Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

„Er war immer sehr offen für Kritik – sofern die Kritik von ihm selbst kam.“

Rückblick zum Werkstattgespräch mit Prof. Dr. Peter-André Alt zur neuen Sigmund Freud-Biographie

Am 14. Februar war Prof. Dr. Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität Berlin, zu Gast in der Staatsbibliothek, um seine neue Biographie zu Sigmund Freud im Rahmen eines Gesprächs mit Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf vorzustellen.

Nach der Begrüßung der Gäste und einer Einführung in das Thema nahmen Peter-André Alt und Barbara Schneider-Kempf auf einer schwarzen Recamiere Platz und sprachen über Alts Motivation und Schreibprozess, Sigmund Freuds Persönlichkeit und die Wirkung der psychoanalytischen Erkenntnisse auf verschiedene Wissenschafts- und Kulturbereiche. Besonders beeindruckend wirkte dabei die Leistung des Literaturwissenschaftlers und Präsidenten der FU Berlin, Peter-André Alt, die Fülle an Material aus alten und neuen Quellen sowie aus der Unmenge an internationaler Forschungsliteratur auszuwerten und zu einem stimmigen Gesamtbild zu komponieren. Alt reizte dabei vor allem, dass es trotz der hohen Anzahl an bislang bereits veröffentlichten Freud-Biographien immer noch Facetten zu entdecken gibt, die in der Forschung bislang kaum Beachtung gefunden haben.
Neben vielen anderen Aspekten, die im Gespräch gestreift wurden, hob Alt einige der faszinierenden Charaktereigenschaften und Eigenheiten Sigmund Freuds hervor, wie seine eiserne Disziplin und die Fähigkeit, sich selbst immer wieder zu reflektieren und zu korrigieren. So war Freud durchaus aufnahmefähig für Kritik an seinen Thesen und Überzeugungen – allerdings nur dann, wenn die Kritik von ihm selbst kam. Anderen Kritikern gegenüber war er unerbittlich. Er brach mit langjährigen Freunden und ließ bislang geförderte Talente gnadenlos fallen, wenn sie Zweifel an Freuds Theorien äußerten.Alt schilderte zudem die breite gesellschaftliche Wirkung der psychoanalytischen Erkenntnisse, ohne die wir heute ganz anders denken und handeln würden. Bei jeder neueren biographischen Darstellung beispielsweise werden auch die familiären Prägungen ganz selbstverständlich berücksichtigt. Dagegen sei zu beklagen, dass die Psychoanalyse trotzdem nie eine angemessene wissenschaftliche Anerkennung erfahren habe. So gebe es an den Universitäten keine psychoanalytischen Fachbereiche.

Das Gespräch im prall gefüllten Simón-Bolívar-Saal wurde ergänzt durch zwei Lesungen aus der Biographie und eine anschließende Publikumsdiskussion.

Begleitend zeigte die Staatsbibliothek exklusiv an diesem Abend eine kleine Ausstellung mit besonderen Beständen zu Sigmund Freud, darunter wenig bekannte frühe Schriften, Erstausgaben seiner wegweisenden Werke, ein Briefautograph und eine illustrierte Ausgabe von E.T.A. Hoffmanns phantastischem Werk „Die Elixier des Teufels“, das Freud beeinflusste, sowie einige Exponate zur Freud-Rezeption.

Projekt E.T.A. Hoffmann Portal geht in die zweite Runde

Hurra – unser Folgeprojekt zum E.T.A. Hoffmann Portal ist genehmigt! Nachdem die BETA-Version des Portals nun seit Mitte Dezember online ist, neigt sich das erste Projekt zur Einrichtung des Portals (HoPo1) langsam dem Ende zu. Derzeit arbeitet unsere Entwicklerin – bis zum offiziellen Launch – kontinuierlich an der Optimierung der Funktionalitäten und der Erweiterung von Textbeiträgen und interaktiven Elementen. Parallel stellen wir aber auch schon die Weichen für unser Folgeprojekt (HoPo2), das im Januar 2017 offiziell gestartet ist und zwei neue Schwerpunkte beinhaltet: die Digitalisierung von Hoffmanniana und die Erweiterung des Angebots auf Einflüsse und Rezeption.

Während der Fokus von HoPo1 auf der Einrichtung der Infrastruktur und der Vermittlung von E.T.A. Hoffmanns Leben und Werk lag, widmet sich HoPo2 der Produktion von digitalen Inhalten und der Vermittlung von einerseits Einflüssen auf Hoffmann und andererseits der Rezeption von Hoffmann durch andere Künstler*innen und Wissenschaftsbereiche. Aktuell arbeiten wir an der Erstellung einer Liste der zu digitalisierenden Materialien und testen den eigens entwickelten Digitalisierungs-Workflow. Das Folgeprojekt hat eine Laufzeit von drei Jahren und gliedert sich in drei inhaltliche Arbeitspakete:

1 Digitalisierung der Werke Hoffmanns, seiner Einflüsse und seiner Rezeption

Geplant ist die Digitalisierung von etwa 2.000 Bänden, darunter Erstausgaben, illustrierte Drucke, Autographe, frühe Forschungsliteratur und Werke, die E.T.A. Hoffmann nachweislich besessen hat. Hinzu kommen in Auswahl Werke, die Hoffmann in seinem Schaffen beeinflusst haben, sowie Werke, die Hoffmanns Motive aufgreifen oder ganz grundsätzlich durch Hoffmann beeinflusst wurden.

