bedeutung erst im Entstehen. Mit über zwanzig Exemplaren deutlich häufiger erhalten blieb dagegen die dritte 1517 erschienene lateinische Ausgabe der 95 Thesen, der auf vier Blättern im Quartformat produzierte Baseler Druck von Adam Petri, der nun auch erstmals ein eigenes Blatt mit dem Titel „Disputatio D. Martini Luther theologi, pro declaratione virtutis indulgentiarum“ voranstellt.

Aber waren es wirklich 95 Thesen? Vergleicht man die drei Ausgaben der 95 Thesen im Detail, so fallen die jeweils unterschiedlichen Zählweisen ins Auge. Der Leipziger Plakatdruck ist der einzige, bei dem eine fortlaufende arabische Zählung beabsichtigt war. Unklarheiten in der Vorlage und besondere Eile bei der Fertigstellung mögen der Grund für eklatante Fehler in der Zählung sein: 42 statt 24, nach 26 wird mit 17 weitergezählt und gleich zweimal erhielt der zweite Teil einer These eine eigene Zählung (These 55 gezählt als 45 und – am Beginn des zweiten Satzes – 46 sowie These 83 als 74 und – hier mitten im Satz – 75). So kommt der Druck am Ende auf 87 Thesen. Diesen Fallstricken geht der Nürnberger Drucker Höltzel aus dem Weg, indem hier dreimal bis 25 und einmal bis 20 gezählt wird – auch hier arabisch, zusätzlich ist der Beginn jeder These mit einer Absatzmarke bezeichnet. Adam Petri in Basel wählte ebenfalls diese Variante, allerdings benutzte er römische Zahlen: i-xxv, i-xxv, i-xxv, i-xx.

 

Die drei Ausgaben von Luthers Thesen mit dem Druckjahr 1517 stellen wir ins Zentrum unserer Jubiläumsausstellung: Das 2015 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommene Exemplar des Nürnberger Plakatdruckes zusammen mit dem Exemplar des Leipziger Plakatdruckes aus dem Besitz des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz und auch den Baseler Quartdruck. So können Sie im Original selbst noch einmal nachzählen!

Nürnberger, Leipziger und Baseler Druck

Nürnberger, Leipziger und Baseler Druck

Präsentation historischer Bücher für das schwedische Königspaar

Aus schwedischem Privatbesitz erwerben die Staatsbibliothek zu Berlin und die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in diesen Tagen eine in ihrer Art einzigartige Bibliothek, die in enger Verbindung zu Friedrich dem Großen steht. Es handelt sich um die Privatbibliothek seiner Nichte Sophie Albertine (1753-1829), Prinzessin von Schweden und Äbtissin des Reichsstifts Quedlinburg, deren Sammlung wiederum die Privatbibliotheken seiner Schwester Luise Ulrike von Preußen (1720-1782) – als Lovisa Ulrika Königin von Schweden – und seiner Mutter Sophia Dorothea von Hannover (1687-1757) – Königin in Preußen – umfasst.

Im Rahmen ihres Staatsbesuchs in Deutschland hatten Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann, Parzinger, am Nachmittag des 6. Oktober im Schloß Charlottenburg die Gelegenheit, dem König und der Königin von Schweden einige Bücher mit schwedischer Provenienz persönlich vorzustellen. – v.l.n.r.: Dr. Samuel Wittwer, Direktor der Schlösser und Sammlungen bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten; Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten; I.M. Silvia, Königin von Schweden; S.M. Carl XVI Gustav, König von Schweden; Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin; Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Das 18. Jahrhundert wird lebendig!

Welche Vorstellungen haben wir vom Leben im 18. Jahrhundert und wodurch werden sie geprägt? Neben musealen Gegenständen, Gebäuden, Parks und anderen Hinterlassenschaften (denken wir nur an die Musik) sind es vor allem die papiernen Kulturgüter, die Einblicke in das damalige Leben gewähren. Die Staatsbibliothek besitzt nicht nur herausragende Musikalien, Handschriften und Karten aus dieser Zeit, sondern auch eine der umfangreichsten und bedeutendsten Sammlungen Historischer Drucke dieser Zeit. Aus diesem Grund nimmt sie seit 2009 an dem kooperativen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt VD 18 teil. Gemeinsam mit anderen Bibliotheken Deutschlands entsteht ein „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts“, das zugleich als Nationalbibliographie und digitale Bibliothek firmiert. Wer bibliographische Recherchen über den bereits redigierten und digitalisierten Projektbestand (150.000 Titel) der beteiligten Bibliotheken durchführen möchte, dem sei die VD18-Datenbank empfohlen. Möchte man sich durch die digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek bewegen und digitalisierte Drucke des 18. Jahrhunderts erkunden, dann ist man hier an der richtigen Adresse. Über 20.000 Werke können hier bereits durchsucht und gelesen werden. Rasch fällt auf, dass unsere Schwerpunkte bei Sprachen / Literaturen, der Theologie und der Rechtswissenschaft liegen.

