Beiträge für Forschung und Kultur

Brigitte Klemm-Neumann

Übergabe des Nachlasses von Sigrid Heuck an die Kinder- und Jugendbuchabteilung

Übergabe des Nachlasses von Sigrid Heuck in familiärem Rahmen. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Vor vierzig Jahren erschien „Pony, Bär und Apfelbaum“, ein Klassiker unter den Lesebilderbüchern, die Kindern durch das Ersetzen von Hauptwörtern durch kleine Illustrationen schon früh die Möglichkeit geben, „Mitlesen“ zu können. Sigrid Heuck, der Autorin und Illustratorin des Werks, war die Nähe zu ihrem Publikum, den Kindern, immer wichtig. Und so hätte sie sich sicher über die in einem kleinen, familiären Rahmen stattfindende feierliche Übergabe ihres künstlerischen und schriftstellerischen Nachlasses an die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin gefreut, deren Rahmenprogramm von Kindern bestritten wurde.

Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Sigrid Heuck, 1932 in Köln geboren, auf der Ponyfarm ihrer Mutter in einem Ort an der Bergstraße aufgewachsen, verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Oberbayern. Bereits 1949 zog sie in das historische Gebäude, die Grabenmühle, unweit der Isar nahe Dietramszell-Einöd gelegen, in dem sie bis zu ihrem Tod 2014 lebte, schrieb und zeichnete. 1959 erschien ihr erstes Bilderbuch: „Das Mondkuhparadies“. 101 weitere Titel folgten, darunter der bereits erwähnte „Pony, Bär und Apfelbaum“, der von seiner Erstauflage 1977 bis zum Tode Sigrid Heucks 2014 spätestens alle vier Jahre neu aufgelegt und in zahlreiche westeuropäische Sprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Niederländisch, Friesisch, Dänisch, Schwedisch und Finnisch) sowie ins Chinesische, Japanische und Afrikaans übersetzt wurde. Sigrid Heuck wurde im Laufe ihrer Schaffenszeit mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis, dem Österreichischen Jugendbuchpreis sowie dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet.

Die Autorin und Künstlerin hatte keine Kinder, war aber stets von ihren Verwandten, einem großen Freundeskreis und zahlreichen Tieren umgeben. Zu den Freunden zählten u.a. Barbara Holzmayer, ihre Haushälterin, sowie Brigitte Klemm-Neumann, ehemals Leiterin eines Kindergartens in Dietramszell.

Brigitte Klemm-Neumann erinnert an Sigrid Heuck. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Frau Holzmayer, Erbin der Grabenmühle, konnte leider nicht persönlich anwesend sein, sandte aber ein Grußwort, in dem sie u.a. berichtete, wie sie durch vielfältige Veranstaltungen den guten Geist Sigrid Heucks in der Grabenmühle am Leben erhält.

Frau Klemm-Neumann, die von der Autorin als Buchrechteinhaberin eingesetzt wurde, erinnerte sich an das erste Zusammentreffen mit ihrer späteren Freundin – die Begrüßung hatten zwei beeindruckend große Hunde übernommen – sowie die Entwicklung ihrer Freundschaft, die stets vom Entstehen neuer Kinder- und später dann auch Jugendbücher begleitet war. Wirklich zufrieden schien Sigrid Heuck immer dann zu sein, wenn sie an einem Buchprojekt arbeitete. Das galt sogar für ihr letztes Werk, „Mit Wind und Wolken unterwegs“, in dem sie, obgleich schon sehr schwach, in 49 Kurzgeschichten ihre abenteuerlichen Reisen beschrieb. „Zum Glück,“ so Klemm-Neumann, „vollendete sie es!“ Der Band erschien postum 2015.

Leonardo Dimeo liest aus “Cowboy Jim”. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Die Grundlage für dieses Opus ultimatum bildeten 63 Ordner an Reisetagebüchern. Diese gelangen nun ebenso in den Bestand der Staatsbibliothek wie die zahlreichen Manuskripte, Briefe, Rezensionen, Dateien mit unveröffentlichten Texten sowie Heucks Originalillustrationen. Frau Klemm-Neumann entschied sich zu diesem Schritt, um den wahren Schatz an Materialien der Forschung öffentlich zugänglich zu machen. Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, erläuterte ihrerseits, welche Anstrengungen die Bibliothek unternehmen wird, um sämtliche Dokumente adäquat zu lagern und zu erschließen, damit sie anschließend über den Online-Katalog der Staatsbibliothek weltweit recherchiert und sodann im Lesesaal der Kinder- und Jugendbuchabteilung eingesehen werden können.

Das fröhlich-festliche Gitarrenspiel Lea Wollenwebers (11 Jahre) sowie die mitreißende, spannende Lesung von Leonardo Dimeo (12 Jahre) aus Sigrid Heucks „Cowboy Jim“ rundeten den Abend, der zeitlich in den Raum des 85. Geburtstags der Autorin fiel, in perfekter Weise ab.

 

Ein kleiner Einblick in den vielfältigen Nachlass. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA


Die Süddeutsche Zeitung berichtete über die Übergabe am 23. Mai in ihrer Regionalausgabe für Wolfrathshausen in einem großen Artikel unter der Überschrift “Eine neue Heimat in Berlin” .

Erneut für fünf Tage: Ausstellung “Bibel – Thesen – Propaganda”

„Für den Evangelischen Kirchentag in Berlin stellen wir die erfolgreiche Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ mit dem als UNESCO-Weltdokumentenerbe geschützten Nürnberger Druck der 95 Thesen Martin Luthers gern erneut zusammen“, führt Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin aus. Die Ausstellung ist Teil des Regionalen Kulturprogramms “Zeig Dich!” während des 36. Evangelischen Kirchentages in Berlin.

Der Nürnberger Druck der 95 Thesen bildet zusammen mit anderen zeitgenössischen Dokumenten der vor 500 Jahren einsetzenden Reformationsbewegung – Autographe von Martin Luther, Flugblätter wider den Papst, handkolorierte Prachtbibeln aus der Cranach-Werkstatt und andere – den Kern der Ausstellung, die bereits von Februar bis Anfang April 2017 zu sehen war.

