Beiträge für Forschung und Kultur

Kooperation mit dem Handschriftenzentrum Jerewan

Seit dem Jahr 2011 besteht zwischen der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und dem Mashtots Matenadaran-Institut in Jerewan, Armenien (MMI), dem Handschriftenzentrum, ein Kooperationsvertrag. Der Handschriftenbestand des MMI gehört seit dem Jahr 1997 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO.

Bei der Kooperation ist es beiden Seiten besonders wichtig, sich an den realen Bedürfnissen der armenischen Seite zu orientieren und sich mit den Gegebenheiten vor Ort auseinanderzusetzen. Zuletzt besuchten im September 2016 Julia Bispinck, die Leiterin der Restaurierungswerkstatt der Staatsbibliothek zu Berlin, und die Restauratorin Ira Glasa die Fachkräfte des MMI für einen fünftägigen Workshop. Sie klärten diverse Fragen der Restaurierung, die unter dem Eindruck des trockenen Kontinentalklimas anders zu beantworten sind, als im gemäßigten Klima Berlins. Der Workshop wurde von allen Teilnehmern als außerordentlich fruchtbar empfunden, mit vorhandenen Mitteln wurden Wege der Bestandserhaltung ausgelotet und entwickelt.

Parallel kamen Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, und Meline Pehlivanian, Stellvertretende Leiterin der Orientabteilung, mit der Leitung des MMI zusammen, u.a. um künftige Vorhaben zu besprechen.

Der Tagesspiegel berichtete darüber ausführlich in seiner Sonderbeilage Armenien am 1. Mai 2017.

Potsdam, 22. April, Bachs h-Moll-Messe : Vortrag und Aufführung

Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, stellt das Autograph der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach vor, dieses gehört seit dem Jahr 2015 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Nikolaikantor Björn O. Wiede (Potsdam), erläutert die authentische Aufführungspraxis des Barock-Ensembles EXXENTIAL BACH, das unter seiner Leitung die Messe aufführt.

Samstag, 22. April 2017
Nikolaikirche Potsdam; Am Alten Markt

18.30 Uhr | Einführung mit
Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin u. Präsidentin der Brandenburgischen Bach-Gesellschaft,
Björn O. Wiede, Dirigent und Nikolaikantor

19.30 Uhr | Johann Sebastian Bach: h-Moll-Messe
Barock-Ensemble EXXENTIAL BACH, Dirigent: Björn O. Wiede

Die seit Karfreitag andauernden Osterfesttage Potsdam schließen am Samstag, 22. April 2017, mit einer ausführlichen Einführung in die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach (BWV 232) und mit der Aufführung des Werkes ab. Das Autograph, das zusammen mit 80% aller überlieferten Werke des Meisters in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz unter besten konservatorischen Bedingungen aufbewahrt wird, gehört seit dem Jahr 2015 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Autograph der h-Moll-Messe, Johann Sebastian Bach, BWV 232, Titelblatt || Abbildung: Staatsbibliothek zu Berlin – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Das heute weltweit am häufigsten aufgeführte Werk Bachs für Vokal- und Instrumentalstimmen wurde von J. S. Bach selbst ohne Titel gelassen. Erst im Nachlassverzeichnis wird es als „große catholische Messe“ bezeichnet, es beinhaltet den vollständigen lateinischen Text der katholischen Messliturgie.

Bach hatte schon im Jahr 1733 mit der Arbeit an der Messe begonnen, jedoch stellte er sie erst kurz vor seinem Lebensende in den Jahren 1748-49 und damit auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft fertig. Die Verwendung von historischen und zeitgenössischen Satzarten, Formen und Kompositionstechniken in einem Werk ist das herausragende Alleinstellungsmerkmal der h-Moll-Messe.

Die einzige vollständige Partitur aus Bachs Lebzeiten ist mit Tinte auf Papier verfasst. Er verwendete 99 Blätter und vier Titelblätter, die Abmessungen betragen zwischen 33,5 x 21 cm und 36 x 23 cm. Die h-Moll-Messe besteht aus vier Teilen, der erste wurde 1733 komponiert, die Teile II bis IV vermutlich zwischen August 1748 und Oktober 1749. Eine Datierung durch den Meister selbst liegt nicht vor, sie lässt sich aber durch Schriftvergleiche ermitteln.

Nach dem Tod Johann Sebastian Bachs ging das Autograph der gesamten Messe in den Besitz seines Sohnes Carl Philipp Emanuel über, der die Handschrift im Rahmen seiner Arbeit als Musiker verwendete. Danach ging die Handschrift auf dessen Tochter Anna Carolina Philippina über. 1805 wurde sie vom Schweizer Musikpädagogen und Musikverleger Hans Georg Nägeli erworben und in der Familie weiter vererbt. Nach einer weiteren Station erwarb die Bach-Gesellschaft Leipzig 1857 das Autograph. 1861 konnte das wertvolle Autograph schließlich von der Königlichen Bibliothek zu Berlin, heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, erworben werden, wo sie nun dauerhaft verwahrt wird.

Autograph h-Moll-Messe, Johann Sebastian Bach, BWV 232, Kyrie || Abbildung: Staatsbibliothek zu Berlin – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Die h-Moll-Messe befindet sich in Berlin in einem herausragenden Umfeld: Zur weltweit größten Bach-Sammlung gehören neben etwa 80% aller von Johann Sebastian Bach im Autograph überlieferten Werke auch nahezu alle Werke seiner vier komponierenden Söhne sowie das Alt-Bachische Archiv, ein von ihm selbst zusammengestelltes Musikarchiv mit Kompositionen seiner Musiker-Vorfahren.

