Beiträge aus der Abteilung Historische Drucke

Kalenderwelt 2020 – Mit den Schätzen der Staatsbibliothek zu Berlin durch das Jahr

Präsentation von Buchpatenschaften beim gemeinsamen Jahresempfang der Staatsbibliothek zu Berlin und der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V., Bild: SBB-PK

Jubiläum der besonderen Art – 100 Buchpatenschaften

In diesem Sommer war die magische Zahl von 100 Patenschaften erreicht – nicht für eine Abteilung, nicht für ein Jahr im ganzen Patenschaftsprogramm, sondern die 100 Patenschaften von einem großzügigen Paten: Werner Papke.

Schon als die “Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.”  gemeinsam mit der Staatsbibliothek begannen, das Patenschaftsprogramm für restaurierungsbedürftige Bücher aufzulegen, gehörte Werner Papke zu den Unterstützern. Aktives Vereinsmitglied wurde er 1998, ziemlich genau ein Jahr nach Gründung des neuen Fördervereins. Zu dem Zeitpunkt war der gelernte Großhandelskaufmann, Werner Papke, bereits Rentner und konnte seinen zahlreichen Interessen uneingeschränkt nachgehen. Sein ganzes Berufsleben hatte er bei dem Porzellanhersteller Rosenthal verbracht. Dort hatte Werner Papke vor dem Zweiten Weltkrieg seine Ausbildung erhalten und nach dem Krieg fand er hier wieder eine Anstellung. Nach einigen Jahren im Innendienst erhielt er West-Berlin als seinen Bezirk im Außendienst. Warum das wichtig ist? Werner Papke verriet einmal, dass sein Bezirk von einer überschaubaren Größe gewesen sei, weshalb ihm recht viel Zeit geblieben sei, eigenen Interessen und Neigungen nachzugehen.

Kunst, und hier besonders Kupferstiche, Literatur, Flora und Fauna, die Antike und für vieles mehr interessierte sich. Vorträge, Lesungen, Führungen und weitere Veranstaltungen der Staatlichen Museen sowie der Staatsbibliothek zu Berlin nutzte er ausgiebig und dankte es mit Großzügigkeit.

Titelbaltt der Zeitung Reichs-Post-Reuter, Bibliothekssignatur: 8° Ztg 11174, SBB-PK

Titelblatt der Zeitung Reichs-Post-Reuter, Bibliothekssignatur: 8° Ztg 11174, SBB-PK – eine von Werner Papkes Patenschaften

In der Staatsbibliothek erfuhren besonders die Abteilungen für Historische Drucke und die Zeitungsabteilung große Unterstützung. Bücher von Leonhard Thurneysser zum Thurn, Georg Rollenhagen, Clemens Brentano oder William Shakespeare und vielen anderen Autoren wurden dank seiner finanziellen Hilfe restauriert und können daher Wissenschaftlerinnen und Forschern wieder zur Verfügung gestellt werden. Ob der Allgemeine Anzeiger der Deutschen, Der Schlesische Erzähler oder auch das Wochenblatt für den Kreis Recklinghausen – all diese Zeitungen und viele andere mehr brauchten dringend neue Einbände, damit sie wieder benutzbar sind.

Werner Papke freute sich an der stetig wachsenden Schar seiner “Patenbücher”, die jetzt mindestens zwei Meter Regalfläche einnehmen. Eher mehr, denn die Zeitungsbände sind voluminös. In jedem einzelnen Werk steht nun sein Name auf dem Exlibris.

Im Oktober mussten wir leider von Werner Papke, 93jährig, Abschied nehmen.

 

Übernehmen auch Sie eine Buchpatenschaft
bei den “Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.”

Wenn Sie Interesse daran haben, dass ein Werk restauriert und damit wieder benutzt werden kann, dann schauen Sie auf die Seite der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V. . Hier finden Sie eine große Auswahl an Patenschaften aus allen Abteilungen der Staatsbibliothek zu Berlin – Bücher, Landkarten, Noten, Handschriften und Zeitungen. Oder Sie schreiben eine Mail an freunde@sbb.spk-berlin.de und wir senden Ihnen  Angebote zu.

Für Ihre Hilfe, ein bedrohtes Werk vor dem Zerfall zu bewahren, erhalten Sie:

  • ein Exlibris aus alterungsbeständigem Papier mit Ihrem Namen oder einem von Ihnen gewünschten Namen,
  • die Möglichkeit, das restaurierte Werk zu besichtigen beim Jahresempfang oder bei einem Termin nach Vereinbarung,
  • eine Spendenbescheinigung für Ihr Finanzamt.

Kontakt: Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V., Gwendolyn Mertz, Unter den Linden 8, 10117 Berlin, Telefon: 030 – 266 43 8000, Mail: freunde@sbb.spk-Berlin.de

 

 

 

 

Ausschnitt aus: BSB Res/4 Oecon. 172

Das Kometenei von 1680 und andere Wunderzeichen

Gastbeitrag von Dr. Doris Gruber

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Bibliotheksmagazin 1/19.