2 Dokumentation der Einflüsse und der Rezeption E.T.A. Hoffmanns

Die vielfältigen Einflüsse auf Hoffmann und die Rezeption seines Schaffens sind bisher nicht zentral dokumentiert, vor allem eine medienübergreifende Zusammenstellung und Präsentation ist ein Desiderat. In enger Zusammenarbeit mit der Wissenschaft soll ein Arbeitsinstrument geschaffen werden, das die relevanten Informationen zusammenführt, diese mit digitalen Primärmaterialien verknüpft und visuell aufbereitet zugänglich macht. Das Projekt versteht sich in diesem Punkt ein weiteres Mal als Entwickler und Etablierer einer neuen Infrastruktur, auf deren Basis nach Projektende kontinuierlich weitere Inhalte verschiedener Institutionen aufgenommen werden können.

3 Aufbereitung von Inhalten für unterschiedliche Zielgruppen

Analog zu den Textbeiträgen und interaktiven Elementen, die im Projekt HoPo1 entwickelt und aufbereitet wurden, sollen nun in Kooperation mit Wissenschaft und Lehre Informationen zur Vermittlung von Hoffmanns Umfeld, seinen Einflüssen und der Rezeption durch andere Künstler*innen und Forscher*innen bereitgestellt werden. So soll beispielsweise eine Netzwerkdarstellung Hoffmanns Bekanntenkreis veranschaulichen und Personenkonstellationen verdeutlichen, eine grafisch aufbereitete Rezeptionsanalyse soll den Bezug Hoffmanns zu Persönlichkeiten wie Peter Tschaikowski, Thomas Mann oder Franz Kafka aufzeigen.

Bleiben Sie uns treu, verfolgen Sie die Entwicklungen und senden Sie uns Kritik und Anregungen!

Plastikmüll im Meer – Bedrohung für die Ökosysteme oder Grundlage neuer Lebensformen?

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017.

 

Meeresforscher*innen und Naturschützer*innen schlagen Alarm. Die Zukunft der Meeresökosysteme ist in Gefahr. Im Zentrum der Aufmerksamkeit: Plastikmüll und seine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt und Meereslebewesen. Doch nichts ist so einfach, wie es zunächst scheint.

Wenn es um menschengemachte Gefahren für das Meer und seine Bewohner geht, denken wir oft an konkrete lokalisierbare Ereignisse. Zum Beispiel sind die Bilder von katastrophalen Ölunfällen, von verendeten Fischen und von Meeresvögeln mit verklebtem Gefieder Teil des globalen umweltpolitischen Bildgedächtnisses. Viele, selbst große Havarien bleiben zwar unterhalb der medialen Wahrnehmungsschwelle, aber Namen wie Exxon Valdez oder Deepwater Horizon sind auch Jahre und Jahrzehnte nach dem Unglück noch vielen Menschen ein Begriff, werden teilweise sogar in der Populärkultur aufgegriffen und verarbeitet. Ebenso Teil des globalen umweltpolitischen Bildgedächtnisses sind beispielsweise Proteste mit kleinen, schutzlos wirkenden Schlauchbooten vor Walfangschiffen beeindruckender Größe. Durch solche Proteste und ihre Rezeption wird die Jagd auf Meeressäuger zum konkreten Ereignis, und so skandalisierbar gemacht.

Seit Jahrzehnten weisen Umweltwissenschaftler*innen und Naturschützer*innen aber darauf hin, dass die größte Bedrohung der Meeresökosysteme nicht von Havarien und von einzelnen, weitgehend erfolgreich skandalisierten Praxen wie Walfang oder Robbenjagd ausgeht, sondern vom business as usual, von der ganz alltäglichen (Über-)Nutzung der Meere und Ozeane. So wird der überwiegende Teil von Mineralölprodukten nicht durch Havarien ins Meer eingetragen, sondern Tag für Tag vom Land aus über die Flüsse, durch regulären Schiffsbetrieb oder bereits bei der Erdölgewinnung auf See. Und die größten Gefahren für die Struktur der Ökosysteme im Meer geht nicht vom Walfang aus, sondern von der allgemeinen Überfischung sowie vom Klimawandel. Letzterer führt neben der Erwärmung über einen einfachen chemischen Mechanismus zur Versauerung des Meerwassers, was winzige Kalkalgen in ihrem Bestand bedroht. Diese sind jedoch sehr wichtige Arten am Ausgangspunkt der Nahrungsketten in den Ozeanen.

 

Gefahren versus Bedrohungen – der umweltpolitische Diskurs

Lange Zeit strukturierte dieser etablierte Gegensatz zwischen konkreten, lokalisierbaren und oft erfolgreich skandalisierten Gefahren einerseits und systemischen, globalen und sich etablierten Methoden politischer Mobilisierung weitgehend entziehenden Bedrohungen andererseits weite Teile des umweltwissenschaftlichen und umweltpolitischen Diskurses. In den letzten Jahren aber ist ein Thema verstärkt in den Blick der Meeresforschung und des Umweltschutzes geraten, das diesen Gegensatz zumindest teilweise auflöst: Plastikmüll im Meer.

