Isaak Babels „Die Reiterarmee“ – eine Neuerscheinung vor 100 Jahren
Von Sabine Kaiser und Asya Sarayeva, Referentinnen der Osteuropa-Abteilung
Die Reiterarmee von Isaak Babel (1894-1940) gilt als eines der bedeutendsten Werke der modernen russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Erzählungen beruhen auf Babels eigenen Erfahrungen als Kriegskorrespondent bei Budjonnys 1. Reiterarmee im Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920.
Das Werk verbindet dokumentarische Genauigkeit mit poetischer Verdichtung und zeigt den Bürgerkrieg nicht als heroische Revolutionserzählung, sondern in einem radikal ambivalenten und schonungslosen Blick auf Revolution und Krieg. Babel entlarvt den Mythos der revolutionären Helden. In der Figur Ljutov – Babels Alter Ego – findet der Gegensatz zwischen Intellekt und Gewalt seinen Ausdruck. Sie zeigt einen sensiblen jüdischen Beobachter zwischen den Fronten: Er bewundert die Energie der Reiter, bleibt ihnen aber innerlich fremd. Stilistisch revolutionierte Babel die Prosa durch extreme Verdichtung, poetische Bildsprache und eine „kubistische“ Montagetechnik. Zusammen bilden die einzelnen Episoden ein vielstimmiges Gesamtbild der historischen Wirklichkeit.
Das Buch erschien 1926 auf Russisch in Moskau unter dem Titel Конармия/Konarmija und im gleichen Jahr bereits in deutscher Übersetzung von Dmitrij Umanskij im Berliner Malik-Verlag mit dem Titel Budjonnys Reiterarmee. Vermutlich nutzte Umanskij als Vorlage ein von Babel erhaltenes Manuskript, das allerdings wie der Großteil seines Nachlasses heute verschollen ist. Die Empfehlung, Babels Werke ins Deutsche zu übertragen, kam von niemand Geringerem als Maxim Gorkij. Die deutsche Übersetzung enthält mehrere Änderungen, die bei Babel auf Unmut stießen. Umanskijs Übersetzung umfasst gegenüber der russischen Erstausgabe nicht 34, sondern 30 Erzählungen – teilweise in geänderter Reihenfolge und zur Hälfte unter anderen Titeln. Die Slawistin Ulrike Jekutsch erkennt darin eine Strategie des Übersetzers, den deutschen Leser:innen der 1920er Jahre den Zugang zu den Texten und Ereignissen zu erleichtern. Auch der Name Budjonny im Titel des Bandes diente diesem Zweck und hob den Bezug zu den aktuellen politischen Ereignissen hervor. Die Übersetzung von Umanskij erschien zwischen 1926 und 1931 mehrfach im Malik-Verlag und machte Babel in Deutschland bekannt.
Die Reiterarmee wurde darüber hinaus international gefeiert und begründete Babels Weltruhm. Gleichzeitig geriet Babel unter politischen Druck: Der sowjetische Marschall Semjon Budjonny griff Babel öffentlich an, weil er die Rote Armee nicht glorifizierte, sondern vielmehr ihre Grausamkeit offenlegte. Unter Josef Stalin wurden spätere Ausgaben zunehmend zensiert; zahlreiche Passagen verschwanden oder wurden verändert. Babel veröffentlichte in den 1930er Jahren kaum noch Werke, wurde 1939 verhaftet und 1940 erschossen. Erst mit der Perestroika unter Michail Gorbatschow konnten wieder unzensierte Fassungen erscheinen (so Band 2 der Werkausgabe 1990: Stabikat).
Für den deutschsprachigen Raum gab es in der Nachkriegszeit verschiedene Ausgaben und Übersetzungen sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik. Maßgebend ist heute jedoch die kommentierte Übersetzung von Peter Urban (1941-2013) aus dem Jahr 1994, weil sie erstmals den vollständigen, unzensierten Text übertrug und die ursprüngliche Struktur sowie die ästhetische Komplexität des Werkes sichtbar machte. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) schrieb dazu: »Das Hauptwerk des wohl größten russischen Schriftstellers unseres Jahrhunderts, den Erzählungsband ‚Die Reiterarmee‘ von Isaak Babel, haben wir endlich in einer unzensierten Ausgabe und in einer hervorragenden Übersetzung erhalten. Das Buch ist immer noch aufregend. Immer noch? Manche dieser poetischen Geschichten aus den zwanziger Jahren verstehen wir heute besser als früher.«
Die Reiterarmee wird heute als literarisches Schlüsselwerk der Moderne gelesen: als sprachlich hochpoetisches, historisch authentisches und politisch unbequemes Zeugnis über Krieg, Revolution und Gewalt. Die wechselvolle Rezeptionsgeschichte zeigt zugleich exemplarisch, wie totalitäre Systeme Literatur kontrollieren, verändern und verdrängen können.