Johann Sebastian Bach war als Komponist wegweisend, seine Werke beeinflussen die Musikgeschichte bis heute nachhaltig, wobei sich sowohl Komponisten an seinem Schaffen orientieren als auch die Werke Bachs fester Bestandteil des Konzertlebens sind.

 

weitere Informationen erhalten Sie bei der Skt. Nikolai Kirchengemeinde Potsdam

Bilder von der Baustelle Unter den Linden

75 Jahre nach ihrer Zerstörung wurde die Kuppel über dem Eingangsportal neu aufgebaut || Foto: BBR, Jens Andreae

Das Gebäude der Staatsbibliothek Unter den Linden ist das Stammhaus der größten wissenschaftlichen Universalbibliothek im deutschsprachigen Raum und gehört zu den bedeutendsten Bibliotheksbauten weltweit. Es ist mit einer Grundfläche von 107 mal 170 Metern und einer Bruttogrundfläche von mehr als 100.000 Quadratmetern zudem eines der größten Gebäude Berlins.
Die Grundinstandsetzung und Erweiterung findet seit 2005 bei laufendem Bibliotheksbetrieb statt, unterteilt in zwei Bauabschnitte.

************************************************************

300 Plätze im großen Veranstaltungssaal || Foto: BBR, Jens Andreae

Kissenförmige Kunstharzelemente formen die Lichtdecke || Foto: BBR, Jens Andreae

Der Große Veranstaltungssaal nach seiner Sanierung: Die fehlende historische Decke wurde ersetzt durch eine lichtdurchlässige, aus kissenförmigen Kunstharz-Elementen bestehende Kassettenstruktur nach einem Entwurf des Architekturbüros HG Merz. Zur Erbauungszeit waren die Halbsäulen komplett vergoldet, ein erhaltener Rest der Vergoldung ist in der nordwestlichen Ecke des Saales noch zu sehen.

künftiger Handschriftenlesesaal || Foto: BBR, Jens Andreae

Der Handschriftenlesesaal ist mit original erhaltenen Lesetischen ausgestattet, die denkmalgerecht aufgearbeitet und mit Strom- und Datennetzanschlüssen versehen wurden.

Lichtkissen, entwickelt von Kress & Adams, Köln || Foto: BRR, Jens Andreae

Die Lampen, die sogenannten Lichtkissen, wurden speziell für die Staatsbibliothek von HG Merz und den Lichtplanern Kress und Adams aus Köln entworfen.

 

nicht standsichere Außenwände || Foto: BBR, J. Andreae

Während der Sanierung der Außenwände wurde festgestellt, dass diese nicht durchgängig massiv ausgeführt waren, sondern aus einer tragenden Wand und einer innenseitig mit einem Abstand zu dieser tragenden Wand vorgesetzten zweiten Wand bestanden. Da die Planer zunächst von durchgängig massiv gemauerten Wänden ausgehen mussten, war mit dieser Entdeckung die vorherige statische Berechnung dieser Wände hinfällig geworden, die Deckenkonstruktion musste komplett umgeplant werden. Der Hohlraum wurde dort, wo es die Statik erforderte, mit Beton verfüllt, und dort, wo dies nicht notwendig war, mit einer Wärmedämmung. Weitere Hohlräume traten in Wänden des zweiten Bauabschnittes zu Tage und führten aus Gründen des Brandschutzes oder der Standsicherheit zu zusätzlichen Baumaßnahmen.

 

Detail eines Treppengeländers: Im Inneren eines Balusters
korrodierter Stahlstab || Foto: BBR, Bernd Helmich

Auf der Grundlage von Untersuchungen im Vorfeld der Grundinstandsetzung wurden in den repräsentativen Treppenhäusern des Altbaus zunächst lediglich neue Befestigungen des denkmalgeschützten Geländers geplant. Zu Beginn der Arbeiten zeigte sich jedoch, dass die Stahlstäbe im Inneren der von außen intakt scheinenden Messingbaluster so stark korrodiert waren, dass eine Standsicherheit nicht mehr gewährleistet war. Rund 1000 Baluster mussten aufwändig saniert, die Hälfe davon sogar nachgebaut werden.

 

Fachwerkträger waren auszutauschen: rechts alt, links neu || Foto: BBR, Jens Andreae

Über dem Tonnengewölbe der zentralen Treppenhalle wurden noch während der Erbauungszeit nachträglich vier Geschosse mit zusätzlichen Magazinen errichtet, deren gewaltigen Lasten mit großen Stahlfachwerkträgern hoch über der Haupttreppe abgefangen werden. Diese Träger, verborgen hinter einem Tonnengewölbe und später über einer Flachdecke aus der Nachkriegszeit, wurden nach Auszug der Bibliothek und anschließender Entkernung Ende 2013 umfänglich begutachtet. Dabei sind erhebliche Materialschäden festgestellt worden, die auf eine unzureichende Standsicherheit schließen ließen. Dies erforderte den kompletten Austausch der gesamten Konstruktion. Durch die weitreichende Folgen auf die benachbarten tragenden Bauteile wurden die erforderlichen Sanierungsmaßnahmen in diesem Bereich völlig neu geplant.

 

Tragwerk für die neue Kuppel über dem Vestibül || Foto: BBR, Florian Profitlich

Von der einst etwa 20 Meter hohen Kuppel im Vestibül sind aus der Entstehungszeit nur die zwei sich kreuzende Stahlbetonbögen übrig geblieben, die die ursprüngliche Kuppelschale einmal getragen haben. Dem architektonischen Konzept folgend, war die Wiederherstellung der Kuppel zunächst in ihrer ursprünglichen Geometrie direkt unter diesen, heute denkmalgeschützten Stahlbetonbögen geplant. Die Bausubstanz dieser lange hinter der Flachdecke aus der Nachkriegszeit verborgenen Bögen erwies sich erwartungsgemäß als dringend sanierungsbedürftig. Allerdings ergab die genaue Vermessung im Vorfeld der Detailplanung der zu rekonstruierenden Kuppelschale, dass sich die Betonkonstruktion etwas verformt und um einige Zentimeter gesenkt hatte, möglicherweise eine Folge von Kriegszerstörung und Abriss des früher benachbarten Kuppellesesaales. Eine Kuppel in der ursprünglichen Geometrie war hier nicht mehr ausführbar. Die Neuplanung wurde an die jetzige Geometrie angepasst.