Ein Blick auf die unterschiedlichen Gattungen der digitalisierten verzeichneten Drucke ergibt folgendes Bild:

Gelegenheitsschrift (davon 1/3 Funeralschriften) 26 %
Universitätsschrift, Dissertation, Schulschrift 19 %
Verordnung, Edikt, Amtsdruckschrift 8 %
Lied oder Liedersammlung, Lyrik 15 %
Roman, Schauspiel, Komödie, Tragödie, Traktakt 7 %
Flugschrift, Streitschrift, Kolportageliteratur 13 %

Diese und andere Gattungsbegriffe kann man auch für die Suche heranziehen. Beispielsweise erhält man nach Eingabe der Suchanfrage “genre_aad:verordnung” 1.345 Treffer im SBB-VD18-Bestand, darunter auch die Verordnung wegen besserer Einrichtung der Backöfen in den Dörfern der Churmark : De Dato den 16ten April 1794 oder auch Anweisung wie gute Maulbeer-Baum-Hecken mit dem besten Fortgang anzulegen, und nützlich zu gebrauchen sind von 1768.

Titelblatt von: Verordnung wegen besserer Einrichtung der Backöfen in den Dörfern der Churmark. Berlin : Decker, 1794. SBB-PK: 56 in: 2"An 8630-10 R

Titelblatt von: Verordnung wegen besserer Einrichtung der Backöfen in den Dörfern der Churmark. Berlin : Decker, 1794. SBB-PK: 56 in: 2″An 8630-10 R

Buchstabe D. In: Mitelli, Giuseppe Maria: Des Berühmbten Italiaenischen Kunst Mahlers Josephi Mariae Mitelli von Bologna Curioses Grosses Bilder-Alphabet$dvon der Sinnreichesten Erfindung mit eingemengter ZeichnungsKunst. Augsburg : Göbel, [um 1720]. SBB-PK: 4" 3 N 597 R

Buchstabe D. In: Mitelli, Giuseppe Maria: Des Berühmbten Italiaenischen Kunst Mahlers Josephi Mariae Mitelli von Bologna Curioses Grosses Bilder-Alphabet von der Sinnreichesten Erfindung mit eingemengter ZeichnungsKunst. Augsburg : Göbel, [um 1720]. SBB-PK: 4″ 3 N 597 R

Der Gimpel. In: Müller, Johannes: Die vorzüglichsten Sing-Vögel Teutschlands mit ihren Nestern und Eyern nach der Natur abgebildet und aus eigener Erfahrung beschrieben. Nürnberg : Schneider und Weigel, 1800. SBB-PK: 4" Lo 4747 R

Der Gimpel. In: Müller, Johannes: Die vorzüglichsten Sing-Vögel Teutschlands mit ihren Nestern und Eyern nach der Natur abgebildet und aus eigener Erfahrung beschrieben. Nürnberg : Schneider und Weigel, 1800. SBB-PK: 4″ Lo 4747 R

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neben der Imagedigitalisierung werden ebenso Strukturdaten erfasst, die die Suche nach Kapitelüberschriften oder speziellen buchkundlichen Gesichtspunkten (Kupfertitel, Druckermarke u.a. – z.B. type:bookplate) gestatten. Auch die Suche nach illustrierten Werken ist möglich (type:illustration). Derzeit sind 1.741 Werke im VD18-Segment der Staatsbibliothek illustriert, beispielsweise auch Des Berühmbten Italiaenischen Kunst Mahlers Josephi Mariae Mitelli von Bologna Curioses Grosses Bilder-Alphabet oder Die vorzüglichsten Sing-Vögel Teutschlands mit ihren Nestern und Eyern nach der Natur abgebildet und aus eigener Erfahrung beschrieben.

Die Staatsbibliothek zu Berlin ist vor kurzem in den zweiten Abschnitt der Projekthauptphase eingetreten und beabsichtigt, in den kommenden zwei Jahren weitere 10.000 Titel zu digitalisieren.

Wer mehr über das Projekt und seine bibliothekarischen Hintergründe erfahren möchte, sei auf den Artikel Das VD 18 – Aufklärung gefällig? im Bibliotheksmagazin 2/2016, S. 53ff. verwiesen.

 

[Text von Maria Federbusch.]

Hits von der Renaissance bis zum 20. Jh.

Ein neues Online-Portal versammelt 14.000 historische Liedflugdrucke und macht sie einem breiten Publikum zugänglich

Ein zentrales Online-Portal für 14.000 historische Lieddrucke: Das Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg (ZPKM), das Archiv des Österreichischen Volksliedwerks und die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz hat das Projekt „VD Lied – Das Verzeichnis der deutschsprachigen Liedflugdrucke“ abgeschlossen. Die Plattform macht erstmals ein musikalisches und kulturelles Repertoire, das sich vom 16. bis zum 20. Jahrhundert erstreckt, einem breiten Publikum zugänglich. Das Portal soll Forscherinnen und Forschern weltweit eine umfangreiche Datenbank bieten. Unter anderem ermöglicht es die Plattform, nach dem Liedanfang, aber auch nach Refrain und Melodienverweisen sowie Strophen- und Zeilenzahl zu suchen. Zusätzlich können Interessierte über eine Volltextsuche in allen im Projekt erfassten Daten recherchieren. Das Material steht nun für eine musikalische und wissenschaftliche Auseinandersetzung einer breiten Öffentlichkeit uneingeschränkt und kostenlos zur Verfügung.