Jedes Jahr werden über 300 Millionen Tonnen Plastik produziert, von denen Schätzungen zufolge etwa 10 Millionen Tonnen als Plastikmüll in die Meere eingetragen werden. Davon schwimmen zu jedem Zeitpunkt wohl etwa 250.000 Tonnen an der Meeresoberfläche und sammeln sich dort, wo die Meeresströmungen Wirbel bilden. Der Rest sinkt entweder in tiefere Schichten ab oder wird, zum kleineren Teil, wieder an die Küsten gespült. Angebliche Plastikteppiche am Strand oder im Wasser, Bilder von in Plastiktüten verhedderten Schildkröten, von durch Plastikbänder erdrosselten Seelöwen oder von großen Mengen Plastik in den Mägen verendeter Pottwale lassen sich konkret verorten und sind auf klassische Weise skandalisierbar.

Sperm Whale with plastic waste. – Quelle: Britannica ImageQuest © Reinhard Dirschel, Visual Unlimited. Science Foto Library. Universal Images Group.

 

An Land und in den Flüssen, von wo er über kurz oder lang in den Meeren landet, ist Plastikmüll zudem zugänglich für klassische Formen von Aktivismus und Citizen Science. Selbst die großen Plastikmengen im Meer werden der Öffentlichkeit immer wieder als aufräumbar präsentiert, auch wenn Experten mehr als skeptisch bleiben.

Restos de Basura, Amanecer el d¡a de San Juan en la Playa de Las Arenas de Valencia, 24 Junio de 2009. Valencia, Spain. – Quelle: Britannica ImageQuest © AGE fotostock. Universal Images Group.

 

Ob Makroplastik oder Mikroplastik, Müll ist schädlich für das Leben im Meer…

Diese Form von Plastikmüll und ihre Opfer sind also sichtbar und scheinbar handhabbar. Es ist die Diskussion über diese konkrete Gefahr, die es ermöglicht, Aufmerksamkeit auch auf die systemische Bedrohung durch eine weniger lokalisierbare und schlechter abbildbare Form von Plastikmüll im Meer zu lenken, auf Mikroplastik. Salzwasser und Sonnenlicht machen Plastik spröde, so dass die Wellen es in immer kleinere Stücke zerbrechen. Ein großer Teil des Plastiks im Meer liegt als Partikel mit einem Durchmesser von unter 5mm vor, oft ist es noch deutlich kleiner. Auf Grund ihrer chemischen und physikalischen Eigenschaften nehmen diese winzigen Plastikpartikel große Mengen giftiger Chemikalien aus dem Meerwasser auf. Wegen ihrer geringen Größe werden sie außerdem von Tieren mit der Nahrung aufgenommen und oft nicht wieder ausgeschieden. Sie verbleiben in Meereslebewesen vom kleinsten Krill-Krebs bis zum Blauwal und reichern sich, zusammen mit den an sie gebundenen giftigen Chemikalien, entlang der Nahrungskette an. Die Verschmutzung geht so im wahrsten Sinne des Worten „unter die Haut“. Als zusätzlicher Stressfaktor neben anderer Verschmutzung, Überfischung, der Erwärmung und Versauerung des Meerwassers durch den Klimawandel sowie der Verlärmung der Meere durch Schiffsverkehr und technische Anlagen trägt Mikroplastik so zur Gefährdung mariner Ökosysteme bei.

 

… zugleich aber Grundlage neuer Lebensgemeinschaften

So betrachtet, ist Plastikmüll im Meer zugleich konkrete Gefahr und systemische Bedrohung. Plastikmüll löst aber nicht nur diesen im Umwelt-Diskurs etablierten Gegensatz auf, sondern stellt auch das Kategoriensystem auf die Probe, das die konzeptionelle Grundlage für einen Großteil des Umwelt- und Naturschutzes bildet. Trotz allem ist Plastikmüll im Meer nämlich nicht einfach nur schädlich. Gerade in der „blauen Wüste“ des offenen Ozeans wirkt jeder feste Partikel als „Insel“, um die sich Leben sammelt. Größere Stücke Plastik werden zum Beispiel von Muscheln besiedelt und von Fischen besucht. Und selbst die kleinsten Stücke Mikroplastik werden schnell von Mikroorganismen besiedelt. So bilden sich auf dem und um den an sich schon gefährlichen und zusätzlich mit toxischen Chemikalien beladenen Plastikmüll trotz allem ganz neue, faszinierende Lebensgemeinschaften. Wissenschafter*innen nennen diese Ökosysteme Plastisphäre, eine Analogbildung zu Biosphäre: So wie aus dem Weltraum betrachtet das Leben auf der Erde, die Biosphäre, einen dünnen Film von Leben verwoben mit einem toten Steinbrocken inmitten des lebensfeindlichen Weltalls bildet, bildet die Plastiphäre einen dünnen Film von Leben verwoben mit lebensfeindlichem Plastik inmitten eines weitgehend toten Ozeans.