Eine Restauratorin arbeitet am historischen Majolika-Ring in der Kuppel über dem Vestibül || Foto: BBR, Florian Profitlich

Das Oberlicht in der Kuppel des Foyers ist mit einem dreifachen Ring aus Majoliken eingefasst, die Kaiser Wilhelm II. persönlich in Königsberger Werkstätten ausgewählt hat.

****************************************************************************

ausführliche Informationen zum Bauprojekte Unter den Linden:

Endspurt auf der Großbaustelle

ausführliche Informationen zur Grundinstandsetzung Unter den Linden

‘Tout Berlin’ willkommen am 10. Juni

****************************************************************************

Darüber berichteten neben anderen auch

Deutsche Presseagentur, dpa (hier übernommen von Berliner Zeitung)
Der Tagesspiegel
rbb Abendschau (Nachrichtenblock I, 1:43)

****************************************************************************

Meere und Reisen: vom Unerreichten zum Alltäglichen

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017

Seit Urzeiten sind Menschen in Bewegung, über Land, später über das offene Meer zu nahen und fernen Welten. Archäologische Artefakte zeugen von diesen Wanderungen und Reisen und vermitteln Plausibilitäten oder Gewissheiten über die Vergangenheit. Mit Entstehung der Schriftkultur tauchen allmählich auch textuelle Zeugnisse realer wie fiktiver Reisen über die Meere auf. Reisebeschreibungen der Antike oder des Zeitalters der Entdeckungen lassen so manchen staunend ob des Wagemuts der Seefahrer an den Zeilen kleben.

MAGELLAN: PACIFIC OCEAN. Ferdinand Magellan’s first view of the Pacific Ocean after passing through the strait that now bears his name: 19th century. Credit: The Granger Collection / Universal Images Group /Rights Managed / For Education Use Only / Encyclopædia Britannica ImageQuest

Apropos reale und fiktive Reisen: im Mittelpunkt eines der erfolgreichsten Filme aller Zeiten sowie einer der am längsten laufenden TV-Serien in Deutschland stehen – nicht sofort einleuchtend – Kreuzfahrtschiffe.

Eine unbedingt gelungene Auswahl an beeindruckenden, ganz und gar nicht fiktionalen Reiseberichten findet sich im kurzweiligen „Buch des Reisens“, das den Bogen spannt von Pytheas von Massalia, dort beschrieben als „Humboldt des Altertums“, über den eigentlichen Alexander von Humboldt, dessen amerikanische Reisetagbücher die Staatsbibliothek zu Berlin exklusiv in ihren Digitalisierten Sammlungen präsentiert, bis hin zu David Foster Wallaces teilnehmenden Beobachtungen, auch seiner Selbst, auf einer Luxuskreuzfahrt (enthalten in: “A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again“).

Auch die Reihe „Alte abenteuerliche Reiseberichte“ des auf Entdeckerliteratur und historische Reiseberichte spezialisierten Verlages Edition Erdmann lässt in Meeresreisen eintauchen; neben dem Reiz des Fernen und Unentdecktenwerden hier die Entbehrungen und Grausamkeiten solcher Abenteuer verdeutlicht.

Die Bedeutung des Reisens, nicht nur auf Meeren und Ozeanen, verschiebt sich im Zeitverlauf. Während einst neben dem reinen Entdeckerdrang auf der Suche nach der terra incognita existentielle, ökonomische oder religiöse bzw. missionarische Beweggründe im Vordergrund standen, scheinen in Zeiten des Massentourismus Sehnsucht, Fernweh und Konsum bedeutender zu sein.

Die Herausforderungen verändern sich: früher die Strapazen der Reise, die ungewisse  Ankunft an einem unbekannten Ziel – heute, in einer vermessenen Welt, in der die Risiken der Fortbewegung auf Meeren und Ozeanen weitestgehend kalkulierbar sind, sehen manche die Reise mit sich und zu sich selbst als wahre Herausforderung der Neuzeit an.
Alain de Botton, dem Anerkennung gebührt für die unumstößliche Erkenntnis “Ich glaube, dass die Liebe und das Reisen unsere größten Glücksphantasien sind“, führt uns in der „Kunst des Reisens“ unterhaltsam vor, worin die Herausforderungen des Reisens im 21. Jahrhundert bestehen. – Ein Reiseführer der anderen Art.

Mit Geld kann man besagtes Glück nicht kaufen. Allerdings: Mit Zunahme der Kaufkraft in den Industriestaaten geht ein Boom auch an touristischen Kreuzfahrten einher, der für dieses Jahr 25 Millionen Passagiere weltweit und 26 neue Riesenkreuzer erwarten lässt. Image und Zielgruppen von Kreuzfahrten ändern sich, was zur Diversifikation der Angebote führt: irgendwann mit der Queen Mary 2 auf Full Metal Cruise um die Falklandinseln – anything goes (maybe) …

So weist ferner die ungebrochene Nachfrage nach Expeditionskreuzfahrten zu entlegenen Orten der Welt auf individuelle Abenteuerlust in der Postmoderne, natürlich ungleich komfortabler als zu Zeiten des Magellan-Chronisten Antonio Pigafetta.