Die Ausstellung ist in sechs Kapitel eingeteilt: Schlüsselereignisse der Reformationsbewegung ab 1517, die Heilige Schrift, Theologie und Propaganda, Streit und Krieg, Kirchenmusik sowie Rezeption in Kunst, Literatur und Musik bis in die heutige Zeit.


„Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum, 10785 Berlin

Mittwoch – Sonntag, 24. – 28. Mai 2017
Mittwoch – Samstag 11-20 Uhr, Sonntag 11-18 Uhr
Führungen um 15 und 17 Uhr
freier Eintritt
zu erwerben: Katalog, Faksimile des Thesen-Drucks mit deutscher Übersetzung und Erläuterungen


Blog zu besonderen Objekten in der Ausstellung
Honorarfreie Abbildungen
Ausführliche Pressemitteilung vom 2. Februar 2017

Seine Musik brachte Kinderaugen zum Leuchten

Der komplett erschlossene Nachlass (55 Nachl 111) des Komponisten Gunther Erdmann ist jetzt in der Staatsbibliothek

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Vielleicht werden sich einige, die ihre Kindheit in Ostdeutschland verbracht hatten, an Lieder wie etwa „der kleine freche Spatz vom Alexanderplatz“ von Gunther Erdmann (1939-1996) erinnern. Der bis zur Wende gefeierte Komponist mit dem dichten dunklen Haar und dem markanten Rauschebart hat fast sein ganzes Leben für die Kindheit und Jugend komponiert. Doris Winkler vom Chorverband Berlin ist es zu verdanken, dass der Nachlass von Gunther Erdmann, der auch ein Stück Musikgeschichte der DDR ist, gerettet werden konnte und nun in der Musikabteilung für die Nachwelt zugänglich ist. Besonders beeindruckt der umfangreiche kompositorische Teil des Nachlasses, der neben zahlreichen persönlichen Dokumenten auch Fotos und Tonträger enthält: Sein Œuvre umfasst Instrumental- und Filmmusik, Sololieder, Revuen und eine Kinderoper. Es war sein Hauptanliegen, Chormusik v.a. für junge Leute zu schreiben. Dabei sollte der 1939 im Thüringischen Oberdorla bei Mühlhausen geborene Erdmann zunächst die Schuhwerkstatt des Vaters übernehmen, übte aber viel lieber Cello und Klavier in der Volksmusikschule und zog schon bald als Korrepetitor beim „Republik-Ensemble der Deutschen Volkspolizei“ durch die DDR, wie die im Nachlass erhaltenen Berichtshefte und Lehrlingszeugnisse aus dem Weißenfelser Schuhkombinat „Banner des Friedens“ belegen.

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

1966, nach dem Studium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, übernahm er als musikalischer Leiter fast 20 Jahre erfolgreich zusammen mit der Choreographin und Tänzerin Anni Sauer das Kinder- und Jugendensemble „Musik und Bewegung“ am „Haus der Jungen Talente“ in Berlin. Über diese Arbeit, die er stets mit seinem kompositorischen Grundsatz „so einfach wie möglich, so kompliziert wie nötig“ zu erfüllen suchte, schrieb Erdmann im Januar 1985: „Kinder haben eine unglaubliche Phantasie. Sie sind nicht nur aktive Zuhörer, sie können gar nicht passiv sein und urteilen durch ihre Anteilnahme. Jedes Kind ist musikalisch. Es genügt nicht nur, Kompositionen für Kinder zu schreiben, man muß sich selbst mit ihnen beschäftigen, muß ihre Wünsche, Träume, Freude und Traurigkeit genau kennen. Das ist die beste Basis zur Schaffung neuer Musik für Kinder.“ Dabei versuchte Erdmann, den Bewegungsdrang von Kindern geschickt mit der Artikulation von Sprache und Klängen zu verquicken.

Einige Werke aus seinem Nachlass sind heute zwar als Ergebnis einer ideologischen Vereinnahmung durch die SED-Machthaber durchaus kritisch zu sehen. Andere Werke wirken hingegen erstaunlich zeitlos, entspringen stets der Erlebniswelt des Kindes. Abzählreime finden sich neben Kalauern, Zungenbrechern oder Kurzgeschichten und Gedichten von Eva Strittmatter, Sarah Kirsch, James Krüss etc. Ebenso bediente Erdmann auch das traditionelle Kinderlied aus Deutschland (neben dem Liedgut aus „sozialistischen Brüderländern“) im gemäßigt modernen Tongewand.

Notenhandschrift „Aj-lju-lju“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/A,296 (1)) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Notenhandschrift „Aj-lju-lju“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/A,296 (1)) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Anfang der 1980er Jahre kam sein Interesse für jiddische Folklore hinzu. Neben der Pentatonik reizte ihn die eigenartige Melange aus heiterer Lebensfreude und tiefem Schmerz, die in seinem Zyklus „Tumbalaleika“ oder in der Motette „Ghetto“ erfahrbar wird. 1990 komponierte er sein letztes Chorwerk „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“. Nach dem Mauerfall wurde es ruhiger um den Komponisten; er vereinsamte sogar zunehmend − ein Schicksal, das er mit vielen Komponisten der untergegangenen DDR teilte.

[Text von Jean Christophe Gero]

Notendruck „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 NB 18046-1) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Notendruck „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 NB 18046-1) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Italienisch-deutsches Symposium und Forschungsforum der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft am 1.-2. Juni 2017

E.T.A. Hoffmanns Stadterkundungen und Stadtlandschaften

Italienisch-Deutsches E.T.A. Hoffmann Symposium
sowie
Forschungsforum der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft

 

1. und 2. Juni 2017
Staatsbibliothek zu Berlin
Simón-Bolívar-Saal
Haus Potsdamer Straße 33
10785 Berlin

 

Die Teilnahme ist kostenfrei. Um Anmeldung bis zum 25.05.2017 wird gebeten.