Es ist also schwierig, Plastikmüll im Meer klar einer Seite in Gegensatzpaaren wie natürlich/künstlich bzw. natürlich/kulturell, rein/verschmutzt, innen/außen, eigen/fremd, nützlich/schädlich oder lebensfördernd/lebensfeindlich zuzuordnen. Dies stellt etablierte Strategien für umweltbezogene Wissensproduktion und für verantwortliches Handeln infrage, die auf der konventionellen Idee einer „Reinhaltung“ von Umwelt durch konsequente Trennung von „Natur“ und „Kultur“ beruhen. Und das macht ethische und erkenntnistheoretische Fragen zum Umgang mit Plastikmüll im Meer oft schwer zu beantworten. Natürlich ist es „gut“, dafür zu sorgen, dass weniger Plastik ins Meer gelangt. Aber sollten wir – einmal unabhängig von der Frage ob es möglich ist – Plastik überhaupt wieder aus dem Meer entfernen wollen? Schließlich ist es auch Lebensraum. Sind die Lebensgemeinschaften der Plastisphäre etwa wenig wert als andere? Und unabhängig von solchen Fragen zum richtigen Handeln, nach welcher Art von Wissen über Plastik im Meer sollten wir streben? Die Frage, wie viel Plastik Meereslebewesen in sich tragen, ist oft nur um den Preis des Lebens dieser Wesen zu beantworten. Wofür ist dieses Wissen notwendig und ist es diesen Preis wert, wenn der Wissenserwerb eigentlich von der Sorge um eben diese Lebewesen geleitet ist? Ähnliche Fragen stellen sich auch für andere industrial ecosystems wie naturschutzfachlich wertvoll gewordene Sondermülldeponien oder Truppenübungsplätze und sogar unsere eigenen schadstoffbelasteten Körper. Solche Fragen sind nicht rein naturwissenschaftlich zu beantworten. Vielmehr sind hier auch die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften gefordert, einen neuen analytischen Umgang mit solchen hybriden Gegenständen zu finden.

 

Wie umgehen mit solch einem schwierigen Objekt? – Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften zeigen Perspektiven auf

Wichtige Beiträge dazu kommen unter anderem aus der sozial- und kulturwissenschaftlichen Wissenschafts- und Technikforschung, die den naturwissenschaftlich-technischen und gesellschaftlichen Umgang mit solchen Phänomenen empirisch untersucht. So zeigt der US-amerikanische Sozial- und Kulturanthropologe Stefan Helmreich in seinem mehrfach preisgekrönten Buch Alien Ocean: Anthropological Voyages in Microbial Seas (2009) aktuelle Entwicklungen in der Meeresforschung auf. Zwar ist Plastik hier nicht explizit Thema, wohl aber der produktive Kollaps und die kontinuierliche Umarbeitung von in Form von Gegensatzpaaren etablierten Kategorien. Wie der Titel bereits andeutet, diskutiert Helmreich anhand von Fallstudien insbesondere den zentralen, aber problematischen Status der Kategorie „eigen/fremd“ in der Meeresmikrobiologie und im marinen Naturschutz. Ein Beispiel ist die verschränkte Umarbeitung sowohl „natürlicher“ als auch „kultureller“ Fragen von Zugehörigkeit und Fremdheit, wenn die Nachkommen weißer Kolonisten in freiwilliger Naturschutzarbeit die Strände von Hawai’i von „invasiven Arten“ säubern. Ein anderes ist der doppelbödige diskursive Status des Lebens in der Tiefsee als fundamental „eigen“ (im Sinne von irdisch und zeitgenössisch) und zugleich zutiefst „fremd“, der es Forscher*innen erlaubt, mikrobielle Lebensgemeinschaften der Tiefsee als Analoge für den (zeitlich Milliarden Jahre zurückliegenden) Beginn des Lebens sowie für (falls es existiert räumlich Milliarden Kilometer entferntes) extraterrestrisches Leben aufzufassen. Natürlich finden Sie Alien Ocean im Bestand der Staatsbibliothek.

Ein anderes interdisziplinäres Feld, das zum besseren Verständnis von kulturellen Praxen und Prozessen der Wissensproduktion rund um den Plastikmüll im Meer beiträgt, ist die sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung zum Thema „Abfall“, die so genannten Discard Studies. Viele der Bücher, die auf dem Discard Studies Blog empfohlen werden, finden Sie im Bestand der Staatsbibliothek – und sollten Sie sich für eines interessieren, das wir noch nicht erworben haben, können Sie natürlich jederzeit gerne einen Anschaffungsvorschlag machen. Im Bezug auf Plastikmüll besonders hervorzuheben ist der Sammelband Accumulation: The Material Politics of Plastic, herausgegeben von Jennifer Gabrys, Gay Hawkins und Mike Michael (2014). Er bietet eine Vielzahl aktueller sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektiven auf Plastik als Werkstoff, als Medium der Materialisierung bestimmter kultureller und gesellschaftlicher Verhältnisse, als Abfall und als Ausgangspunkt für kultur- und sozialwissenschaftliche Theoriebildung.

Eine der wenigen bisher vorgelegten sozial- und kulturwissenschaftlichen Arbeiten, die sich explizit mit dem Plastikmüll im Meer und der Plastisphäre beschäftigen ist Kim De Wolffs Dissertation Gyre Plastic: Science, Circulation and the Matter of the Great Pacific Garbage Patch (University of California San Diego, 2014). De Wolff diskutiert unter anderem den Zusammenbruch der Gegensatzpaare natürlich/künstlich, innen/außen und nützlich/schädlich, wie ihn Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen bei Versuchen erfahren, Meeresplastik und Meereslebewesen konzeptionell und praktisch zu entflechten. In den USA werden Dissertationen oft nicht gleich im Verlag veröffentlicht, sondern erst Jahre später und deutlich überarbeitet. So liegt auch Gyre Plastic noch nicht als Verlagspublikation vor. Es ist aber für jedermann auf der Open Access-Plattform der University of California verfügbar – und für registrierte Nutzer*innen der Staatsbibliothek zu Berlin zusätzlich über die lizensierte Datenbank ProQuest dissertations & theses global über die Sie die Promotionen vieler renommierten Universitäten insbesondere aus der angelsächsischen Welt zugreifen können.