Cruise Ship in Glacier Bay National Park, Alaska. Credit: Matthias Jakob / First Light / Universal Images Group / Rights Managed / For Education Use Only / Encyclopædia Britannica ImageQuest

Wenngleich Ozeane und Meere als Gebiete des Handels, der wirtschaftlichen Entwicklung und Nahrungsquelle auch weiterhin zentral sein werden, so gewinnt der so genannte coastal and marine tourism (CMT), wie obige Zahlen des Teilbereichs Kreuzschifffahrt verdeutlichen, an ökonomischer und damit einhergehend auch an politischer und wissenschaftlicher Bedeutung.

Seine ökonomische Relevanz zeigt sich an Zahlen wie diesen: Bereits 2011 finden im CMT allein in Europa über 3,2 Millionen Menschen Arbeit und generieren eine Bruttowertschöpfung von insgesamt 183 Milliarden Euro, ein Drittel der gesamten maritimen Wirtschaft, zu der noch die Fischerei, die Meeresbiotechnologie, die Meeresenergie und der Meeresbodenbergbau gezählt werden. Die Zahlen für 2015 für den Tourismus im Allgemeinen sind noch weit eindrucksvoller: Einnahmen aus dem internationalen Tourismus in Höhe von 1,26 Billionen US-Dollar, als Exportkategorie wichtiger als Nahrung, Automobil- oder Maschinenbau, für 1/11 der weltweiten Arbeitsplätze verantwortlich. Als maßgeblicher Provider touristischer Kennzahlen im internationalen Rahmen sei hier die UN-Sonderorganisation World Tourism Organization erwähnt.

Um weiterhin die Möglichkeiten des Tourismus nachhaltig zum Wohle von Umwelt und Menschen auszuschöpfen, hat beispielsweise die Europäische Kommission im Rahmen der Strategie „Blaues Wachstum“ auch Maßnahmen für den Küsten-und Meerestourismus verabschiedet. Einzelstaatliche Maßnahmen, die flankierend hinzutreten, werden exemplarisch in den OECD Tourism Trends and Policies 2016 vorgestellt, an der Staatsbibliothek im Volltext via OECD iLibrary zugänglich.

Bleibt zum Abschluss die Beleuchtung der Tourismusforschung, ehedem Fremdenverkehrsforschung genannt, als noch relativ junge, interdisziplinäre Wissenschaft, die in Deutschland nur selten dauerhafte universitäre Weihen erhielt. Von ihr können wertvolle Impulse ausgehen und aktuelle Fragestellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden – sofern sie noch betrieben wird. Auf der niemals abgeschlossenen Liste der Institutsschließungen und der immer währenden Abwicklung von Orchideenfächern findet sich zum Beispiel das von der FU Berlin mitunterstützte Willy-Scharnow-Institut für Tourismus. Wer hier in Berlin vor Ort ist, vermag zumindest das an der TU Berlin angesiedelte Historische Archiv für Tourismus für eigene Recherchen zu Rate ziehen.

Auf internationaler Ebene sieht es etwas besser aus. Exemplarisch seien hier im CMT-Kontext die International Coastal and Marine Tourism Society und deren Zeitschrift Tourism in Marine Environments genannt.

Neben der angedeuteten Diversifikation und den Auswüchsen des Massentourismus werden derzeit in der CMT-Forschung Großthemen wie Klimawandel und Umweltaspekte, der Einfluss neuer Technologien auf den Tourismus, Tourismus als sozioökonomische Entwicklungsstrategie sowie kulturwissenschaftliche Fragestellungen diskutiert.

Mit diesem Beitrag endet unsere Reihe zum Wissenschaftsjahr 2016*2017. Wir hoffen, Ihnen hat unsere kleine Reihe gefallen. Das Wissenschaftsjahr 2018 wird sich der „Zukunft der Arbeit“ widmen. Auch dazu werden wir wieder ein paar passende Themen für Sie aufbereiten.

Endspurt auf der Großbaustelle

(Pressemitteilung des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung)

Denkmalgerechte Sanierung des historischen Gebäudekomplexes Unter den Linden zu 80 Prozent abgeschlossen

Vor wenigen Wochen wurden für die Grundinstandsetzung und Erweiterung der Staatsbibliothek zu Berlin im Haus Unter den Linden weitere Teile des Gebäudes einschließlich Ersteinrichtung an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeben. Der nun bezugsfertige Bereich umfasst rund 11.400 Quadratmeter Nutzfläche, etwas mehr als ein Fünftel der gesamten Nutzfläche. Damit sind nun insgesamt rund 80 Prozent des über 100 Jahre alten denkmalgeschützten Gebäude-komplexes, einer der größten Kulturbaustellen im Zuständigkeitsbereich des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR), fertiggestellt. Die Gesamtfertigstellung der Baumaßnahme ist für Ende 2018 geplant, so dass das Gebäude 2019 in Betrieb genommen werden kann.

Glanzstücke der jüngst übergebenen Gebäudeteile der Staatsbibliothek Unter den Linden sind zweifellos der Veranstaltungsbereich und die denkmalgerecht instandgesetzten Räume der Generaldirektion. Der ehedem wilhelminisch-schwere Charakter dieser Räumlichkeiten wurde mit einem individuell entwickelten Beleuchtungskonzept und wenigen modernen Ergänzungen des Innenausbaus dem ästhetischen Empfinden der Gegenwart zugänglich gemacht. Das Sanierungsprogramm umfasste darüber hinaus die Herrichtung zwei weiterer Sonderlesesäle, der Räume der Buchbinderei, weiterer Büroflächen und nicht zuletzt der Magazine für etwa eine Million Bücher.