Das ausführliche Programm und weitere Informationen finden Sie auf der Veranstaltungs-Webseite der Staatsbibliothek zu Berlin.

 

Das Symposium wird organisiert von Dr. Tiziana Corda, Gremiumsmitglied der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft, und Jörg Petzel, Vize-Präsident der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft, in Kooperation mit der Staatsbibliothek zu Berlin.

Dem Symposium schließt sich das Forschungsforum der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft an. Es dient zur Förderung des Forschungsnachwuchses und wird organisiert von Dr. Kaltërina Latifi, Präsidentin der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft.

 

Kontakt:

Dr. Tiziana Corda
E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft

Christina Schmitz
Staatsbibliothek zu Berlin

E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft
Webseite: www.etahg.de

 

Zum Symposium

Das literarische Werk des Italien-Verehrers E.T.A. Hoffmann gehört zum Kanon der Weltliteratur und dessen Bedeutung zeigt sich in der internationalen Rezeption und den vielen Übersetzungen ins Englische, Italienische, Französische, Russische bis hin ins Koreanische und Chinesische. Die anhaltend starke Rezeption Hoffmanns in Italien ist an den vielen Übersetzungen, den jährlich publizierten wissenschaftlichen Arbeiten und auch an den Schuleditionen ablesbar. 2002 fand in Mailand unter der Leitung von Sandro M. Moraldo eine Hoffmann-Tagung unter dem Aspekt „E.T.A. Hoffmann und Italien“ statt, deren Schwergewicht auf der unaufgelösten Spannung der einander widersprechenden Italien-Bilder in Hoffmanns Werk lag. Die geplante Tagung vom 1. bis 2. Juni 2017 mit renommierten italienischen sowie deutschen Germanisten und Romanisten setzt einen völlig anderen Akzent und fokussiert sich auf den Hauptaspekt der Stadterkundungen in Hoffmanns literarischem Gesamtwerk, mit dem Schwerpunkt der Städte Rom, Mailand, Venedig und Berlin. Diese italienisch-deutsche Tagung ist ein Baustein zu einer fruchtbaren europäischen Kooperation und bestärkt zugleich das kulturelle Erbe beider Länder.

Die preußische Hauptstadt Berlin mit ihrem rasanten Bevölkerungswachstum wurde um 1800 zum beliebten Reiseziel und die Großstadt als Lebensraum eigener Ordnung und Qualität ins Bewusstsein gerückt. Die Motive Tumult, Gewimmel, Unordnung sind Bestandteile der Großstadterfahrung. Die Großstadt erscheint als Mikrokosmos und als Bündelung der Vielfalt auf kleinem Raum. Stadterfahrung bedeutet auch literarisch orchestrierte Grenzüberschreitung, das Fremde, die Nacht, die Spelunken und Restaurants, Panoramen und Liebhabertheater. Die Stadt bot nun neue Räume, die einer Gesellschaft im Umbruch als Parallelwelten wechselnde Identitäten ermöglichten. In Hoffmanns Berliner Erzählungen finden wir unter anderem Gespensterhäuser („Das öde Haus“), Weinkeller („Die Brautwahl“), Gartenlokale („Ritter Gluck“, „Aus dem Leben dreier Freunde“) mit bürgerlichem Publikum und ihren grotesk wirkenden Außenseitern.

Die Präsidentin des italienischen Germanistikverbandes, Prof. Elena Agazzi aus Bergamo, wird Hoffmanns Gespensterhäuser und seinen Außenseitern mit ihrem Vortrag über „Das öde Haus“ in einem neuen Licht erscheinen lassen. Dr. Klaus Deterding (Berlin) wird Hoffmanns Berliner Innenstadt-Zeichnung „Der Kunz‘sche Riß“ mit dessen Poetik in Verbindung setzen und Dr. Elena Giovannini (Bologna) interpretiert Hoffmanns Erzählung „Aus dem Leben dreier Freunde“. Ein Desiderat der Forschung sind sicherlich E.T.A. Hoffmanns Frauengestalten und Weiblichkeitsentwürfe, die im Vortrag von Dr. Giulia Ferro-Milone erörtert werden. Auch der sich seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon ausbreitende Antijudaismus/Antisemitismus in Preußen, den auch Hoffmann in seinen Berliner Erzählungen „Die Brautwahl“, „Die Irrungen / „Die Geheimnisse“ thematisierte, wird in einem Beitrag von Jörg Petzel kritisch beleuchtet. Prof. Matteo Galli aus Ferrara, Herausgeber der italienischen Hoffmanns Gesamtausgabe, wird über das Thema “(Un-)sichtbare Städte: l’effet du réel bei Hoffmann“ referieren.

Im Gegensatz zu Berlin hat E.T.A. Hoffmann Italien und seine Städte nie persönlich erleben können. Mangels eigener Erlebnisse und Erfahrungen arbeitete er mit zeitgenössischen Quellenwerken, deren Extrakt ein exaktes Grundgerüst seiner in Italien spielenden Erzählungen bietet. Im Kontrast zu Hoffmann und seinem Werk kommen während dieser wissenschaftlichen Tagung auch italienische und deutsche Dichter zu Wort, die lange oder zeitweilig in Rom, Venedig oder auch Mailand lebten, wie Alessandro Manzoni, Ludwig Tieck und Friedrich Rückert. Die Stadterfahrungen in den Werken dieser Autoren werden in einigen Vorträgen thematisiert werden. Den einführenden Festvortrag „Unter dem Vulkan. Goethe, de Sade, E.T.A. Hoffmann“ hält der renommierte italienische Germanist Prof. Patrizio Collini aus Florenz. Der Romanist und Komparatist Prof. Joachim Küpper (Berlin) wird die Darstellung italienischer Städte in Alessandro Manzonis Roman „Il promessi sposi“ / „Die Brautleute“ interpretieren. Der bekannte Tieck-Experte, Prof. Dr. Walter Schmitz, wird „die Stadtbilder und die Entdeckung der Stadt“ in Ludwig Tiecks Werk erhellen. Die Rom-Gedichte von Hoffmanns Zeitgenossen Friedrich Rückert werden vom Marburger Germanisten Prof. York Gothart Mix einer neuen Sicht unterzogen. Hoffmanns Erzählungen „Prinzessin Brambilla“ sowie „Signor Formica“, die in Rom lokalisiert sind, werden, unter dem Einbezug von Karneval und Stadtbevölkerung, im Vortrag von Dr. Tiziana Corda analysiert. Den abschließenden Vortrag unserer Tagung hält Prof. Claudia Albert (Berlin), die den Bogen von Hoffmanns Capriccio „Prinzessin Brambilla“ zu Heinrich Manns Novelle „Branzilla“ spannen wird.