 

Interessiert an diesem Thema? Kommen Sie zum Werkstattgespräch!

Auch in Deutschland beginnen Kultur- und Sozialwissenschaftler*innen, sich mit der Plastisphäre zu befassen und mit den Herausforderungen, die dieses hybride Objekt an unsere epistemischen und normativen Orientierungen stellt. So fördert etwa die VW Stiftung das Projekt Plastik als neue Lebensform von Dr. Sven Bergmann am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft der Universität Bremen.

Wenn Sie mehr über das Phänomen der Plastik-Naturen-Kulturen auf See und seine Bedeutung erfahren wollen, kommen doch Sie am Dienstag den 14.3. um 18.15 Uhr zum Werkstattgespräch in unsere Wissenswerkstatt. Dort wird Dr. Sven Bergmann unter anderem über seine ethnologische Feldarbeit mit Meeresbiolog*innen während deren naturwissenschaftlicher Feldarbeit berichten.

 

Vorschau: Bald geht die Urlaubssaison wieder los – lesen Sie pünktlich vor den Osterferien unseren nächsten Beitrag zum Thema Tourismus auf den Meeren!

Künstlerbiografien in Buch und Film

Künstlerbiografien boomen – ob Leonardo da Vinci, Pablo Picasso, Vincent van Gogh, Albrecht Dürer, Gustav Klimt, Marc Chagall oder Frida Kahlo: Unzählige biografische Darstellungen von Künstlerinnen und Künstlern sind in den letzten Jahren auf den Markt gekommen. Das Leben und Wirken von Kunstschaffenden weckt immer wieder aufs Neue großes Interesse bei einem breiten Lesepublikum. Denn die Biografie als eigenes Genre ist für den Interessierten ebenso attraktiv wie für den Spezialisten. Und so wundert es nicht, dass der Historiker Ulrich Herbert allgemein feststellt: „Biographien werden gelesen.“ (Aus: Die Biographie – Mode oder Universalie?: Zu Geschichte und Konzept einer Gattung in der Kunstgeschichte) Biografien in der Kunstgeschichte ermöglichen darüber hinaus immer auch einen alternativen Zugang zum künstlerischen Werk selbst.

Auch in den Beständen der Staatsbibliothek tummeln sich viele Künstlerbiografien, die entdeckt werden wollen. Allein in den letzten zwei Jahren haben Biografien von Peter Paul Rubens, Andy Warhol, Piet Mondriaan, Lucas Cranach der Jüngere, Franz Marc, Käthe Kollwitz, Paul Klee und vielen weiteren Künstlerinnen und Künstlern unsere Bestände bereichert. Und es kommen stets neue hinzu.

Künstlerbiografien werden aber nicht nur gelesen, sie werden insbesondere zu Zeiten der Berliner Filmfestspiele auch gesehen. Auf der diesjährigen Berlinale sind nämlich eine ganze Reihe von Künstlerfilmen vertreten. Gleich drei stehen im Wettbewerb: Der Eröffnungsfilm „Django“ (Regie: Étienne Comar) über den Jazzmusiker Django Reinhardt, der Film „Beuys“ über den gleichnamigen Künstler (Regie: Andres Veiel) und „Final Portrait“ über den Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti (Regie: Stanley Tucci – außer Konkurrenz). Veiel verwendet für seinen Film Bilder und Tondokumente, die bisher noch nicht erschlossen wurden, und eröffnet so völlig neue Perspektiven auf einen der wichtigsten Nachkriegskünstler Deutschlands. Auch wenn Filme nicht zum Sammelschwerpunkt der Staatsbibliothek gehören, können Sie sich bei uns umfassend zu Joseph Beuys und seinem Werk informieren. Eine Grundlage für Tuccis Film über Giacometti bildet die Biografie von James Lord. Und wenn Sie selbst diese Inspirationsquelle lesen möchten, sind Sie an der Staatsbibliothek zu Berlin bestens bedient: Lords Darstellung ist bei uns in zweifacher Ausführung vorhanden.

Veiel und Tucci stehen mit ihren Werken in einer reichen Tradition. Filme über bildende Künstlerinnen und Künstler flimmern – ob als Dokumentation oder Spielfilm – immer wieder über die Kinoleinwände: Mr. Turner (2014), Renoir (2012), Goya’s Ghosts (2006), Girl with a Pearl Earring (2003), Frida (2002), Surviving Picasso (1996), Caravaggio (1986) – und diese Aufzählung ließe sich noch nach Belieben fortsetzen.

Informationen zu diesen und anderen Filmen finden Sie in der wichtigsten Anlaufstelle für Filminformationen im Internet: Der Internet Movie Database. Hätten Sie gewusst, dass es darüber hinaus auch eine eigene Datenbank zu älteren Künstlerfilmen gibt? Die Künstlerfilm-Datenbank ermöglicht online eine freie Suche nach Auseinandersetzungen mit dem Thema Kunst in Film und Fernsehen. Wenn Sie also schauen möchten, welche Filme und TV-Aufzeichnungen es früher schon über Beuys und Giacometti gegeben hat, dann werden Sie hier fündig.

Es bleibt abzuwarten, ob sich ein Künstlerfilm beim Rennen um den Goldenen Bären am Ende durchsetzen wird.