In der Vitrine vor dem Osteuropa-Lesesaal zeigen wir in kleiner Auswahl die deutschsprachige Rezeption des Werkes Budjonnys Reiterarmee (Russisch: Конармия/Konarmija) von Isaak Babel. Die Präsentation wurde anlässlich der Veranstaltung Die Ukraine in Flammen: Isaak Babels erschütternder Prosazyklus „Die Reiterarmee“ zusammengestellt.
Babelʹ, Isaak: Budjonnys Reiterarmee.
Aus dem Russischen übersetzt von Dmitrij Umanskij.
Berlin : Malik-Verlag, 1926.
Signatur: Zn 13545/16<a> (Rara-Sammlung)
[Fotokopie des Titelblatts]
Inhaltsverzeichnis
Babelʹ, Isaak: Fünf Erzählungen aus Budjonnys Reiterarmee.
Aus dem Russischen übersetzt von Dmitrij Umanskij.
Illustriert von Rainer Herold.
Leipzig : Institut für Buchgestaltung, 1966.
Signatur: 21 B 1099 (Sammlung Künstlerische Drucke)
[Fotokopie des Covers und S. 7]
Aus dem Impressum: Diese Ausgabe wurde … von Rainer Herold als Diplomarbeit illustriert, von Wolff-Ulrich Weder typografisch gestaltet. […] Gesetzt aus der Tiemann-Antiqua und in einer Auflage von 300 Exemplaren gedruckt.
Babelʹ, Isaak: Die Reiterarmee und andere Erzählungen.
Aus dem Russischen übersetzt von Dmitrij Umanskij.
Mit einem Vorwort von Fritz Mierau.
Berlin : Verlag Kultur und Fortschritt, 1964.
Signatur: 18 A 6788
Babelʹ, Isaak: Die Reiterarmee
Herausgegeben von Fritz Mierau.
Aus dem Russischen übersetzt von Harry Burck u. a.
(Werke; Bd. 1)
Berlin : Verl. Volk und Welt, 1973.
Signatur: 27 A 6419-1
Inhaltsverzeichnis
Babelʹ, Isaak: Budjonnys Reiterarmee und anderes. Das erzählende Werk.
Aus dem Russischen übersetzt von Dmitrij Umanskij.
Mit einem Nachwort von Walter Jens.
Olten : Walter, 1960.
Signatur: 15 A 10054-1
Babelʹ, Isaak: Exemplarische Erzählungen.
Aus dem Russischen übertragen von Milo Dor und Reinhard Federmann.
Wien [u.a.] : Europa-Verl., 1985.
Signatur: 717041
Babelʹ, Isaak: Tagebuch 1920.
Aus dem Russischen übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Peter Urban.
Berlin : Friedenauer Presse, 1990.
Signatur: 1 A 90547
Krumm, Reinhard: Isaak Babel. eine Biographie.
Norderstedt : Books on Demand, 2004.
Signatur: 1 A 573717
Schoeller, Wilfried F.: 60 Jahre Buch des Monats 1952 – 2012. Eine Jubiläumsschrift.
Darmstadt : Justus-von-Liebig-Verl, 2012.
Signatur: 1 A 865803
Daraus: Werth, Wolfgang: Isaak Babel: Die Reiterarmee. Gewählt September 1994, S. 136-137. [Fotokopie]
Inhaltsverzeichnis
Weitere deutsche Ausgaben des Werkes finden Sie im Stabikat.
Literaturempfehlungen und Informationen:
Babel‘, Isaak Ė.; Pirožkova, Antonina N.: Sočinenija.
Moskva : Chudožestv. Literatura, 1990. 2 Bände.
Band 2: Konarmija
Signatur: 3 A 23528-2
Weitere russische Ausgaben des Werkes finden Sie im Stabikat.
Literatur über das Werk im Stabikat.
Jekutsch, Ulrike: Isaak Babel’s „Konarmija“ im Deutschland der zwanziger Jahre.
In: Zeitschrift für Slawistik 50 (2005) 3, S. 255-269.
https://slavdok.slavistik-portal.de/receive/slavdok_mods_00001118
Pogorelʹskaja, Elena [u.a.]: Isaak Babelʹ v istoričeskom i literaturnom kontekste. XXI vek. Sbornik materialov meždunarodnoj naučnoj konferencii v Gosudarstvennom literaturnom muzee 23-26 ijunja 2014 g.
Moskva : Knižniki, 2016.
Signatur: 3 A 233507
Isaak Babel (1894-1940) Wikipedia deutsch/russisch | Stabikat
Dmitrij Umanskij (1901–1977) Germersheimer Übersetzerlexikon
Fritz Mierau (1934-2018) Wikipedia
Milo Dor (1923-2005) Wikipedia
Reinhard Federmann (1923-1976) Wikipedia
Walter Jens (1923-2013) Wikipedia
Peter Urban (1941-2013) Wikipedia
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