Wissenschaftliche Bibliotheken und Stadtentwicklung

Frau Eva May, Mitarbeiterin im FID-Projekt der Kartenabteilung, bekommt den renommierten b.i.t.online-Innovationspreis 2017 verliehen, welcher jedes Jahr drei herausragende Abschlussarbeiten aus dem Bereich Bibliothek, Information und Dokumentation auszeichnet. Die von ihr eingereichte Arbeit „Wissenschaftliche Bibliotheken und Stadtentwicklung“ zeigt die zentrale Rolle, die wissenschaftliche Bibliotheken in Diskurs und Praxis der Stadtentwicklung spielen können. Anhand von verschiedenen internationalen Beispielen wird gezeigt, welche Chancen und Risiken die Implementierung in die Stadtentwicklung nicht nur für die öffentlichen, sondern speziell auch für die wissenschaftlichen Bibliotheken birgt. Die Einbeziehung letzterer in die Stadt stellt eine bislang noch neue Entwicklung dar, zu der bisher wenig geforscht wurde.

Mit freundlicher Genehmigung Dinges und Frick

Der Preis ist mit 500 Euro dotiert und wird beim Deutschen Bibliothekartag 2017 in Frankfurt am Main bei der Veranstaltung „Innovationsforum“ am 1. Juni 2017 vorgestellt. Die preisgekrönte Arbeit wird in der Reihe „BIT online / Innovativ“ im Verlag Dinges & Frick Wiesbaden veröffentlicht. Wir gratulieren herzlich!

Prinzessinnen-Bibliothek erworben

Staatsbibliothek zu Berlin und Stiftung Preußische Schlösser und Gärten erwarben gemeinsam Prinzessinnen-Bibliothek

Stiftungen und Privatpersonen für die Kultur- und Wissenschaftsregion Berlin-Brandenburg engagiert

Fünf Stiftungen und 120 Privatpersonen unterstützten die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, SPSG, und die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, SBB-PK, beim gemeinsamen Erwerb der Prinzessinnen-Bibliothek. Diese setzt sich aus den einstigen Privatbibliotheken dreier hochadliger Damen zusammen, die alle in enger verwandtschaftlicher Verbindung zu Friedrich II. von Preußen (1712-1786) standen: Seine Mutter Sophie Dorothea von Hannover, Königin in Preußen (1687-1757), seine Schwester Luise Ulrike von Preußen, Königin von Schweden (1720-1782), und seine Nichte Sophie Albertine, Prinzessin von Schweden und Äbtissin des Reichsstifts Quedlinburg (1753-1829).

Die zuvor in Stockholm aufgestellte Büchersammlung umfasst 1.445 Titel in 4.500 Bänden. In den Titeln wie auch in den verschiedenen Ausgaben spiegelt sich das Spektrum weiblicher Bildung im europäischen Hochadel: Enthalten sind vor allem französischsprachige Drucke des 17. bis 19. Jahrhunderts, zu jeweils etwa 5% sind Texte in Deutsch oder Schwedisch verfasst. Neben der Schönen Literatur dominieren die Bereiche Geschichte, hof- und adelsbezogene Biographien, Memoiren, Briefausgaben, Hofkalender und Reiseliteratur, auch Tafelwerke, Graphikmappen und einzelne Handschriften. Alle Bände sind Unikate aufgrund ihrer Provenienzen, die sich in zahlreichen Supralibros, Exlibris und Widmungen manifestieren. Die Bibliothek gehört zu den wenigen vollständig erhaltenen Büchersammlungen hochadliger deutscher Frauen, sie ist ein unikales kulturelles Vermächtnis.
Die Privatbibliotheken von Sophie Dorothea und Luise Ulrike gingen in die Privatbibliothek der als letzte der drei Damen geborenen Sophie Albertine ein. Deren Kammerzofe Lolotte Forsberg verh. Gräfin Stenbock wurde testamentarisch als Erbin benannt. Die aus drei Teilen bestehende Prinzessinnen-Bibliothek verblieb lange in der Familie Stenbock, bevor sie an ihren vorletzten Besitzer, einen Privatsammler, ging.

Kauf durch großzügige Förderer ermöglicht

Beim Kauf der Prinzessinnen-Bibliothek konnten sich die beiden neuen Eigentümer, die SBB-PK und die SPSG, auf das Engagement von Stiftungen und Privatpersonen stützen, die allein drei Viertel der Kaufsumme aufbrachten. Allen Förderern war es ein besonderes Anliegen, das mit seiner inhaltlichen Geschlossenheit und seinem makellosen Erscheinungsbild seltene Zeugnis höfischer Kultur wie auch europäischer Kunst- und Kulturgeschichte für die Region Berlin-Brandenburg zu sichern.

Die Kulturstiftung der Länder und die Rudolf-August Oetker-Stiftung trugen allein mehr als die Hälfte der Kaufsumme, die B. H. Breslauer Foundation mit Sitz in New York unterstützte ein weiteres Mal in großzügiger Weise den Erwerb von Kulturgut, das sich perfekt in das Umfeld hiesiger Bestände einfügt. Die Wüstenrot-Stiftung und die Stiftung Preußische Seehandlung ergänzten die Erwerbungsmittel ebenfalls deutlich.