Welche Schrift für die „Heilige Schrift“? Friedrich Forssman zur Neugestaltung der Lutherbibel

Am 7. Februar 2017 präsentierte Friedrich Forssman bei uns vor großem Publikum 95 Thesen zur Neugestaltung der Lutherbibel – im Rahmen unserer gemeinsam mit Forschenden der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Universität Potsdam organisierten Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog. Vorgestellt wurde der bekannte Typograph und Buchgestalter von Dr. Thomas Rahn (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin), dessen Einführungsrede im Folgenden als Gastbeitrag veröffentlicht wird:

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Spätestens seit dem Erscheinen von Zettels Traum in der Bargfelder Arno-Schmidt-Ausgabe – ein Ereignis, das durch die Feuilletons ging – muss man den Typographen Friedrich Forssman nicht mehr vorstellen. Zettels Traum – das ist für die Gemeinde der Schmidt-Jünger ja ein heiliges Buch. Der Typograph hatte sich damit also für die Gestaltung weiterer heiliger Texte empfohlen. Nur konsequent, dass Cornelia Feyll und Friedrich Forssman nun die Neugestaltung der revidierten Lutherbibel übernahmen. Ein Schmidt-Jünger wird vielleicht einwenden, der Schritt von Zettels Traum zur Bibel sei ein Abstieg, was die Bedeutung der Texte angeht. Aber immerhin: Ein größeres Typographie-Publikum als mit der Bibel ist nun nicht mehr zu erreichen – und wer die Lutherbibel gestaltet, überarbeitet nicht allein einen Buchtyp, sondern arbeitet ganz nebenbei auch noch am Image einer ganzen Konfession.

August Strindberg macht in seinem autobiographischen Roman Einsam den möglichen typographischen Anteil an der besonderen Gestimmtheit einer Bibellektüre zum Thema. Der Autor reflektiert über die unterschiedliche Atmosphäre und Wirkung zweier Bibeln aus seinem Besitz. Die eine Bibel aus dem 17. Jahrhundert, schwarz eingebunden und schwarz im Druckbild, scheint ihn vor allem zu Textstellen zu führen, in denen es um Fluch und Zorn geht. Die andere Bibel aus dem 18. Jahrhundert dagegen „sieht aus wie ein Roman, und zeigt einem meist die schöne Seite; das Papier selbst ist heller, die Typographie fröhlicher, und es lässt mit sich reden […]“ (August Strindberg, Werke in zeitlicher Folge: Frankfurter Ausgabe, Bd. 10, S. 42).

Wer – wie ich – seine Bibellektüre einst mit einer alten Fraktur-Taschenbibel der Württembergischen Bibelanstalt gestartet hat und nun einen Blick in die Lutherbibel 2017 tut, wird Strindbergs kontrastierende Assoziationen gut nachvollziehen können. Feyll und Forssman haben durch ihre typographische Reformation dem Text ein offenes Gesicht gegeben. – Gute Imagearbeit. Jetzt müssen die Katholiken erst einmal gleichziehen.

Nun liegt – das gilt auch für den heiligen Text – der Teufel im Detail. Max Caflisch beginnt seinen Aufsatz Über die Probleme der Bibeltypographie mit der Bemerkung, dass der typographische Laie wohl leicht imponierende Titelblätter, verzierte Initialen und Illustrationen von Prachtbibeln, d.h. das Spektakuläre im Gedächtnis behalte, der Fachmann sich dagegen mehr für das Beiwerk der Normalbibel interessiere, d.h. für all das, was funktionieren muss, aber optisch nicht dominieren darf. Die Bibel als Buchtypus ist ja gekennzeichnet durch einen Apparat von Gliederungs- und Verweismarkierungen.

Funktional besitzt der Bibeldruck der Normalbibel einen Sonderstatus, der beim gestalterischen Einsatz der paratextuellen Elemente berücksichtigt sein will. Einerseits ist die Bibel ein Text, in dem – ob aus historischem, theologischem oder glaubenspraktischem Interesse – Stellen nachgeschlagen werden. Andererseits muss das Buch eine intensive, unabgelenkte Lektüre ermöglichen. Die Typographie der Bibel muss also – um hier die Typologie der Lesearten in Willberg/Forssmans Standardwerk Lesetypographie aufzugreifen – zwischen den eigentlich konträren Gestaltungsansprüchen des konsultierenden Lesens und denen des linearen Lesens vermitteln können. Die Gestaltung sollte ebenso den weiten Spielraum zwischen so unterschiedlichen Rezeptionsweisen wie einer dezidiert wissenschaftlichen und einer dezidiert frommen Lektüre lassen. Oder: Wie Carl Keidel es vor 50 Jahren und wohl schon damals altfränkisch klingend in seinem Aufsatz Die Bibel als Aufgabe der Buchgestaltung ausdrückt: „Wir müssen eine Bibel schaffen, die der Universitätsprofessor genauso liebhat wie die Bauersfrau.“ (Entwürfe zur Bibel, S. 8)

Zu den Besonderheiten der Bibeldrucktradition zählt es, dass sich bloße Leseausgaben des Bibeltextes, die vom editorischen Beiwerk weitgehend befreit sind, nicht als bedeutender Alternativtypus durchsetzen konnten. Das liegt wohl auch daran, dass die sichtbare editorische Aufbereitung des Textes bereits mehr als ein bloßes Funktionselement darstellt, sie ist als historisches typographisches Dispositiv der Bibel nämlich auch eine Markierung, welche die Autorität des Textes selbst unterstützt. Ebenso ist die Norm, den kompletten Bibeltext – d.h. eine Textmenge, die nach Keidels Rechnung 10 x den Wahlverwandtschaften entspricht – in nur einem Buch unterzubringen, nicht nur praktisch motiviert. Wenn das eine Buch immer als ein Buch erscheint, lässt sich darin auch eine unhintergehbare Würdeform erkennen.

