Erschließung, Vermessung, Provenienz – Manuscripta Americana: Aufarbeitung einer Sammlung (Tagungsbericht)

Tatiana Falcón (Universidad Naciónal Autonoma de Méxica, 15.02.2019, Simon-Bolivar-Saal)

Tatiana Falcón (Universidad Naciónal Autonoma de Méxica, 15.02.2019, Simon-Bolivar-Saal)

Unter dem Titel “Manuscripta Americana: Aufarbeitung einer Sammlung” fand vom 14. bis 15. Februar 2019 in Simon Bolivar-Saal ein Internationaler Workshop statt. Erschließung, Vermessung und Provenienz lauteten die wichtigsten Themen. Ausgerichtet vom Ibero-Amerikanischen Institut (IAI), der Staatbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz (SBB PK) und dem Bundesamt für Materialforschung (BAM), wird die Tagung durch Angelika Danielewski (Handschriftenabteilung der SBB PK) und Renate Nöller (BAM) vorbereitet und durchgeführt. Beteiligt sind Spezialisten verschiedener Disziplinen aus Deutschland, Polen und Mexiko. Es geht um die Vorstellung und Einordnung der Ergebnisse eines rund zweijährigen Projekts. Im Mittelpunkt des Projekt stehen neben anderen Handschriften aus Lateinamerika die Humboldt-Fragmente, die der Gelehrte Alexander von Humbold von einer Forschungsreise 1803/1804 nach Berlin mitbrachte.

Eröffnung (Oliver Hahn/BAM/CSMC, Eef Overgaauw/Leiter der Handschriftenabteilung der SBB PK, Barbara Göbel/Direktorin des IAI)

Eröffnung (Oliver Hahn/BAM/CSMC, Eef Overgaauw/Leiter der Handschriftenabteilung der SBB PK, Barbara Göbel/Direktorin des IAI)

Eröffnet wird die Tagung durch Grußworte von Eef Overgaauw (Leiter der Handschriftenabteilung der SBB PK), Oliver Hahn (BAM/Centre for the Study of Manuscript Cultures) und Barbara Göbel (Direktorin des IAI). Hahn betont in einem Spezialvortrag über die Tinten der Manuscripta Americana eine große Heterogenität des bislang nur stichprobenartig untersuchten Materials und den Bedarf nach einer gründlichen Analyse der chemischen und physikalischen Eigenschaften dieser Handschriften. Göbel nutzt die Gelegenheit zu einer Art Wasserstandsmeldung über das laufende Evaluierungsverfahren in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Stabilität der Forschungsinfrastrukturen bei künftiger Transformation der jeweiligen Forschungsumgebung, Neupositionierung und weitere Vernetzung der beteiligten Institutionen, Forscher und Forschergruppen sowie ein kulturwissenschaftlich spürbar ausgeweiteter Archivbegriff lauten einige der maßgeblichen Stichworte. Die SPK erscheint dabei als Gedächtnisinstitution, die Kulturobjekte bewahrt, erschließt und vermittelt. In der Diskussion wird außerdem die Geschichte Preußens, vor allem die des 19. Jahrhunderts, als entscheidende Klammer für die Zusammengehörigkeit von Objekten und Sammlungen, von Bildern, Texten und Artefakten der SPK, fokussiert.

Die Wahrnehmung der einheimischen Bevölkerung (Indianer) durch Alexander von Humboldt ist im Spiegel seiner Tagebücher nicht nur die eines Forschungsreisenden, sondern auch die eines frühen Vertreters der Romantik, dessen Empfindungen zu einer unmittelbaren Einsicht in die soziale Situation der Indianer führten. Die Beschreibungen der Autochthonen durch Humboldt zeichnen sich dabei dadurch aus, dass er sich in die Lage der Indigenen versetzt. So lauten einige der auf den ersten Blick überraschenden Thesen des Öffentlichen Abendvortrags von Ursula Thiemer-Sachse (Freie Universität Berlin) am 14. Februar 2019. Die Thesen beruhen indes auf jahrzehntelangen Forschungen der Altamerikanistin.

Mehrere Fachvorträge der vorgestellten Tagung widmen sich der Form bzw. den physikalisch-chemischen Eigenschaften der untersuchten Handschriften. So hebt Julia Madajczak (Universität Warschau) die Zusammengehörigkeit mehrerer Fragmente eines Zensus für Tribute und Abgaben hervor, die im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts auf verschlungenen Wegen aus Mexiko nach Paris und Berlin und im 20. Jahrhundert auch nach Krakau gelangten. Die Rekonstruktion der ehemaligen Reihenfolge der Fragmente erlaubt neue Erkenntnisse, in welcher Art und Weise die Nahuas ihre Abgaben entrichteten.

Erläuterung des Humboldt-Fragments VIII (Angelika Danielewski, 15.02.2019, Simon-Bolivar-Saal)

Erläuterung des Humboldt-Fragments VIII (Angelika Danielewski, 15.02.2019, Simon-Bolivar-Saal)

Danielewski entdeckt erstmals, dass das Humboldtfragment VIII auch auf der Rückseite Texte und Bilder aufweist. Die formal ähnliche Struktur zeigt, dass Vorder- und Rückseite zusammengehören. Aus der Analyse lassen sich zusätzliche Erkenntnisse nicht nur über den Inhalt, sondern auch über die ursprüngliche Form von Fragment VIII – also Blattsammlung oder Leporello (das heißt mehrere aneinandergeklebte und dann gefaltete Amateblätter) – ableiten.

Renate Nöller und ihre mexikanische Kollegin Tatiana Falcón (Universidad Nacional Autónoma de Méxica) stellen anhand verschiedener Messverfahren die Unterscheidung von typischen Farbmischungen und Tinten für indigene bzw. europäische Manuskripte heraus, wobei die durch eine Schildlaus (Dactylopius coccus) erzeugte Farbe Cochenille (Karmin) in europäischen Handschriften nur im Ausnahmefall nachweisbar ist. Aus Europa kommen bis zum 18. Jahrhundert hingegen häufig Farben mit bis heute chemisch nachweisbaren Anteilen an Kohlenstoff oder anderen Mineralien. Die Unterscheidung zwischen tierisch oder pflanzlich bzw. durch metallische Beimischungen in Lösungen erzeugten Farben erscheint sogar als möglicher Marker für einheimische oder abendländisch beeinflusste Handschriften. Diskutiert wird neben der Art und Verwendung der gängigen Messverfahren auch die benötigte Software für den von diesseits wie jenseits des Atlantiks gewünschten Austausch von Bildern aus der Kolonialzeit Lateinamerikas.

Weitere Vorträge der Tagung, darunter der von Michael Dürr (Zentrale Landesbibliothek/Freie Universität Berlin) und Ulrike Mühlschlegen (IAI) über ein Wörterbuch für Spanisch und Nahuatl nebst Glossierung in der selten belegten indo-amerikanischen Sprache Otomí, drehen sich um die Provenienz- und Überlieferungsgeschichte bedeutender Handschriften aus Mexiko. In neuerer Zeit spielen dabei nicht nur die spezielle Sprache der Missionsüberlieferung, sondern auch der Stellenwert gelehrter Sammlungen eine immer wichtigere Rolle. Erinnert sei nur an die Sammlung Botorini (18. Jahrhundert) oder den Nachlass von Eduard Seler (1849-1922). Letzterer wird heute im IAI aufbewahrt und bedarf noch einer gründlichen wissenschaftlichen Erschließung.

Marie-Luise Heckmann (SBB PK, IIIA/Universität Potsdam)

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