Lange Zeit, bevor es Notendrucke und Schallplatten gab, wurden populäre Lieder durch Flugschriften verbreitet, die an Straßenecken oder auf Jahrmärkten feilgeboten wurden. Manchmal erklang eine Drehleier, eine Drehorgel oder Harfe, um auf die Medien aufmerksam zu machen und sie gewinnbringend zu verkaufen. „Die Liedinhalte umfassen die ganze Spannbreite des privaten und des öffentlichen Lebens: Sex, Crime und Action sind genauso vertreten wie politische und religiöse Lieder“, sagt Dr. Dr. Michael Fischer, Geschäftsführender Direktor des ZPKM. Die historische Bedeutung der digitalisierten Stücke erstreckt sich jedoch nicht nur auf die besungenen Inhalte, die Aufschluss über Vorstellungsweisen und Mentalitäten früherer Generationen geben, sondern auch auf die mediale Darbietung. Durch die Beigabe von Bildern und Zierleisten versuchten die Produzenten, die Lieddrucke aufzuwerten. Spätere Liedflugschriften enthalten mitunter Noten zum Mitsingen.

Bei dem nun im Internet frei zugänglichen Repertoire sind viele Drucke vertreten, die lediglich in einem einzigen Exemplar erhalten geblieben sind. „Durch die Digitalisierung dieser Bestände wird europäisches Kulturgut von der Frühen Neuzeit bis in die Moderne öffentlich zugänglich gemacht“, hebt die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, Barbara Schneider-Kempf, hervor. Die Zusammenarbeit zwischen der Staatsbibliothek und dem damaligen Deutschen Volksliedarchiv – dem heutigen ZPKM – begann in den 1930er Jahren und wird jetzt auf einer neuen inhaltlichen und technischen Grundlage fortgeführt.

In das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt wurden zudem die Bestände aus dem Archiv des Österreichischen Volksliedwerks in Wien eingebettet. „Sie ergänzen die Berliner und Freiburger Bestände in hervorragender Weise, weil sie den süddeutschen-österreichischen Kulturraum inklusive der Kronländer der ehemaligen k.u.k. Monarchie abdecken“, erklärt Irene Egger, Geschäftsleiterin des Österreichischen Volksliedwerks.

Das von der Staatsbibliothek zu Berlin zusammen mit der Verbundzentrale des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes entwickelte Portal soll weiter wachsen und steht Ergänzungen aus anderen einschlägigen Sammlungen offen. Bereits heute eröffnet die inhaltliche Erschließung der Flugdrucke den Zugang zu etwa 30.000 Liedern.

Honorarfreie Abbildungen
www.vd-lied.de
http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000E00400000005
http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000EEC600000005
http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000933500000009
http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000D6C400000005
http://archiv.onb.ac.at:1801/webclient/DeliveryManager?pid=2645691&custom_att_2=simple_viewer

Pressekontakte:
Dr. Dr. Michael Fischer
Zentrum für Populäre Kultur und Musik
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Tel.: +49 (0)761/70503-15
E-Mail: michael.fischer@zpkm.uni-freiburg.de
www.zpkm.uni-freiburg.de

Jeanette Lamble
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Tel.: +49 (0)30 266 431444
E-Mail: jeanette.jamble@sbb.spk-berlin.de
http://staatsbibliothek-berlin.de

Irene Egger
Österreichisches Volksliedwerk
Tel.: +43 (0)15 126335-14
E-Mail: irene.egger@volksliedwerk.at
www.volksliedwerk.at

384 Bücher an Potsdamer Freimaurerloge restituiert

Heute übergab Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, dem Mitglied des Vorstandes der Johannisloge „Teutonia zur Weisheit“ in Potsdam, Matthias Bohn, 384 Bände aus der ehemaligen Bibliothek der Freimaurerloge. Die Bücher konnten in der Staatsbibliothek zu Berlin als NS-verfolgungsbedingter Verlust der Loge identifiziert werden. Sie beinhalten allgemeine Literatur zum Freimaurertum, Instruktionen, Statuten, naturwissenschaftliche Texte, Lieder, Zeitschriften und zahlreiche Monographien aus dem 18. bis frühen 20. Jahrhundert. Die Loge wird die Bände weiterhin der Forschung zur Verfügung stellen.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hob anlässlich der Restitution hervor: „Nicht nur Juden wurden im Nationalsozialismus verfolgt, entrechtet und enteignet. Zahlreiche weitere Bevölkerungsgruppen gehörten ebenfalls zu den Verfolgten, so auch die Freimaurer. Auch ihre Geschichte gilt es aufzuarbeiten und ihnen ihr rechtmäßiges Eigentum zurückzugeben.“

Matthias Bohn erläuterte: „Als sich im Jahr 1935 unter dem Druck der Nationalsozialisten alle Freimaurerlogen auflösten, wurde ihr jeweiliges Eigentum verschleppt, zerstreut oder unwiederbringlich zerstört. Umso glücklicher sind wir Brüder der vor 25 Jahren wieder begründeten Johannisloge Teutonia zur Weisheit, dass wir nun knapp 400 von einst über 2.000 Büchern wieder bei uns wissen. Wir können uns auf eine Geschichte von über 200 Jahren berufen, diese Entwicklung unserer Loge ist vor allem auch an unseren Büchern ablesbar, an den Inhalten ebenso wie an den Stempeln und Spuren der Vorbesitzer.“