Bis zur endgültigen Fertigstellung des letzten Bauabschnittes verbleibt weiterhin die Herausforderung einer Großbaustelle mit außergewöhnlich vielen Schnittstellen. Von Beginn an wurde die Maßnahme abschnittsweise bei laufendem Bibliotheksbetrieb geplant. Bisher waren  an der Grundinstandsetzung unter anderem 405 Hochbaufirmen, 181 Fachtechnikfirmen und 115 Planungsbüros und Gutachter beteiligt, allein die Ausführungsplanung des Architekten umfasst zurzeit etwa 14.000 Pläne. Hinzu kommen die Planungen diverser Fachplaner, insbesondere für die technische Gebäudeausstattung.

Vielfältige Baugeschichte

Es gehört zu den Besonderheiten des Hauses Unter den Linden, dass es bereits während seiner Erbauungszeit zwischen 1903 und 1914 wieder umgebaut und erweitert wurde, beispielsweise über dem Tonnengewölbe der zentralen Treppenhalle. Dort sind vier Geschosse mit zusätzlichen Magazinen errichtet worden, deren gewaltige Lasten von großen Stahlfachwerkträgern hoch über der Haupttreppe abgefangen wurden. Diese Träger konnten erst Ende 2013 nach Entkernung und Reinigung umfänglich begutachtet werden. Dabei sind erhebliche Schäden festgestellt worden, die auf unzureichende Standsicherheit schließen ließen. Da die denkmalgeschützten Magazingeschosse an Ort und Stelle zu erhalten waren, mussten die Gesamtkonstruktion komplett ausgetauscht werden. Hierzu sind die Einzelteile des neuen Tragwerks aufwändigst durch Öffnungen in der Außenwand eingefädelt und vor Ort zu neuen Fachwerkträgern verschraubt worden. Die provisorisch durch Hilfskonstruktionen gehaltenen Magazingeschosse wurden danach schrittweise auf die neuen Träger montiert.

Die nötige Umplanung der Sanierung in diesem Bereich und die vielen kleinteiligen, aufeinanderfolgenden Arbeitsschritte führten zu etwa 15 Monaten zusätzlicher Bauzeit und entsprechender Verschiebung der nachfolgenden Arbeiten. Insbesondere diese erhebliche Bauzeit-verlängerung erforderte eine Fortschreibung der Terminplanung und des Budgets.

Nicht nur der Neubau des zentralen Lesesaals, sondern auch der instandgesetzte Altbau muss den heutigen hohen Anforderungen an zeitgemäße technische Ausstattung, Sicherheit und Brandschutz genügen. Dabei ist Bauen im Bestand grundsätzlich geprägt vom Risiko des Unvorhersehbaren, des überraschenden Befundes. Keine noch so sorgfältige Voruntersuchung kann mit letzter Sicherheit den tatsächlichen Bauverlauf prognostizieren. So wurde zum Beispiel entdeckt, dass vermeintlich massive historische Wände der Gründerzeit in Wirklichkeit große Hohlräume bargen – offenbar eine Materialsparmaßnahme der Erbauungszeit.

Die voraussichtlichen Gesamtkosten werden bis zur endgültigen Fertigstellung der Baumaßnahme unter Berücksichtigung von Restrisiken und Steigerung des Baupreisindex bei rund 470 Millionen Euro liegen. Die Gesamtfertigstellung des Gebäudes ist für Ende 2018 geplant. 2019 wird die Inbetriebnahme stattfinden. Danach wird das Haus rund 650 Benutzerarbeitsplätze und über 50.000 Quadratmeter Nutzfläche fassen, in etwa fünfmal so viel wie das Bode-Museum.

****************************************************************************

ausführliche Informationen zur Grundinstandsetzung Unter den Linden

‘Tout Berlin’ willkommen am 10. Juni

Die Grundinstandsetzung

Bildergalerie + Erläuterungen

****************************************************************************

Darüber berichteten neben anderen auch

Deutsche Presseagentur, dpa (hier übernommen von Berliner Zeitung)
Der Tagesspiegel
rbb Abendschau (Nachrichtenblock I, 1:43)

****************************************************************************

 

Die Grundinstandsetzung des Hauses Unter den Linden

Zentrales Thema Denkmalschutz

Das Gebäude der Staatsbibliothek ist sowohl ein Einzeldenkmal als auch Bestandteil des Denkmalensembles Unter den Linden. Der Ehrenhof mit seiner aus den 1920er-Jahren stammenden eindrucksvollen Weinberankung ist zudem ein Gartendenkmal.

Bei der Grundinstandsetzung der Staatsbibliothek ist der denkmal-gerechte Umgang mit der historischen Bausubstanz deshalb ein zentrales Thema. Neben der weitgehenden Erhaltung der noch vorhandenen Bausubstanz wird ein weiterer Schwerpunkt darauf gelegt, das räumliche Konzept des Bestandsbaus wieder erlebbar zu machen. Das betrifft die Wiederherstellung der zentralen Erschließungsachse mit ihren repräsentativen öffentlichen Räumen, insbesondere aber auch die im Januar 2017 übergebenen Räume der Generaldirektion und des Veranstaltungsbereiches.

Farbgebung und Interieur der repräsentativen Lesesäle, Veranstaltungsräume und der Räume der Generaldirektion wurden teils nach vorhandenen Resten rekonstruiert, teils nach Fotos nachempfunden oder aber als erkennbar neu und heutig ergänzt. Ein signifikantes Beispiel ist der Ersatz für die verlorene historische Decke des großen Veranstaltungssaales. Hierfür wurde vom Architekturbüro HG Merz eine Decke aus kissenförmigen lichtdurchlässigen Elementen entworfen, welche eine besonders reizvolle räumliche Struktur bildet und ganz spezielle Beleuchtungseffekte erlaubt. Hergestellt wurde diese Sonderanfertigung aus Kunstharz von der Firma FLZ mit Sitz auf der Insel Rügen.