Besonders zu danken ist den 120 Privatpersonen, die von den Freunden der Staatsbibliothek zu Berlin e.V. gewonnen wurden, mit privaten Spenden ihr außerordentliches Bekenntnis zum Ausbau einzigartiger Sammlungen in der Region Berlin-Brandenburg zu geben.

Für Forschung und Kultur

Ihre außerordentliche Bedeutung für die Wissenschaft wie auch für das kulturelle Erbe der Region erlangt die Prinzessinnen-Bibliothek durch mehrere Aspekte. Zunächst dadurch, dass die Staatsbibliothek zu Berlin in hohem Maße Titel hinzugewinnt, die bislang nicht vorhanden waren oder als Kriegsverlust angesehen werden mussten.

Die Forschung wird sich neuer Fragen zuwenden können, so lassen sich etwa Rückschlüsse auf das Leseverhalten, die Interessen und das Selbstverständnis weiblicher Angehöriger des schwedischen und hohenzollerischen Hochadels ziehen. Auch können die Teilsammlungen der Mutter, Schwester und Nichte Friedrichs II. hinsichtlich ihrer literarisch-thematischen Entwicklungen und der Verzahnungen über die Generationen hinweg oder hinsichtlich der Verbindungen zweier europäischer Herrscherhäuser untersucht werden. Zudem bieten die vielen handschriftlichen Eintragungen  Ansatzpunkte für neue Fragestellungen.

Die Sammlung ermöglicht aufgrund ihres sehr guten Zustandes wie auch der exquisiten Ausstattung vielfältige buchkundliche und kunsthistorische Forschungen. Teils wurden die Bücher auf Seide gedruckt und zumeist von deutschen und schwedischen Hofbuchbindern exquisit eingebunden.

Die Prinzessinnen-Bibliothek wird zu großen Teilen in der Staatsbibliothek aufbewahrt. Die modernen Tresormagazine im Haus Unter den Linden wie auch der Zusammenhang zu den sonstigen Sammlungen der Bibliothek, die ihre Wurzeln im preußischen Königshaus hat, bilden für die Forschung ein einmaliges kontextbezogenes historisches Umfeld, das von dem tief gestaffelten Apparat einschlägiger Fachliteratur flankiert wird. Für die Aufstellung in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg werden etwa 500 passende Bände ausgewählt und künftig im Schloss Rheinsberg präsentiert. Damit kann der historische Bibliotheksraum, den der Bruder Friedrichs II., Prinz Heinrich von Preußen (1726-1802), hier nach 1786 eingerichtet hatte, wiedergewonnen werden.

Honorarfreie Abbildungen mit Kurzbeschreibungen

http://staatsbibliothek-berlin.de/aktuelles/presse-news/pressebilder/aktuelle-themen/

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Zahlreiche Medien berichteten über diese Erwerbung, u. a.

Kooperation mit dem Handschriftenzentrum Jerewan

Seit dem Jahr 2011 besteht zwischen der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und dem Mashtots Matenadaran-Institut in Jerewan, Armenien (MMI), dem Handschriftenzentrum, ein Kooperationsvertrag. Der Handschriftenbestand des MMI gehört seit dem Jahr 1997 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO.

Bei der Kooperation ist es beiden Seiten besonders wichtig, sich an den realen Bedürfnissen der armenischen Seite zu orientieren und sich mit den Gegebenheiten vor Ort auseinanderzusetzen. Zuletzt besuchten im September 2016 Julia Bispinck, die Leiterin der Restaurierungswerkstatt der Staatsbibliothek zu Berlin, und die Restauratorin Ira Glasa die Fachkräfte des MMI für einen fünftägigen Workshop. Sie klärten diverse Fragen der Restaurierung, die unter dem Eindruck des trockenen Kontinentalklimas anders zu beantworten sind, als im gemäßigten Klima Berlins. Der Workshop wurde von allen Teilnehmern als außerordentlich fruchtbar empfunden, mit vorhandenen Mitteln wurden Wege der Bestandserhaltung ausgelotet und entwickelt.

Parallel kamen Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, und Meline Pehlivanian, Stellvertretende Leiterin der Orientabteilung, mit der Leitung des MMI zusammen, u.a. um künftige Vorhaben zu besprechen.

Der Tagesspiegel berichtete darüber ausführlich in seiner Sonderbeilage Armenien am 1. Mai 2017.

Potsdam, 22. April, Bachs h-Moll-Messe : Vortrag und Aufführung

Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, stellt das Autograph der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach vor, dieses gehört seit dem Jahr 2015 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Nikolaikantor Björn O. Wiede (Potsdam), erläutert die authentische Aufführungspraxis des Barock-Ensembles EXXENTIAL BACH, das unter seiner Leitung die Messe aufführt.

Samstag, 22. April 2017
Nikolaikirche Potsdam; Am Alten Markt

18.30 Uhr | Einführung mit
Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin u. Präsidentin der Brandenburgischen Bach-Gesellschaft,
Björn O. Wiede, Dirigent und Nikolaikantor

19.30 Uhr | Johann Sebastian Bach: h-Moll-Messe
Barock-Ensemble EXXENTIAL BACH, Dirigent: Björn O. Wiede

Die seit Karfreitag andauernden Osterfesttage Potsdam schließen am Samstag, 22. April 2017, mit einer ausführlichen Einführung in die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach (BWV 232) und mit der Aufführung des Werkes ab. Das Autograph, das zusammen mit 80% aller überlieferten Werke des Meisters in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz unter besten konservatorischen Bedingungen aufbewahrt wird, gehört seit dem Jahr 2015 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Autograph der h-Moll-Messe, Johann Sebastian Bach, BWV 232, Titelblatt || Abbildung: Staatsbibliothek zu Berlin – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Das heute weltweit am häufigsten aufgeführte Werk Bachs für Vokal- und Instrumentalstimmen wurde von J. S. Bach selbst ohne Titel gelassen. Erst im Nachlassverzeichnis wird es als „große catholische Messe“ bezeichnet, es beinhaltet den vollständigen lateinischen Text der katholischen Messliturgie.