Barbara Schneider-Kempf erklärte, „dass es der Staatsbibliothek zu Berlin als Teil der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ein selbstverständliches Anliegen ist, das damalige Unrecht in Bezug auf geraubte Bücher, Autographe, Handschriften, Musikdrucke und andere Materialien mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln aufzuklären und als NS-Raubgut identifizierten Bestände stets so rasch wie möglich den rechtmäßigen Eigentümern zu übergeben.“

Die Bücher der Johannisloge „Teutonia zur Weisheit“

Die Johannisloge „Teutonia zur Weisheit“ wurde 1809 in Potsdam als Tochterloge der Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ gegründet. In der Folgezeit entstand eine der größten Logenbibliotheken Deutschlands, die auf dem Höhepunkt ihres Bestehens über 2.000 Bände umfasste. Unter dem Druck des NS-Regimes stellte die Loge ihre Tätigkeit ab 1934 schrittweise ein – erst 1991 wurde sie wiedergegründet. Im Februar 1935, im unmittelbaren Zusammenhang mit der erzwungenen Selbstauflösung, schickte der Liquidator die maurerische Literatur aus der Bibliothek als Geschenk an die Preußische Staatsbibliothek (heute Staatsbibliothek zu Berlin). Fortan teilten diese Bücher das Schicksal der Bestände der Preußischen Staatsbibliothek: Ab 1941 wurden diese zum Schutz vor Kriegseinwirkungen nahezu vollständig ausgelagert, dabei wurden Sammlungen getrennt oder gingen verloren. Nach 1945 befanden sich ein Teil der Bestände in der Bundesrepublik Deutschland oder in West-Berlin, ein anderer Teil in Ost-Berlin. Auch die Bücher der Johannisloge blieben zwischen West und Ost geteilt. In der West-Berliner Staatsbibliothek befanden sich 640 Bände der einstigen Potsdamer Loge, die im Jahr 1965 von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz an die Große National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ restituiert wurden. Seit 1992 sind die beiden Nachfolgeeinrichtungen der Preußischen Staatsbibliothek in West und Ost vereint in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Im Rahmen der systematischen Erforschung der Bestände nach NS-Raubgut wurden schließlich auch die heute restituierten 384 Bände der Johannisloge identifiziert.

Provenienzforschung in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Die Klärung der Herkunft ihrer Bestände ist eine zentrale Aufgabe für alle Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Im Zuge ihrer systematischen Forschung konnte die Staatsbibliothek zu Berlin mittlerweile mehr als 1.000 Objekte an die Berechtigten zurückgeben. Hinweise auf solche Bestände finden sich einerseits in den überlieferten Erwerbungsakten und Zugangsbüchern der Bibliothek, andererseits in den Büchern selbst. Besitzeinträge wie Stempel und handschriftliche Vermerke liefern wichtige Anhaltspunkte für die Suche nach geraubten Büchern und deren Eigentümern. Sämtliche Rechercheergebnisse zu bereits geklärten wie auch zu noch ungeklärten Fällen können in der Datenbank www.lostart.de und im Online-Katalog der Staatsbibliothek www.stabikat.de eingesehen werden. Letzterer dokumentiert zugleich die Provenienzgeschichte aller bisher restituierten Objekte. Alle Informationen zu den Teutonia-Beständen finden Sie unter http://sbb.berlin/goa2bl.

Honorarfreie Pressebilder

Včera i segodnja, mit Stempel zur Neuinventarisierung

Gestern und heute – ein literarischer Almanach aus der frühen Sowjetzeit

Mit bewegter Geschichte: jüngst erworben für die Osteuropa-Sammlungen der Staatsbibliothek

Včera i segodnja : al’manach byvšich pravonarušitelej i besprizornych. – Moskva, Leningrad : Gosudarstvennoe Izdat. Chudožestvennoj Literatury, 1931-
Signatur: Zsn 130859

Man sieht dem kleinen Band an, dass er nicht nur eine bewegte Geschichte beschreibt, sondern eine solche auch hinter sich hat. Die Vorderseite des Schutzumschlages ist sorgfältig auf einen neueren festen Einband aufgeklebt. So konnten die beiden kleinen Illustrationen im konstruktivistischen Stil erhalten bleiben. Sie sind von Alexander Tschob (Aleksandr Ivanovič Čob) gestaltet worden.