Wer sich an die Neugestaltung der Lutherbibel macht, hat es also mit divergierenden Funktionsansprüchen, aber auch mit konservativen Lesererwartungen zu tun. Wie dabei die Teufel im typographischen Detail auszutreiben sind und wie man reformiert, was sich immer auch gleich bleiben muss, wird uns Friedrich Forssman nun gleich berichten. Zuvor aber noch der Hinweis auf einen ästhetisch-glaubenspraktischen Service der Deutschen Bibelgesellschaft. Diese bietet von Prominenten gestaltete Bibelschuber an. Man kann zum Beispiel die Edition Margot Käßmann, Uschi Glas, Jürgen Klopp oder Harald Glööckler kaufen. Nachdem der Protestantismus den Heiligenkult einst verabschiedet hat, führt ihn die Deutsche Bibelgesellschaft jetzt wieder ein; jeder kann zwischen sich und dem Gotteswort nun qua Schuberprogramm eine selbstgewählte Fürbittinstanz installieren. Auf dem Glööckler-Schuber etwa erwartet der Modedesigner, mit Taubenwirbel über dem Haupt, gerade seine Himmelfahrt. Wem das zu dick aufgetragen oder ikonographisch zu heikel ist, kann aber auch die bildlose Leder-Bibelhülle Wittenberg erwerben.

Friedrich Forssman wird nicht müde zu betonen, dass ein Buch von innen nach außen durchgestaltet werden muß – und er liefert als Typograph immer wieder die überzeugendsten Umsetzungen dieser Regel. Jetzt wollen wir natürlich gleich auch wissen, in welchen Schuber er nach Maßgabe dieses Gestaltungsprinzips die Lutherbibel 2017 stecken würde.

Friedrich, wir freuen uns auf Deinen Vortrag!

Text: Dr. Thomas Rahn

 

Nur in Berlin: Die einzige Luther-Ausstellung mit allen drei Thesen-Drucken von 1517

„BIBEL – THESEN – PROPAGANDA.
Die Reformation erzählt in 95 Objekten“

Daten zur Ausstellung
3. Februar – 2. April 2017
+ zum Evangelischen Kirchentag 24. – 28. Mai 2017
dienstags-samstags 11-19 Uhr, sonntags 13-18 Uhr

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum, 10785 Berlin
freier Eintritt
Katalog 20 €, original gefaltetes Faksimile des Nürnberger Thesen-Drucks und Erläuterungen 8 €, beide zusammen 25 €

Blog zur Ausstellung

Honorarfreie Abbildungen von Ausstellungsobjekten

Thesendrucke in der Digitalen Bibliothek der Staatsbibliothek:
der Nürnberger Thesendruck (im Besitz der Staatsbibliothek)
der Leipziger Thesendruck (im Besitz des Geheimen Staatsarchivs)

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Zu den Quellen!

„Es ist der Staatsbibliothek zu Berlin Privileg und Freude, aus der Fülle der eigenen Beständen diese Ausstellung zusammenstellen zu können, die sich ganz und gar auf zentrale zeitgenössische Dokumente der vor 500 Jahren einsetzenden Reformationsbewegung konzentriert“, führte Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin zu der ab dem 3. Februar 2017 geöffneten Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ aus. Und weiter: „Wer der damaligen Zeit nahe kommen will, sollte sich mit den hier gezeigten handschriftlichen und gedruckten Quellen jener Bewegung befassen, die  Martin Luther mit seinen Werken auslöste und in der Folge die christliche Welt tiefgreifend veränderte.“

95 Thesen lösen die Reformation aus

Einer der wesentlichen Auslöser der Reformationsbewegung ab dem Ende des Jahres 1517 war die Verbreitung der 95 Thesen Martin Luthers, in denen er seine fundamentale Kritik zum Ablasshandel niedergeschrieben hatte. Seine Thesen über den Ablass sandte er am 31. Oktober 1517 dem Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg, zugleich kursierten in Luthers Umfeld einige Abschriften. Noch im selben Jahr 1517 wurden drei Ausgaben der in Latein abgefassten Thesen gedruckt: Zwei Plakatdrucke entstanden in Nürnberg und in Leipzig, eine kleinere Ausgabe auf vier Blättern in Basel. Luther selbst war über die rasche Verbreitung seiner Thesen nicht glücklich, denn er hatte diese zunächst in einem kleinen Kreis von Theologen diskutieren wollen, wozu es jedoch aufgrund der rasanten Entwicklung nie kam. Um dem Volk, für das er die Materie für zu schwierig hielt, seine Ansichten näher zu bringen, verfasste er 1518 „Ein Sermon von Ablass und Gnade“ – dieses Buch erfuhr innerhalb eines Jahres 18 Ausgaben.

Heute sind nur noch sieben Exemplare der Thesendrucke aus Nürnberg und Leipzig bekannt, zwei davon werden in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufbewahrt: Das Geheime Staatsarchiv besitzt einen Druck aus Leipzig, die Staatsbibliothek zu Berlin einen aus Nürnberg. Nur bis zum 19. Februar werden – zum ersten Mal überhaupt – die beiden Plakatdrucke zusammen mit dem Baseler Druck gezeigt, auch letzterer gehört zum Bestand der Staatsbibliothek.