Bach hatte schon im Jahr 1733 mit der Arbeit an der Messe begonnen, jedoch stellte er sie erst kurz vor seinem Lebensende in den Jahren 1748-49 und damit auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft fertig. Die Verwendung von historischen und zeitgenössischen Satzarten, Formen und Kompositionstechniken in einem Werk ist das herausragende Alleinstellungsmerkmal der h-Moll-Messe.

Die einzige vollständige Partitur aus Bachs Lebzeiten ist mit Tinte auf Papier verfasst. Er verwendete 99 Blätter und vier Titelblätter, die Abmessungen betragen zwischen 33,5 x 21 cm und 36 x 23 cm. Die h-Moll-Messe besteht aus vier Teilen, der erste wurde 1733 komponiert, die Teile II bis IV vermutlich zwischen August 1748 und Oktober 1749. Eine Datierung durch den Meister selbst liegt nicht vor, sie lässt sich aber durch Schriftvergleiche ermitteln.

Nach dem Tod Johann Sebastian Bachs ging das Autograph der gesamten Messe in den Besitz seines Sohnes Carl Philipp Emanuel über, der die Handschrift im Rahmen seiner Arbeit als Musiker verwendete. Danach ging die Handschrift auf dessen Tochter Anna Carolina Philippina über. 1805 wurde sie vom Schweizer Musikpädagogen und Musikverleger Hans Georg Nägeli erworben und in der Familie weiter vererbt. Nach einer weiteren Station erwarb die Bach-Gesellschaft Leipzig 1857 das Autograph. 1861 konnte das wertvolle Autograph schließlich von der Königlichen Bibliothek zu Berlin, heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, erworben werden, wo sie nun dauerhaft verwahrt wird.

Autograph h-Moll-Messe, Johann Sebastian Bach, BWV 232, Kyrie || Abbildung: Staatsbibliothek zu Berlin – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Die h-Moll-Messe befindet sich in Berlin in einem herausragenden Umfeld: Zur weltweit größten Bach-Sammlung gehören neben etwa 80% aller von Johann Sebastian Bach im Autograph überlieferten Werke auch nahezu alle Werke seiner vier komponierenden Söhne sowie das Alt-Bachische Archiv, ein von ihm selbst zusammengestelltes Musikarchiv mit Kompositionen seiner Musiker-Vorfahren.

Johann Sebastian Bach war als Komponist wegweisend, seine Werke beeinflussen die Musikgeschichte bis heute nachhaltig, wobei sich sowohl Komponisten an seinem Schaffen orientieren als auch die Werke Bachs fester Bestandteil des Konzertlebens sind.

 

weitere Informationen erhalten Sie bei der Skt. Nikolai Kirchengemeinde Potsdam

Bilder von der Baustelle Unter den Linden

75 Jahre nach ihrer Zerstörung wurde die Kuppel über dem Eingangsportal neu aufgebaut || Foto: BBR, Jens Andreae

Das Gebäude der Staatsbibliothek Unter den Linden ist das Stammhaus der größten wissenschaftlichen Universalbibliothek im deutschsprachigen Raum und gehört zu den bedeutendsten Bibliotheksbauten weltweit. Es ist mit einer Grundfläche von 107 mal 170 Metern und einer Bruttogrundfläche von mehr als 100.000 Quadratmetern zudem eines der größten Gebäude Berlins.
Die Grundinstandsetzung und Erweiterung findet seit 2005 bei laufendem Bibliotheksbetrieb statt, unterteilt in zwei Bauabschnitte.

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300 Plätze im großen Veranstaltungssaal || Foto: BBR, Jens Andreae

Kissenförmige Kunstharzelemente formen die Lichtdecke || Foto: BBR, Jens Andreae

Der Große Veranstaltungssaal nach seiner Sanierung: Die fehlende historische Decke wurde ersetzt durch eine lichtdurchlässige, aus kissenförmigen Kunstharz-Elementen bestehende Kassettenstruktur nach einem Entwurf des Architekturbüros HG Merz. Zur Erbauungszeit waren die Halbsäulen komplett vergoldet, ein erhaltener Rest der Vergoldung ist in der nordwestlichen Ecke des Saales noch zu sehen.

künftiger Handschriftenlesesaal || Foto: BBR, Jens Andreae

Der Handschriftenlesesaal ist mit original erhaltenen Lesetischen ausgestattet, die denkmalgerecht aufgearbeitet und mit Strom- und Datennetzanschlüssen versehen wurden.

Lichtkissen, entwickelt von Kress & Adams, Köln || Foto: BRR, Jens Andreae

Die Lampen, die sogenannten Lichtkissen, wurden speziell für die Staatsbibliothek von HG Merz und den Lichtplanern Kress und Adams aus Köln entworfen.

 

nicht standsichere Außenwände || Foto: BBR, J. Andreae

Während der Sanierung der Außenwände wurde festgestellt, dass diese nicht durchgängig massiv ausgeführt waren, sondern aus einer tragenden Wand und einer innenseitig mit einem Abstand zu dieser tragenden Wand vorgesetzten zweiten Wand bestanden. Da die Planer zunächst von durchgängig massiv gemauerten Wänden ausgehen mussten, war mit dieser Entdeckung die vorherige statische Berechnung dieser Wände hinfällig geworden, die Deckenkonstruktion musste komplett umgeplant werden. Der Hohlraum wurde dort, wo es die Statik erforderte, mit Beton verfüllt, und dort, wo dies nicht notwendig war, mit einer Wärmedämmung. Weitere Hohlräume traten in Wänden des zweiten Bauabschnittes zu Tage und führten aus Gründen des Brandschutzes oder der Standsicherheit zu zusätzlichen Baumaßnahmen.