Vorderer Einband nach der Gestaltung von A. Tschob

Vorderer Einband nach der Gestaltung von A. Tschob

Genau wie die Autoren der Texte gehörte er zu der großen Gruppe von bis zu sieben Millionen verwaister, obdachloser und kleinkrimineller Kinder und Jugendlicher, die in den Jahren nach Weltkrieg, Revolutionen und Bürgerkrieg durch das Land streiften, aufgegriffen und in Kolonien für minderjährige Straftäter und Herumstreicher eingewiesen wurden. Nach Ideen des Pädagogen, Schriftstellers und Geheimdienstoffiziers Anton S. Makarenko wurden dort Maßnahmen zur Umerziehung, Bildung und Resozialisierung der Jugendlichen umgesetzt. Einige dieser Kolonien entwickelten sich später zu Kommunen, in denen die Insassen durch Übertragung von individueller Verantwortung und größeren Freiheiten an ein selbstständiges ziviles Leben herangeführt werden sollten.
Literatur und Kunst wurden in die pädagogische Arbeit integriert. Vor allem in der von Makarenko gegründeten Gorki-Kolonie, für die der Schriftsteller Maxim Gorki (Maksim Gorkij oder Aleksej Maksimovič Gorkij) eine Art Patenschaft übernahm und die er mehrfach u.a. auch gemeinsam mit dem französischen Schriftsteller und Politiker Henry Barbusse besuchte, entwickelte sich ein reiches kulturelles Leben. Auf Anregung Gorkis widmete sich der Kolonieinsasse Pawel Schelesnow (Pavel Il’ič Železnov) der Vorbereitung eines Bandes mit Texten anderer Insassen solcher Kolonien.

Schelesnows Porträt von Alexander Nemzow

Schelesnows Porträt von Alexander Nemzow

Er sammelte ihre Berichte, Erzählungen und Gedichte. Ergänzt durch Fotografien erschien 1931 dieser erste Almanach „Gestern und heute: Almanach gewesener Gesetzesbrecher und Straßenkinder“ mit einem Vorwort von Maxim Gorki. Dort hebt Gorki hervor: „Neben seiner agitatorischen, pädagogischen Bedeutung hat dieses von Straßenkindern geschriebene Buch einen ganz eigenen Wert: es berichtet davon, dass im ‚Nachtasyl‘ begabte Menschen leben, und erinnert daran, dass sie in alter Zeit niemals aus diesem Nachtasyl herausgefunden hätten“. Der Originaltitel des Stückes Nachtasyl lautet „Na dne“ – wörtlich übersetzt „am Boden, auf dem Grund, ganz unten“. Gorki verwendet hier diese Bezeichnung in direktem Bezug auf sein Werk für die sozial am schlechtesten gestellten und geächteten Bevölkerungsgruppen.
Neben Tschop und Schelesnow treten in dem Band weitere Autoren hervor, deren Lebensweg in der Kindheit und frühen Jugend durch soziale Perspektivlosigkeit, Kleinkriminalität und Landstreicherei gekennzeichnet war und die später dennoch Schriftsteller wurden. In verschiedenen Kolonien konnten sie alle eine grundlegende Schulbildung erhalten, Vorstellungen von sozialem Zusammenleben und sozialer Verantwortung entwickeln, zum Teil sogar studieren und letztlich eben eine Schriftstellerlaufbahn einschlagen. Dies trifft beispielsweise auf Iwan Dremow (Ivan Afanas’evič Dremov) zu, der in dem Band schon als Student der „Litrabfak“ – der Arbeiter- und Bauernfakultät für Literatur am Gorki-Literaturinstitut – einige Gedichte beitrug und auch später mehrere Gedichtbände veröffentlichte. Auch der spätere als Schriftsteller und Übersetzer Wiktor Awdejew (Viktor Fedorovič Avdeev) publizierte hier erstmals die Erzählungen „Karapet“ (Held der armenischen Mythologie) und „Schiga‘s Triumph“ (Toržestvo Žigi). Für ihn blieb das Schicksal der Straßenkinder das wichtigste Thema seines späteren Schaffens.

Titelblatt mit gelöschten Eigentumszeichen sowjetischer Bibliotheken

Titelblatt mit gelöschten Eigentumszeichen sowjetischer Bibliotheken

1976 gab er zusammen mit Dremow und Alexander Burtynski (Aleksandr Semenovič Burtynskij) unter dem Titel „Gestern und heute“ einen Sammelband zu diesem Thema heraus.
Die zahlreichen Vorbesitzerstempel im Exemplar der SBB PK zeugen ebenfalls von einer bewegten Geschichte.

Der Band muss durch hunderte Hände gegangen sein. Alle früheren Eigentumsstempel sind von Einrichtungen des sowjetischen Schriftstellerverbandes: „Bibliothek des Schriftstellerklubs der Föderation sowjetischer Schriftstellerverbände“ (FOSP – Federacija organizacij sovetskich pisatelej,

Ungültiger Stempel der FSOP-Bibliothek

Ungültiger Stempel der FSOP-Bibliothek

„Bibliothek des Hauses sowjetischer Schriftsteller“, „Bibliothek des Zentralen Hauses der Literaten“. Ein vierter Stempel zeugt von einer Neuinventarisierung.

Damit stellt sich die Frage, ob die Stempel nicht alle einer einzigen Einrichtung zuzuordnen sind, ob bei Namensänderungen der Bibliothek nicht einfach ein neuer Stempel aufgebracht wurde und somit eigentlich nur ein Vorbesitzer zu verzeichnen ist? Um diese Frage eindeutig zu beantworten, müsste jedoch länger recherchiert werden. Fest steht jedoch: Alle alten Stempel sind mit russischen „Pogascheno“ -Stempeln ordnungsgemäß ungültig gemacht worden. Nunmehr hat das Büchlein mit seiner interessanten Geschichte heute in den Sammlungen der Staatsbibliothek ein bleibendes Zuhause gefunden.
Übrigens erschien 1933 ein zweiter Almanach. Doch dieser steht dem deutschen Leser leider noch nicht zur Verfügung. Die SBB-PK wird sich aber um seine Erwerbung bemühen.