Ein weiterer denkmalpflegerischer Schwerpunkt besteht in der Erhaltung und Instandsetzung des nach seinem Erfinder Robert Lipman benannten Regalsystems der historischen Magazine. Dieses Stahlregalsystem erstreckt sich teilweise über acht Geschosse und trägt neben Regalböden und Büchern auch die Geschossdecken, Teile der Fassaden und das Dach.

Etappen der Großbaustelle

Im Architekturwettbewerb zur Grundinstandsetzung und Erweiterung der Staatsbibliothek Unter den Linden wurde im Jahr 2000 der Entwurf von Professor HG Merz mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Nach einer umfangreichen Planungsphase wurde 2005 mit den Bauarbeiten begonnen. Alle Bauarbeiten finden bei laufendem Bibliotheksbetrieb statt, unterteilt in zwei Bauabschnitte: Der erste Abschnitt umfasste die Grundinstandsetzung des nördlichen Gebäudeteils, unter anderem auch den Erweiterungsbau für den neuen Allgemeinen Lesesaal sowie weitere Lesesäle. 2006 wurde dafür der Grundstein gelegt, 2008 wurde das Richtfest gefeiert. Im März 2011 wurden der sanierte Altbau dieses Bauabschnitts und die neu errichteten Tresormagazine an die Staatsbibliothek übergeben. Die feierliche Schlüsselübergabe für den Neubau mit den neuen Lesesälen fand dann im Dezember 2012 statt.

Der zweite Bauabschnitt ist in drei Teile gegliedert, von denen bereits zwei abgeschlossen sind. Hauptbestandteile dieses Bauabschnittes sind fünf Sonderlesesäle, die Räume der Generaldirektion und des Verwaltungsbereichs sowie das Bibliotheksmuseum. Bereits übergeben wurden im September 2014 die Räume der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Gebäudeteil an der Ecke Universitäts-straße/Unter den Linden. Die Akademie der Wissenschaften ist seit der Erbauungszeit Mieter des Hauses. Vor kurzem wurden unter anderem die Veranstaltungsbereiche und die Räume der Generaldirektion übergeben.

Insgesamt werden im zweiten Bauabschnitt auf rund 20.000 Quadratmetern Nutzfläche Böden, Wände und Decken erneuert, 15.000 Quadratmeter Fassaden instandgesetzt, 6.000 Quadratmeter Dach-fläche neu aufgebaut, und eine komplett neue Haustechnik, insbesondere Klima-, Lüftungs- und Brandschutztechnik in den Bestand integriert.

Ein Gigant unter den Bibliotheksbauten

Das Gebäude der Staatsbibliothek Unter den Linden ist das Stammhaus der größten wissenschaftlichen Universalbibliothek im deutsch-sprachigen Raum und gehört zu den bedeutendsten Bibliotheksbauten weltweit. Es ist mit einer Grundfläche von 107 mal 170 Metern und einer Bruttogrundfläche von mehr als 100.000 Quadratmetern zudem eines der größten Gebäude Berlins.1903 bis 1914 nach den Plänen des kaiserlichen Hofbaumeisters Ernst von Ihne errichtet, ist die Staatsbibliothek einer der jüngsten wilhelminischen Repräsentations-bauten überhaupt. Sie ist als Steigerung repräsentativer Räume konzipiert. Den Höhepunkt bildet der Allgemeine Lesesaal mit einer der damals größten Kuppelkonstruktionen Berlins.

Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, insbesondere der zentrale Lesesaal mit seiner imposanten, reich verzierten Kuppel fiel der Zerstörung zum Opfer. An seiner Stelle erhebt sich seit 2012 der 36 Meter hohe Neubau des heutigen Allgemeinen Lesesaals.

****************************************************************************

Endspurt auf der Baustelle

‘Tout Berlin’ willkommen am 10. Juni

Bilder + Erläuterungen

****************************************************************************

Darüber berichteten neben anderen auch

Deutsche Presseagentur, dpa (hier übernommen von Berliner Zeitung)
Der Tagesspiegel
rbb Abendschau (Nachrichtenblock I, 1:43)

****************************************************************************

 

Kooperation bereichert Lehre und Forschung

Ein Gastbeitrag von Ariane Born, Institut für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin

Kinder- und Jugendbücher sind ein unentbehrlicher Bestandteil des kulturellen Lebens einer Gesellschaft, die es zu bewahren, zu dokumentieren und zu vermitteln gilt.

Die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin zählt hinsichtlich der Bedeutung wie des Umfangs ihrer Bestände zu dem engsten Kreis wissenschaftlicher Spezialsammlungen auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur. Das einzigartige Sammelprofil sowie die einmaligen Bestände, in denen Primär- wie Sekundärquellen gleichermaßen verfügbar sind, bieten einen unerschöpflichen Fundus für die wissenschaftliche Forschung und Lehre.

Titelkupfer aus: Reisen der Zöglinge zu Schnepfenthal / Christian Gotthilf Salzmann. – Schnepfenthal, 1799. – Signatur: B XV 2a, 97-1 R

Seit nunmehr drei Semestern ergänzt Frau Carola Pohlmann dank ihren fundierten Vorträgen und ihrem umfangreichen Bestand an historischen und modernen Kinder- und Jugendbüchern aus aller Welt, Zeitschriften, Originalillustrationen zum Kinderbuch, Bilderbogen und Plakaten meine literaturwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Anders als es im Lehrbetrieb der Universität sonst möglich ist, können die Studierenden des Instituts für deutsche Literatur bei ihrem Besuch in der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin Erfahrungen mit historischen Quellen erwerben, die so in Lehrveranstaltungen nicht gegeben sind. Abbildungen und digitalisierte Texte können den unmittelbaren Eindruck historischer Werke nicht ersetzen.