 

Detail eines Treppengeländers: Im Inneren eines Balusters
korrodierter Stahlstab || Foto: BBR, Bernd Helmich

Auf der Grundlage von Untersuchungen im Vorfeld der Grundinstandsetzung wurden in den repräsentativen Treppenhäusern des Altbaus zunächst lediglich neue Befestigungen des denkmalgeschützten Geländers geplant. Zu Beginn der Arbeiten zeigte sich jedoch, dass die Stahlstäbe im Inneren der von außen intakt scheinenden Messingbaluster so stark korrodiert waren, dass eine Standsicherheit nicht mehr gewährleistet war. Rund 1000 Baluster mussten aufwändig saniert, die Hälfe davon sogar nachgebaut werden.

 

Fachwerkträger waren auszutauschen: rechts alt, links neu || Foto: BBR, Jens Andreae

Über dem Tonnengewölbe der zentralen Treppenhalle wurden noch während der Erbauungszeit nachträglich vier Geschosse mit zusätzlichen Magazinen errichtet, deren gewaltigen Lasten mit großen Stahlfachwerkträgern hoch über der Haupttreppe abgefangen werden. Diese Träger, verborgen hinter einem Tonnengewölbe und später über einer Flachdecke aus der Nachkriegszeit, wurden nach Auszug der Bibliothek und anschließender Entkernung Ende 2013 umfänglich begutachtet. Dabei sind erhebliche Materialschäden festgestellt worden, die auf eine unzureichende Standsicherheit schließen ließen. Dies erforderte den kompletten Austausch der gesamten Konstruktion. Durch die weitreichende Folgen auf die benachbarten tragenden Bauteile wurden die erforderlichen Sanierungsmaßnahmen in diesem Bereich völlig neu geplant.

 

Tragwerk für die neue Kuppel über dem Vestibül || Foto: BBR, Florian Profitlich

Von der einst etwa 20 Meter hohen Kuppel im Vestibül sind aus der Entstehungszeit nur die zwei sich kreuzende Stahlbetonbögen übrig geblieben, die die ursprüngliche Kuppelschale einmal getragen haben. Dem architektonischen Konzept folgend, war die Wiederherstellung der Kuppel zunächst in ihrer ursprünglichen Geometrie direkt unter diesen, heute denkmalgeschützten Stahlbetonbögen geplant. Die Bausubstanz dieser lange hinter der Flachdecke aus der Nachkriegszeit verborgenen Bögen erwies sich erwartungsgemäß als dringend sanierungsbedürftig. Allerdings ergab die genaue Vermessung im Vorfeld der Detailplanung der zu rekonstruierenden Kuppelschale, dass sich die Betonkonstruktion etwas verformt und um einige Zentimeter gesenkt hatte, möglicherweise eine Folge von Kriegszerstörung und Abriss des früher benachbarten Kuppellesesaales. Eine Kuppel in der ursprünglichen Geometrie war hier nicht mehr ausführbar. Die Neuplanung wurde an die jetzige Geometrie angepasst.

Eine Restauratorin arbeitet am historischen Majolika-Ring in der Kuppel über dem Vestibül || Foto: BBR, Florian Profitlich

Das Oberlicht in der Kuppel des Foyers ist mit einem dreifachen Ring aus Majoliken eingefasst, die Kaiser Wilhelm II. persönlich in Königsberger Werkstätten ausgewählt hat.

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ausführliche Informationen zum Bauprojekte Unter den Linden:

Endspurt auf der Großbaustelle

ausführliche Informationen zur Grundinstandsetzung Unter den Linden

‘Tout Berlin’ willkommen am 10. Juni

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Darüber berichteten neben anderen auch

Deutsche Presseagentur, dpa (hier übernommen von Berliner Zeitung)
Der Tagesspiegel
rbb Abendschau (Nachrichtenblock I, 1:43)

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Meere und Reisen: vom Unerreichten zum Alltäglichen

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017

Seit Urzeiten sind Menschen in Bewegung, über Land, später über das offene Meer zu nahen und fernen Welten. Archäologische Artefakte zeugen von diesen Wanderungen und Reisen und vermitteln Plausibilitäten oder Gewissheiten über die Vergangenheit. Mit Entstehung der Schriftkultur tauchen allmählich auch textuelle Zeugnisse realer wie fiktiver Reisen über die Meere auf. Reisebeschreibungen der Antike oder des Zeitalters der Entdeckungen lassen so manchen staunend ob des Wagemuts der Seefahrer an den Zeilen kleben.

MAGELLAN: PACIFIC OCEAN. Ferdinand Magellan’s first view of the Pacific Ocean after passing through the strait that now bears his name: 19th century. Credit: The Granger Collection / Universal Images Group /Rights Managed / For Education Use Only / Encyclopædia Britannica ImageQuest

Apropos reale und fiktive Reisen: im Mittelpunkt eines der erfolgreichsten Filme aller Zeiten sowie einer der am längsten laufenden TV-Serien in Deutschland stehen – nicht sofort einleuchtend – Kreuzfahrtschiffe.

Eine unbedingt gelungene Auswahl an beeindruckenden, ganz und gar nicht fiktionalen Reiseberichten findet sich im kurzweiligen „Buch des Reisens“, das den Bogen spannt von Pytheas von Massalia, dort beschrieben als „Humboldt des Altertums“, über den eigentlichen Alexander von Humboldt, dessen amerikanische Reisetagbücher die Staatsbibliothek zu Berlin exklusiv in ihren Digitalisierten Sammlungen präsentiert, bis hin zu David Foster Wallaces teilnehmenden Beobachtungen, auch seiner Selbst, auf einer Luxuskreuzfahrt (enthalten in: “A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again“).

Auch die Reihe „Alte abenteuerliche Reiseberichte“ des auf Entdeckerliteratur und historische Reiseberichte spezialisierten Verlages Edition Erdmann lässt in Meeresreisen eintauchen; neben dem Reiz des Fernen und Unentdecktenwerden hier die Entbehrungen und Grausamkeiten solcher Abenteuer verdeutlicht.