Mehr zum Thema

Werke von Wiktor Awdejew im Stabikat
Werke von Iwan Dremow im Stabikat
Werke von Pawel Schelesnow im Stabikat

Von Hamburgern und Kahlenbergern

Zu den angenehmen Aufgaben des Inkunabelreferats gehört es, Präsentationen und Seminare für auswärtige Gäste und Studierende zu veranstalten. Ein schon zur Tradition gewordener Termin für solche Workshops ist die Pfingstwoche – der klassische Exkursionszeitraum an vielen deutschen Universitäten. Dabei ermöglicht die außerordentliche Breite und Tiefe der Handschriften- und Inkunabelbestände der Staatsbibliothek, (fast) alle konkreten Seminarthemen und Forschungsvorhaben mit Anschauungsmaterial zu versorgen.

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Deutsch-Russischer Bibliotheksdialog: 23. und 24. Mai 2016 in der SLUB Dresden

Deutsch-Russischer Bibliotheksdialog, Dresden, 23.-24. Mai 2015
Германо-Российский библиотечный диалог , Дрезден, 23-24 мая 2016 г.

Am 23. und 24. Mai findet der 6. Deutsch-Russische Bibliotheksdialog in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) statt. Die von der Kulturstiftung der Länder, der SLUB Dresden, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und von dem russischen Kulturministerium geförderte Tagung wird von den beiden Sprechern Barbara Schneider-Kempf (Berlin) und Wadim Dudá (Moskau) eröffnet. Die russischen und deutschen Vorträge sind der Rekonstruktion verlagerter Sammlungen, der Provenienzforschung und den Möglichkeiten digitaler Erschließung und Präsentation gewidmet.
Im Jahre 1992 haben Deutschland und Russland eine enge kulturelle Zusammenarbeit verabredet. Seither finden regelmäßige Museums- und Bibliotheksdialoge statt.
Wenn Sie als Gast an dem zweisprachigen Programm (deutsch, russisch) teilnehmen wollen, ist aus organisatorischen Gründen Ihre persönliche Anmeldung erforderlich: Generaldirektion@slub-dresden.de oder Tel. 0351-4677-123.

Seit 2009 finden regelmäßig Treffen des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs statt, um über die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges, die Verlagerungen von Buchbeständen und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu sprechen. Nach Treffen in Moskau, Berlin, Perm, Leipzig und Saratow ist am 23. und 24. Mai 2016 die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) Gastgeberin des sechsten Bibliotheksdialogs. Die vertragliche Grundlage für die Kulturbeziehungen bildet das Abkommen zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der Russischen Föderation über kulturelle Zusammenarbeit vom 16. Dezember 1992.

Die von der Kulturstiftung der Länder, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und von dem russischen Kulturministerium geförderte Tagung wird von den beiden Sprechern Barbara Schneider-Kempf (Berlin) und Wadim Dudá (Moskau) eröffnet. Die russischen und deutschen Beiträge sind der Rekonstruktion verlagerter Sammlungen, der Provenienzforschung und den Möglichkeiten digitaler Erschließung und Präsentation gewidmet. Ein Sammelband der ersten fünf Tagungen wird in Dresden präsentiert. In 36 Beiträgen dokumentiert er bisherige Erkenntnisse und die inhaltliche Vielfalt des Dialogs, z.B. über die Spurensuche nach der Wallenrodt´schen Bibliothek in Königsberg, über die Arbeiten mit Verlustkatalogen, über die Rückführung der Esterhazy-Sammlung nach Österreich oder über die Erfahrungen des seit 2005 ebenfalls bestehenden russisch-deutschen Museumsdialogs. Dieser Tagungsband ist der verstorbenen Bibliotheksdirektorin Jekaterina Genijewa (1946-2015) gewidmet, die den Bibliotheksdialog von Anfang an prägte.

Ihr Nachfolger Wadim Dudá, Generaldirektor der Allrussischen Staatlichen Rudomino-Bibliothek für ausländische Literatur in Moskau, berichtet bei der Dresdner Tagung über die Digitalisierung wertvoller Buchbestände. Die deutschen Bibliotheken in Berlin und Bremen, Dresden und Weimar, Gotha und Leipzig sehen viele Möglichkeiten wissenschaftlicher Zusammenarbeit in digitalen Netzwerken. „Die Digitalisierung unserer reichen Bibliotheksbestände“, so Gastgeber Prof. Dr. Thomas Bürger (SLUB Dresden), „hat der internationalen Forschung neue Impulse gegeben und eröffnet der kulturellen Zusammenarbeit innovative Kooperationsmöglichkeiten. Umso mehr freuen wir uns auf den Wissensaustausch und die weitere Zusammenarbeit mit den russischen Kolleginnen und Kollegen.“
Programm für den 23. Mai 2016
Veranstaltungsort: Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Zellescher Weg 18, 01069 Dresden, Vortragssaal
(Die Schreibweise der russischen Namen im Deutschen orientiert sich an der deutschen Aussprache.)
Die Vortragenden werden gebeten, Ihre Beiträge und Präsentation auf ca. 15-20 Minuten zu begrenzen. Dadurch kann einer Diskussion der Thesen und Inhalte der einzelnen Beiträge auf 10-15 Minuten geplant werden.
Begrüßung (ca. 9.30 bis 10.00 Uhr)
Prof. Dr. Thomas Bürger, Generaldirektor der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)
Grußworte
Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SBB PK), deutsche Sprecherin des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs
Wadim Dudá, Generaldirektor der Allrussischen Staatlichen M.I. Rudomino-Bibliothek für ausländische Literatur (VGBIL), russischer Sprecher des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs
Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder
Sektion 1 (ca. 10.00 bis 13.00 Uhr)