Eingebettet und umrahmt wird die Präsentation von sachkundigen und kurzweiligen Vorträgen Frau Pohlmanns, die Einblick in den historischen Zusammenhang, in dem die Quellentexte stehen, geben.

Das Kooperationsprojekt bot in den zurückliegenden drei Semestern bereits knapp 200 Studierenden einen Einblick in den gesamten zur Verfügung stehenden Bestand der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Die Studierenden werden so auch zu eigenständigen und kreativen Forschungsprojekten im Rahmen ihres Studiums angeregt.

Umschlag der Jubiläumsausgabe (25. Aufl.) von: Backfischchens Leiden und Freuden / Clementine Helm. – Leipzig, 1884. – Signatur: B VIII, 2272

Es darf an dieser Stelle ein Dankeschön an Frau Pohlmann für ihre stete Bereitschaft, meine Studierenden an ihrem Wissen teilhaben zu lassen und ihre umfangreichen Bestände regelmäßig für die universitäre Lehre zugänglich zu machen, nicht fehlen.

Mit herzlichem Dank und Vorfreude auf weitere Zusammenarbeit, verbleibe ich

mit besten Grüßen

Ariane Born

Marcel Beyer – Buchpremiere von “Das blindgeweinte Jahrhundert” am 3. April um 18 Uhr

Buchpremiere: Das blindgeweinte Jahrhundert von Marcel Beyer, Büchner-Preisträger 2016

Lesung mit Marcel Beyer
Einführung: Barbara Schneider-Kempf, Thomas Sparr
Moderation: Jens Bisky

Montag, 3. April 2017
18 Uhr, Simón-Bolívar-Saal, Haus Potsdamer Straße 33
Eintritt frei, um Anmeldung wird unter freunde@sbb.spk-Berlin.de gebeten

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag

 

Cover von Marcel Beyer “Das blindgeweinte Jahrhundert” Suhrkamp Verlag 2017

Ist Literatur nach dem 20. Jahrhundert, in dem der Tod ein Meister aus Deutschland geworden ist, noch möglich? Welcher Verfahren hat sich solche Literatur zu bedienen? Diese Fragen verfolgt Marcel Beyer, Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2016, in seinen poetischen Untersuchungen, und er hat eine ebenso knappe wie weitreichende Antwort parat: durch Detailarbeit am Material der Realität wie der Literatur.

Seine poetische Bilanz ist weit entfernt von jeder Regelpoetik oder den Creative-Writing-Ratschlägen: Eine Literatur ohne Reflexion auf deren Entstehung und zeitgenössische Tendenzen ist nicht zu haben. Für seine Leser ermutigend: Dieser Autor beherrscht solche Forderungen der Vergangenheit und der Jetztzeit mit Nachdruck und dem notwendigen Spiel.

Marcel Beyer, geboren 1965, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen; 1992 Magister artium mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker. Der Autor erhielt zahlreiche Preise; bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig.

„Frische teutsche Liedlein“ mit der lautten compagney in der Ausstellung “Bibel – Thesen – Propaganda”

Sonntag, 2. April: Finissage „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ mit zwei Kurzkonzerten der lautten compagney BERLIN, 14 Uhr und 16.30 Uhr – freier Eintritt

*******************************************************
Am Sonntag, 2. April 2017, schließt um 18 Uhr die einzige Ausstellung, die alle drei im Jahr 1517 gedruckten Ausgaben der 95 Thesen Martin Luthers zur Klärung der Kraft der Ablässe zeigt.

Zur Finissage erklingen in der Staatsbibliothek Lieder aus der Zeit Martin Luthers – und das in höchster Qualität und mit freiem Eintritt. Das mehrfach ausgezeichnete Berliner Ensemble lautten compagney entwickelt zum diesjährigen Jubiläum ein speziell auf die Reformationszeit abgestimmtes Programm. In kleiner Besetzung – Tenor, Zink (Cornett), Gambe und Laute – spielt die lautten compagney am Sonntag in zwei Kurzkonzerten von je 35 Minuten “Frische teutsche Liedlein”. Zwischen den beiden Auftritten der lautten compagney wird um 15 Uhr durch die Ausstellung geführt. Gezeigt werden dabei auch die ersten lutherischen Gesangbücher wie das Achtliederbuch und die früheste Sammlung mehrstimmiger Luther-Choräle von Johann Walter sowie ein eigenhändiger Kompositionsversuch Martin Luthers zu seinem Vaterunserlied.

Johann Walters Gesangbüchlein, Stimmbuch für den Tenor. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

„Frische teutsche Liedlein“ – Lieder aus der Zeit Martin Luthers

In diesem Programm widmen sich der Tenor Robert Sellier und die Spezialisten der Alten Musik deutschen Tenorliedern. Mit dieser typisch deutschen Form der Renaissance lösten sich die Komponisten von den franko-flämischen Vorbildern und schufen Lieder, bei denen die Melodie nicht in der höchsten Stimme, sondern im Tenor liegt. Im Mittelpunkt stehen die Lieder von Ludwig Senfl (um 1490–1543). Zu hören sein werden außerdem Lieder von Heinrich Isaac (um 1450–1517) sowie Stücke aus der fünfteiligen Sammlung Frische teutsche Liedlein von dem Arzt, Komponisten und Liedersammler Georg Forster (um 1510–1568). Die lautten compagney und Robert Sellier laden mit viel Musizierfreude und sprühender Kreativität zu einer erfrischenden Reise in die Zeit der Reformation ein.