Ende 1680 erschien in Regensburg ein Flugblatt, das von einer außergewöhnlichen Geschichte berichtet: Am elften November des Jahres habe in Rom eine Henne ein ‚wunderliches‘ Ei gelegt. Dieses sei insofern besonders, weil die Henne dabei ungeheuer laut gegackert und bis dahin keine Eier gelegt habe, vor allem aber da auf seiner Schale ein Komet abgebildet gewesen sei. Es handle sich auch nicht um irgendeinen Kometen, sondern um jenen, der zur selben Zeit – von Anfang November 1680 bis ins Frühjahr 1681 – rund um den Globus zu sehen war. Seine offizielle Bezeichnung lautet ‚Komet C/1680 V1‘, und er gehört zu den so genannten ‚Großen Kometen‘: Er war nicht nur einer der größten bisher von Menschen beobachteten Kometen und ungewöhnlich lange zu sehen, sondern auch so hell, dass er mit freiem Auge beobachtet werden konnte. Es handelt sich auch um den ersten Kometen, der mit einem Teleskop entdeckt wurde. Seine Umlaufbahn beträgt vermutlich 9.360 Jahre, weswegen mit seiner Wiederkehr in unser Sonnensystem erst im Jahr 11.040 zu rechnen ist.

Im Flugblatt wird weiterhin ausgeführt, dass alle Menschen, die das ‚Kometenei‘ sahen, mit großer Verwunderung und Schrecken reagierten, und man bildete das Ei, die Henne und den Kometen ab.

Anonymes Flugblatt zum Kometenei von 1680; Quelle: BSB, Res/4 Oecon. 172

BSB, Res/4 Oecon. 172

Man nahm also an, der Komet habe sich auf der Eierschale manifestiert. Uns Heutigen stellt sich die Frage, warum man seinerzeit an eine solche Erscheinung glaubte und wieso es sich ausgerechnet um einen Kometen und ein Ei handelte.

Kometen erregten in der Frühen Neuzeit generell große Aufmerksamkeit: Zumeist ging man davon aus, sie kündeten Unglück an, wie Dürre, Krankheiten und Tod. Derartige Deutungen stützten sich auf verschiedene Wissensbestände, die seit Jahrhunderten und mitunter Jahrtausenden verbreitet waren. In der Regel nahm man an, Kometen seien Wunderzeichen, mittels derer Gott die Menschen zur Buße ermahne und vor göttlichen Strafen warne. Häufig wurden Kometen auch astrologisch gedeutet, und einige physikalische Theorien schienen negative Folgen von Kometen ebenfalls zu bekräftigen. Die negativen Deutungen und Auswirkungen wurden um 1680 auch nur selten hinterfragt.

Deshalb wurden neue Berichte von Kometen seinerzeit mit großem Interesse verfolgt und vielfach gedruckt. Unter allen frühneuzeitlichen Kometenerscheinungen wurde zu jener von 1680/81 sogar am meisten publiziert, allein im Heiligen Römischen Reich konnten 305 unterschiedliche Drucke nachgewiesen werden.

In 24 der Drucke wird auch das Kometenei – meist in sehr ähnlicher Form – erwähnt. Hierbei handelt es sich vorwiegend um Flugblätter und Flugschriften, Vorläufer der heutigen Publikationsformen Zeitung und Zeitschrift. Darin gab man mitunter noch an, das Ei sei selbst vom Papst, von der in Rom verweilenden Königin Christina von Schweden (1626–1689) und „allen andern Großen in Rom“ mit Entsetzen und Verwunderung betrachtet worden. In der Folge habe man es, oder ein Abbild davon, sogar zu Ludwig XIV. (1638–1715) nach Frankreich gesandt. Das Ei scheint also nicht bloß die Aufmerksamkeit des gemeinen Volkes, sondern einiger der höchsten (katholischen) Autoritäten Europas auf sich gezogen zu haben.

In einigen Drucken versuchte man auch genauer zu erklären, wie der Komet auf die Eierschale gekommen sei. Hier lassen sich drei Gruppen zusammenfassen:

Die erste und mit Abstand größte Gruppe glaubte, das Kometenei sei – wie der Komet selbst – ein Wunderzeichen, das Gott gesandt habe, um die Menschen zur Buße für ihr sündhaftes Leben zu ermahnen und um göttliche Strafen anzukünden.

Die zweite, deutlich kleinere Gruppe versuchte, das Kometenei mit Vorgängen in der Natur zu erklären. Wie Friedrich Madeweis (1648–1705), ein Postmeister aus Halle, verwies man bevorzugt auf die Theorie der ‚mütterlichen Imagination‘ respektive des ‚Versehens‘.