Moderation: Barbara Schneider-Kempf – Wadim Dudá
Wadim Dudá (VGBIL): Fernzugriff auf kriegsbedingt verlagerte Büchersammlungen : Über ein Pilot-projekt der VGBIL Moskau und der SBB PK zur Digitalisierung
Jana Kocourek, Dr. Barbara Wiermann (SLUB): Digitalisierung historischer Quellen als wissenschaftliche Methode internationaler Kooperation
Prof. Dr. sc. Alexander Masurizki: Über ein Konzept zur Suche und Erfassung verlagerter Bücher-sammlungen
Dr. Uwe Hartmann (DZK): Kontinuität und Erweiterung – Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste: Aufgaben und Tätigkeitsfelder
Dr. Michail Afanasjew (GPIB): Büchersammlungen aus Deutschland in der Staatlichen Öffentlichen Historischen Bibliothek Russlands
Pause (13-14 Uhr)
Sektion 2 (ca. 14.00 bis 18.00 Uhr)

Moderation: Wadim Dudá – Barbara Schneider-Kempf
Dmitri Jefremenko (INION): Über die Arbeiten zur Beseitigung der Brandfolgen im Gebäude der Zent-ralbibliothek des Instituts für wissenschaftliche Information in den Gesellschaftswissenschaften (INION) der Russischen Akademie der Wissenschaften
Dr. Kathrin Paasch (FB Gotha): Der Buchbesitz der Herzöge von Sachsen-Gotha: eine virtuelle Rekonstruktion
Karina Dmitrijewa (VGBIL): Die Dante-Sammlung in der Abteilung für seltene Bücher der VGBIL: Forschungsstand und Perspektiven
Barbara Schneider-Kempf (SBB PK): Erschließung und Digitalisierung der amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts im Kontext der Nachlasserfassung in Berlin und Krakau
Kaffeepause ca. 15 Minuten
Rosa Salnikowa (VGBIL): Über die Arbeit der VGBIL zur Bestandserhaltung und Restaurierung von Ausgaben des 16. Jahrhunderts
Galina Lanzusskaja (UB Woronesch): Die Bearbeitung verlagerter Bücher in den Sammlungen der Wissenschaftlichen Gebietsbibliothek der Staatlichen Universität Woronesch
Volker Cirsovius (SUUB Bremen): Die Suche nach NS-Raubgut in deutschen Bibliotheken am Beispiel der SuUB Bremen
Dr. sc. Ilja Saizew (VGBIL): Eine islamische Handschrift aus der Stadtbibliothek Königsberg in Moskau
Abschluss des öffentlichen Teils ca. 18 Uhr

 

 

VI Германо-Российский библиотечный диалог
Дрезден, 23-24 мая 2016 г.
Программа
Дата проведения: 23 мая
Место проведения: Саксонская Земельная библиотека – Государственная и Университетская библиотека Дрездена (Zellescher Weg 18), конференц-зал.
На каждое выступление и презентацию отводится 15-20 мин., на вопросы и дискуссию – 10-15 мин.
Приветствия: 9.30-10.00

Проф. д-р Томас Бюргер, Генеральный директор Саксонской Земельной библиотеки – Государственной и Университетской библиотеки Дрездена
Барбара Шнайдер-Кемпф, Генеральный директор Государственной библиотеки в Берлине – Прусское культурное наследие, немецкий сопредседатель Германо-Российского библио-течного диалога
Вадим Валерьевич Дуда, Генеральный директор Всероссийской государственной библиотеки иностранной литературы имени М.И. Рудомино, российский сопредседатель Германо-Российского библиотечного диалога
Изабель Пфайффер-Поенсген, Генеральный секретарь Культурного фонда земель
Первое заседание: 10.00-13.00

Ведущие: Барбара Шнайдер-Кемпф и Вадим Валерьевич Дуда
Дистанционный доступ к перемещенным книжным коллекциям: о концепции пилотного проекта по оцифровке Библиотеки иностранной литературы и Государственной библио-теки в Берлине – Прусское культурное наследие
Вадим Валерьевич Дуда, Генеральный директор Всероссийской государственной библиотеки иностранной литературы имени М.И. Рудомино
Оцифровка исторических источников как научный метод международной кооперации
Яна Коцурек, заведующая Отделом рукописей, старопечатных книг и краеведения Саксонской Земельной библиотеки – Государственной и Университетской библиотеки Дрездена
Д-р Барбара Вирманн, заведующая Музыкальным отделом Саксонской Земельной библиотеки – Государственной и Университетской библиотеки Дрездена
Перемещенные книжные фонды: концепции отбора
Д-р Александр Михайлович Мазурицкий, профессор кафедры Библиотечно-информационной деятельности, Московский государственный лингвистический университет
Непрерывность и развитие – Немецкий центр по культурным потерям: задачи и напра-вления деятельности
Д-р Уве Хартманн, Фонд «Немецкий центр по культурным потерям»
Обзор книжных собраний Германии в Государственной публичной исторической библиотеке России
Д-р Михаил Дмитриевич Афанасьев, директор Государственной публичной исторической библиотеки России
Перерыв: 13.00-14.00
Второе заседание: 14.00-18.00