Wiederaufnahme der Ausstellung vom 24. bis 28. Mai 2017 zum Evangelischen Kirchentag

Die Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ wird als Teil des Regionalen Kulturprogramms zum Evangelischen Kirchentag erneut zu sehen sein, dies vom 24. bis 28. Mai 2017. Bis dahin müssen die 95 herausragenden Objekte zur Reformationsbewegung aus konservatorischen Gründen in den Tresormagazinen ruhen, neben den Thesendrucken etwa die Prachtbibeln aus der Cranach-Werkstatt oder drastische antipäpstliche Flugblätter jener Zeit.

*******************************************************
„Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“
24. Mai – 28. Mai 2017: Mittwoch – Samstag 11 – 20 Uhr, Sonntag 11 – 18 Uhr
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum, 10785 Berlin
Führungen täglich um 15 und 17 Uhr
Eintritt frei
Katalog 20 €, Faksimile vom Druck d. 95 Thesen 8 €, beide 25 €

*******************************************************

Blog zur Ausstellung

Schinkelfest 2017

Welcher Ort dürfte geeigneter sein für die Preisverleihung des renommierten Schinkel-Preises des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin (AIV) als der Veranstaltungssaal einer Ikone der modernen Architektur? So dachten wohl auch die Veranstalter des 162. Schinkelfestes und wählten den Otto-Braun-Saal unseres Hauses Potsdamer Straße bereits zum zweiten Mal nach 2015 für ihren Festabend aus. Barbara Schneider-Kempf begrüßte die Gäste herzlich und unterstrich in ihrem Grußwort den Einklang zwischen Veranstaltung und Ort. Sie freute sich, dass  “das Schinkelfest heute Abend gerade hier, gerade in diesem Gebäude gefeiert wird, um den Architektennachwuchs auszuzeichnen”.

Der Schinkel-Preis geht an die Gewinner eines jährlich ausgeschriebenen Wettbewerbs und wird stets am 13. März eines Jahres, dem Geburtstag von Karl-Friedrich Schinkel, an den Nachwuchs im Architektur- und Planungswesen vergeben. 2017 lag der Fokus der Wettbewerbsaufgaben auf dem Berliner Westkreuz, einem sicher nicht leicht zu gestaltenden Gelände, das von Verkehrstrassen, dem zurzeit nicht genutzten ICC, dem Omnibusbahnhof und Brachflächen dominiert wird. Drei verschiedene Aufgabenstellungen boten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Möglichkeiten unterschiedlichster Herangehensweisen.

Die Intention der Veranstalter, mit dem Wettbewerb und der Preisverleihung durchaus Einfluss auf die aktuelle Stadtentwicklung nehmen zu wollen, spiegelte sich in der Gästeliste wider. Katrin Lompscher, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, lobte in ihrem Grußwort die Arbeiten der Preisträger als Ideenpool mit realistischem Umsetzungspotential und Oliver Schruoffeneger, Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Bauen und Umwelt in Charlottenburg-Wilmersdorf, wünschte sich Anregungen für den Umgang mit diesem problematischen Bezirksteil.

Die Ausstellung – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Der Festvortrag von Prof. Dr. Harald Bodenschatz mit dem nur für Berlin-Kennerinnen und -Kenner nicht überraschenden Titel ‚2020: Berlin wird 100 Jahre alt’, gab einen interessanten und kenntnisreichen Überblick über die Situation der werdenden Großstadt im Jahre 1920. Hatte sicher der eine oder andere unter den Gästen nach der 750-Jahrfeier der Stadt im Jahre 1987 ein deutlich höheres Alter der heutigen Hauptstadt vor Augen, so führte die Frage, ob Wannsee, Spandau und Köpenick auch zu Berlin gehörten, auf die richtige Spur. Erst mit der Eingemeindung von 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken zu einer Einheitsgemeinde mit 20 Bezirken wurde Berlin 1920 zu der Stadt, wie wir sie heute kennen. Verblüffend ähnelten die Fragen der damals beteiligten Planer denen der heute Verantwortlichen, auch dies wurde im Vortrag deutlich.

Oriel-Quartett – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

In der anschließenden, feierlichen Zeremonie wurden die Schinkel-Preise in den drei Kategorien und zahlreiche Sonderpreise verliehen. Die vollständige Dokumentation der Arbeiten und der vergebenen Preise ist online einsehbar. Bereits am Vormittag des 13. März wurde die Ausstellung mit den Arbeiten der Wettbewerbsteilnehmer in der Eingangshalle eröffnet. Sie ist noch bis zum 20. März geöffnet und für jeden frei zugänglich.

Eine würdige Entsprechung der Vielfalt der eingereichten Arbeiten bot die Musikauswahl des Oriel Quartetts. Hier stand mit Peteris Vasks Streichquartett Nr. 4 ein zeitgenössischer Aspekt Stücken von Mozart und Britten gegenüber.

V.l.n.r.: Prof. Dr. h.c. Wolfgang Schuster, Vorsitzender des AIV; der Festredner, Prof. Dr. Harald Bodenschatz; Karin Lompscher, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen des Landes Berlin; Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

‚Für Forschung und Kultur’ steht seit einigen Jahren als eine Art Claim unter dem Namen der Bibliothek. Nicht alle großen Ereignisse, die in der Staatsbibliothek stattfinden, finden ihren Niederschlag in den Lesesälen und in der Wahrnehmung ihrer Benutzerinnen und Benutzer. Das Schinkelfest und die Preisverleihung an den Architektur-Nachwuchs gehört dabei ganz sicher zu den kulturellen Highlights des Bibliotheksjahres.