Die Bedeutung des Reisens, nicht nur auf Meeren und Ozeanen, verschiebt sich im Zeitverlauf. Während einst neben dem reinen Entdeckerdrang auf der Suche nach der terra incognita existentielle, ökonomische oder religiöse bzw. missionarische Beweggründe im Vordergrund standen, scheinen in Zeiten des Massentourismus Sehnsucht, Fernweh und Konsum bedeutender zu sein.

Die Herausforderungen verändern sich: früher die Strapazen der Reise, die ungewisse  Ankunft an einem unbekannten Ziel – heute, in einer vermessenen Welt, in der die Risiken der Fortbewegung auf Meeren und Ozeanen weitestgehend kalkulierbar sind, sehen manche die Reise mit sich und zu sich selbst als wahre Herausforderung der Neuzeit an.
Alain de Botton, dem Anerkennung gebührt für die unumstößliche Erkenntnis “Ich glaube, dass die Liebe und das Reisen unsere größten Glücksphantasien sind“, führt uns in der „Kunst des Reisens“ unterhaltsam vor, worin die Herausforderungen des Reisens im 21. Jahrhundert bestehen. – Ein Reiseführer der anderen Art.

Mit Geld kann man besagtes Glück nicht kaufen. Allerdings: Mit Zunahme der Kaufkraft in den Industriestaaten geht ein Boom auch an touristischen Kreuzfahrten einher, der für dieses Jahr 25 Millionen Passagiere weltweit und 26 neue Riesenkreuzer erwarten lässt. Image und Zielgruppen von Kreuzfahrten ändern sich, was zur Diversifikation der Angebote führt: irgendwann mit der Queen Mary 2 auf Full Metal Cruise um die Falklandinseln – anything goes (maybe) …

So weist ferner die ungebrochene Nachfrage nach Expeditionskreuzfahrten zu entlegenen Orten der Welt auf individuelle Abenteuerlust in der Postmoderne, natürlich ungleich komfortabler als zu Zeiten des Magellan-Chronisten Antonio Pigafetta.

Cruise Ship in Glacier Bay National Park, Alaska. Credit: Matthias Jakob / First Light / Universal Images Group / Rights Managed / For Education Use Only / Encyclopædia Britannica ImageQuest

Wenngleich Ozeane und Meere als Gebiete des Handels, der wirtschaftlichen Entwicklung und Nahrungsquelle auch weiterhin zentral sein werden, so gewinnt der so genannte coastal and marine tourism (CMT), wie obige Zahlen des Teilbereichs Kreuzschifffahrt verdeutlichen, an ökonomischer und damit einhergehend auch an politischer und wissenschaftlicher Bedeutung.

Seine ökonomische Relevanz zeigt sich an Zahlen wie diesen: Bereits 2011 finden im CMT allein in Europa über 3,2 Millionen Menschen Arbeit und generieren eine Bruttowertschöpfung von insgesamt 183 Milliarden Euro, ein Drittel der gesamten maritimen Wirtschaft, zu der noch die Fischerei, die Meeresbiotechnologie, die Meeresenergie und der Meeresbodenbergbau gezählt werden. Die Zahlen für 2015 für den Tourismus im Allgemeinen sind noch weit eindrucksvoller: Einnahmen aus dem internationalen Tourismus in Höhe von 1,26 Billionen US-Dollar, als Exportkategorie wichtiger als Nahrung, Automobil- oder Maschinenbau, für 1/11 der weltweiten Arbeitsplätze verantwortlich. Als maßgeblicher Provider touristischer Kennzahlen im internationalen Rahmen sei hier die UN-Sonderorganisation World Tourism Organization erwähnt.

Um weiterhin die Möglichkeiten des Tourismus nachhaltig zum Wohle von Umwelt und Menschen auszuschöpfen, hat beispielsweise die Europäische Kommission im Rahmen der Strategie „Blaues Wachstum“ auch Maßnahmen für den Küsten-und Meerestourismus verabschiedet. Einzelstaatliche Maßnahmen, die flankierend hinzutreten, werden exemplarisch in den OECD Tourism Trends and Policies 2016 vorgestellt, an der Staatsbibliothek im Volltext via OECD iLibrary zugänglich.

Bleibt zum Abschluss die Beleuchtung der Tourismusforschung, ehedem Fremdenverkehrsforschung genannt, als noch relativ junge, interdisziplinäre Wissenschaft, die in Deutschland nur selten dauerhafte universitäre Weihen erhielt. Von ihr können wertvolle Impulse ausgehen und aktuelle Fragestellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden – sofern sie noch betrieben wird. Auf der niemals abgeschlossenen Liste der Institutsschließungen und der immer währenden Abwicklung von Orchideenfächern findet sich zum Beispiel das von der FU Berlin mitunterstützte Willy-Scharnow-Institut für Tourismus. Wer hier in Berlin vor Ort ist, vermag zumindest das an der TU Berlin angesiedelte Historische Archiv für Tourismus für eigene Recherchen zu Rate ziehen.

Auf internationaler Ebene sieht es etwas besser aus. Exemplarisch seien hier im CMT-Kontext die International Coastal and Marine Tourism Society und deren Zeitschrift Tourism in Marine Environments genannt.

Neben der angedeuteten Diversifikation und den Auswüchsen des Massentourismus werden derzeit in der CMT-Forschung Großthemen wie Klimawandel und Umweltaspekte, der Einfluss neuer Technologien auf den Tourismus, Tourismus als sozioökonomische Entwicklungsstrategie sowie kulturwissenschaftliche Fragestellungen diskutiert.

Mit diesem Beitrag endet unsere Reihe zum Wissenschaftsjahr 2016*2017. Wir hoffen, Ihnen hat unsere kleine Reihe gefallen. Das Wissenschaftsjahr 2018 wird sich der „Zukunft der Arbeit“ widmen. Auch dazu werden wir wieder ein paar passende Themen für Sie aufbereiten.