Ведущие: Вадим Валерьевич Дуда и Барбара Шнайдер-Кемпф
О работе по преодолению последствий пожара в здании Фундаментальной библиотеки Института научной информации по общественным наукам Российской Академии Наук (ИНИОН РАН)
Дмитрий Валерьевич Ефременко, Врио директора ИНИОН РАН
Книжное наследие герцогов Саксен-Готских: виртуальная реконструкция
Д-р Катрин Паш, директор Научной библиотеки Готы в Университетской и Научной библиотеке Эрфурта и Готы
Коллекция «Дантея» в собрании редких книг Библиотеки иностранной литературы: реалии и перспективы
Карина Александровна Дмитриева, заведующая Комплексным научно-исследовательским отделом Всероссийской государственной библиотеки иностранной литературы имени М.И. Рудомино, руководитель Центра по проблемам перемещенных культурных ценностей
Описание и оцифровка американских путевых дневников Александра фон Гумбольдта в контексте учета его наследия в Берлине и Кракове
Барбара Шнайдер-Кемпф, Генеральный директор Государственной библиотеки в Берлине – Прусское культурное наследие
Перерыв на кофе: 15 мин.
О работе Библиотеки иностранной литературы по консервации и реставрации изданий XVI в.
Розания Муртазовна Сальникова, заведующая Комплексным отделом хранения, реставрации и консервации фондов Всероссийской государственной библиотеки иностранной литературы имени М.И. Рудомино
Работа с перемещенными книгами в фонде Зональной научной библиотеки Воронежского государственного университета
Галина Сергеевна Ланцузская, заведующая Научно-исследовательским отделом редкой книги Зональной научной библиотеки Воронежского государственного университета
Поиск украденных нацистами книг в немецких библиотеках на примере Государственной и Университетской библиотеки Бремена
Фолькер Цирзовиус, Государственная и Университетская библиотека Бремена
Исламская рукопись из городской библиотеки Кёнигсберга в Москве
Д-р Илья Владимирович Зайцев, советник по научной деятельности Генерального директора Всероссийской государственной библиотеки иностранной литературы имени М.И. Рудомино
Окончание заседания около 18 ч.

„Rara? Wieso Rara?“

In großen bleigegossenen Lettern prangt die Schrift RARA-LESESAAL über dem neuen Eingang.

Und unsere Besucher*Innen wundern sich:
Warum trägt der Rara-Lesesaal diesen Namen? Kartenlesesaal, Handschriftenlesesaal, Musiklesesaal, alles klar, aber Rara?

Könnte es sich um eine geheimnisvolle Abkürzung handeln?
Etwa „Regelkonforme Aufbewahrung von Risikoliteratur mit Aggressionspotenzial“?
Werden dort die zuschnappenden Monsterbücher aus der Welt Harry Potters ausgegeben, die eine besondere Dompteurausbildung des Personals erfordern?

Nein, es ist viel einfacher:

Der Rara-Lesesaal ist nach Carl Wilhelm von Rara benannt, dessen Portrait deshalb dort an prominenter Stelle hängt (s. Bild oben).
Carl Wilhelm von Rara war ein bedeutender Sammler und quasi der „Erfinder“ des Alten Buches. Er wurde am 31.3.1799 in Crimmitschau an der Pleiße als jüngster Sohn eines Tuchfabrikanten geboren. Seine eher halbherzig betriebene Karriere als Jurist in der Verwaltung führte ihn über Dresden und Königsberg nach Berlin (ein Sachse in Preußen!), wo er 1856 verstarb. Dank des von seinen fünf früh verstorbenen Frauen ererbten Vermögens widmete er sich hauptsächlich seiner Büchersammlung, die nach seinem Tode in mehreren Auktionen verkauft wurde und nun in alle Winde zerstreut ist.

Beerdigt wurde er zusammen mit seinem Lieblingsbuch, einem handkolorierten Großfolianten, dessen mit Eisenbeschlägen gezierter Vorderdeckel als Grabplatte dient.
Das Grab von Rara ist auf dem Makulatur-Friedhof am Halleschen Tor zu finden, in unmittelbarer Nähe zur Amerika-Gedenkbibliothek, sehr passend für einen solchen Bibliophilen!

[Text von Silke-Michaela Wimmelhirn]


Und hier nun die Auflösung unserer primo-aprilesken Eskapade:

Leider ist die illustre Gestalt Carl Wilhelm von Raras ein reines Wimmelhirngespinst, die Bezeichnung Rara stammt vielmehr aus dem Lateinischen (rarus „selten, vereinzelt“) und wird für seltene und kostbare Drucke verwendet, siehe z.B. die von der Abteilung Historische Drucke betreute Rara-Sammlung.

[Die Red.]