Eine Flugschrift zum Kometenei von Friedrich Madeweis (1648–1705); Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin (LI 9353)

Eine Flugschrift zum Kometenei von Friedrich Madeweis    (1648–1705); Quelle: SBB, Ll 9353

 

Demnach sei die Henne so sehr über den Kometen erschrocken gewesen, dass sich sein Abbild auf der Eierschale verewigt habe. Diese Theorie war in der Frühen Neuzeit weit verbreitet und wurde vor allem für die Erklärung von Missbildungen beim Menschen herangezogen.

Ein Buch zu Wunderzeichen von Tobias Beutel; Quelle: Bayerische Staatsbibliothek München (Res/4 Astr.p. 523,18)

Ein Buch zu Wunderzeichen von Tobias Beutel (1627–1690); Quelle: BSB, Res/4 Astr.p. 523,18

Die dritte und kleinste Gruppe zweifelte an der Echtheit des Kometeneis. Sehr deutliche Kritik übte etwa der kursächsische Sekretär und Mathematiker Tobias Beutel (1627–1690). Dieser verurteilte den „liederlichen Vogel“, der den „Abriß“ des Kometen auf das Ei gesetzt habe, womit nicht nur ganz Rom ‚geäfft‘ wurde, sondern sich auch diese „Lügenda“ in ganz Deutschland verbreitet habe. Beutel war sich sicher, das Kometenei sei von Menschenhand gezeichnet worden. Dies mag damit zusammenhängen, dass man von demselben Autor erfährt, der mutmaßliche Urheber des Kometenbildes auf dem Ei sei in Rom verhaftet, des Betrugs überführt und zum Dienst auf einer Galeere verurteilt worden. Ob eine solche Verurteilung tatsächlich stattfand, konnte nicht geklärt werden.

Jedenfalls ist es kein Zufall, dass es sich bei dieser Geschichte um ein ‚Ei‘ handelt: Eier galten als Repräsentation des Lebens und der Zukunft, weswegen man die darauf befindlichen ‚Wunderzeichen‘ als besonders bedeutungsschwanger ansah. In der Frühen Neuzeit wurden auch andere Wunderzeichen auf Eiern ‚gefunden‘, wie Versatzstücke von Sonnen- und Mondfinsternissen, Medusenhäupter oder Heiligendarstellungen. Auch Kometeneier tauchten vor und nach 1680 auf: Eines sei etwa 1663 in Kalabrien gelegt worden, ein anderes 1665 in Warschau und ein drittes 1682 in Hessen. Noch 1986 (!) berichtete man in der Chicago Tribune von einem Kometenei, das bei der Erscheinung des Halleyschen Kometen im englischen Studley gelegt worden sei.

Und noch weitere ‚Wunderzeichen‘ wurden mit der Kometenerscheinung von 1680/81 in Zusammenhang gebracht. Anfang Jänner 1681 sei etwa in Straßburg ein Mädchen mit roten Kometenmalen auf den Armen zur Welt gekommen, und in Ingermanland in Schweden habe ein neugeborener Knabe sofort nach der Geburt zu sprechen vermocht und den Kometen als „Weheklagen“ über die Menschen beschrieben. Zudem seien vermehrt Erdbeben, Überschwemmungen und Feuersbrünste gleichzeitig oder zeitnah zur Kometenerscheinung aufgetreten.

Ein Straßburger Mädchen mit Kometenmalen auf den Armen in einer Flugschrift von Friedrich Wilhelm Schmuck (1638–1721); Quelle: SUB Göttingen 4 PHYS MATH I, 690 (6)

Ein Straßburger Mädchen mit Kometenmalen auf den Armen in einer Flugschrift von Friedrich Wilhelm Schmuck (1638–1721);
Quelle:  Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, 4 PHYS MATH I, 690 (6)

All diese Vorkommnisse haben gemein, dass es sich um außergewöhnliche Phänomene in der Natur handelt, die in der Frühen Neuzeit noch nicht (eindeutig) rational erklärt werden konnten. Die Deutungen als Wunderzeichen waren bereits seit der Antike belegt und erlaubten am Ende des 17. Jahrhunderts eine Einordnung der Phänomene innerhalb des zeitgenössischen Weltbildes.

Weiterführende Literatur:
– James Howard Robinson, The Great Comet of 1680. A study in the history of rationalism, Northfield 1916
– Sara Schechner Genuth, Comets, Popular Culture, and the Birth of Modern Cosmology, Princeton 1997

In der Dissertation der Autorin, die dank der Förderung der Gerda Henkel Stiftung an der Universität Graz entstand, wird die Geschichte des Kometeneies von 1680 genauer beleuchtet. Neben der Kometenerscheinung von 1680/81 werden hier auch jene von 1577/78 und 1743/44 behandelt. Die Publikation ist für 2020 geplant.

 

Frau Dr. Doris Gruber, Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2017 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Frühneuzeitlicher Wissenswandel. Eine mediengeschichtliche Analyse der Kometenliteratur des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation”

Werkstattgespräch über Kometen und Wissenswandel in der Frühen Neuzeit am 27. 4. 2017