Der Nürnberger Plakatdruck der Staatsbibliothek zu Berlin wurde im Jahr 2015 in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen und damit zum Weltdokumentenerbe erklärt. Von diesem Exemplar erschien zur Ausstellung ein Faksimile, das auf jene praktische Handgröße gefaltet ist, wie es die Faltspuren des Originals aus dem Jahr 1517 zeigen.

Ausstellung in sechs Kapiteln

Die Staatsbibliothek zu Berlin stellt mit 95 Objekten die Reformationsbewegung in großer formaler Breite und inhaltlicher Tiefe vor, von ihren Anfängen vor 500 Jahren bis hin zur Manifestation der lutherischen Kirche zunächst in Europa, später auch auf anderen Kontinenten.

>> „Ich kann und will nicht widerrufen“ – Schlüsselereignisse

Neben den anfangs drei, ab dem 21. Februar zwei gezeigten Drucken der 95 Thesen (Nürnberger und Baseler) ist in diesem Kapitel auch der eigenhändige Briefentwurf Luthers vom November 1518 gezeigt, den für den Rektor und die Professoren der Universität Wittenberg an Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen fertigte und in dem um Schutz für ebendiesen Martin Luther gebeten wird. Zu sehen ist ein Druck der päpstlichen Bulle, mit der Papst Leo X. im Jahr 1520 Luther den Bann androhte.

>> „Das Wort sie sollen lassen stahn“ – Die Heilige Schrift

Nachdem Martin Luther im Jahr 1521 Zuflucht auf der Wartburg gefunden hatte, begann er mit der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche, es folgte das Alte Testament, 1534 lag die Bibel komplett in Deutsch vor. Im Ausstellungskapitel über die Bibel werden neben außergewöhnlich schön ausgestalteten Exemplaren auch Übersetzungen aus dem Deutschen in andere Sprachen gezeigt, darunter in das Sorbische wie auch in eine Variante der Hindustani-Sprache und ins Chinesische.

Die handkolorierten Bibeln, gar mit zusätzlicher individueller Bildausstattung und auf Pergament gedruckt, wurden als Luxusprodukte hergestellt und blieben aufgrund ihrer Preise in der Regel dem Hochadel vorbehalten. Aus der Wittenberger Cranach-Werkstatt stammen vier sorgfältig produzierte Prachtbibeln, von denen in der Ausstellung zwei gezeigt werden. Eine dieser zweibändigen Bibeln entstand im Jahr 1541, im Jahr 1659 kam diese als Geschenk zum Großen Kurfürsten von Brandenburg, dem Gründer der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin.

>> „Erhalt uns Herr bei deinem Wort“ – Theologie und Propaganda

Der Buchdruck machte die rasante Verbreitung der reformatorischen Schriften möglich  und beförderte zugleich den Einsatz von Flugblättern. Eins in der Ausstellung ist ein lutherisches Propagandablatt von 1556, das sich gegen die katholische Kirche richtet und den Sieg Christi, der allein mit den Worten den Antichristen niedergerungen habe, feiert. Luther hatte bereits in den 1520er Jahren das Papsttum als Personifikation des Antichristen bezeichnet. Auch nach der Etablierung der beiden Konfessionen in den 1550er Jahren blieb diese Vorstellung erhalten und die Parteien beschuldigten sich fortlaufend gegenseitig, den Teufel zu repräsentieren.

>> „Und wenn die Welt voll Teufel wär‘“ – Streit und Krieg

Das konfessionelle Zeitalter von der Reformation bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) war von theologischen Streitigkeiten und immer wieder aufflammenden kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt, vor allem innerhalb der reformatorischen Bewegung selbst. Das anonym verfasste Blatt „Cucina opiniorum  – die Glaubensküche“ (23×34,5cm) stellt die Vertreter der Konfessionen in einer Küche dar, in der jeder sein eigenes Süppchen isst.

>> Vom Himmel hoch da komm ich her“ – Kirchenmusik

In diesem Kapitel ist unter anderem eines der wenigen Autographen Martin Luthers zu sehen, mit dem auch seine kompositorischen Interessen überliefert sind: Luther entwarf ein Katechismuslied, „Vaterunserlied“, und skizzierte dazu eine Melodie, die er jedoch wieder verwarf. Die Spuren im Autograph zeugen von seiner intensiven Textarbeit. Zur lutherischen Kirchenmusik sind des Weiteren Autographe von Bach, Telemann und Mendelssohn zu bewundern.

>> „Die Wittenbergisch Nachtigall die man jetzt höret überall“ – Rezeption

Für Deutschland und mindestens für Nordeuropa war die Reformation ein historisches Großereignis. 1648 besiegelte der Westfälische Frieden die konfessionelle Spaltung Europas. Bis heute ist die Rezeption der Reformation in der Literatur, bildenden Kunst und Musik von immenser Bedeutung, und Luther wurde zum Sinnbild der Reformation schlechthin. Ein häufiges Bildmotiv wurde die Darstellung Luthers mit dem Schwan, ein Sinnbild der Reinheit des Reformators.

Mit dem rasanten Anstieg der Buchproduktion ab dem 16. Jahrhundert begann auch eine bildungspolitische Ära: So setzte sich vor allem Melanchthon dafür ein, dass möglichst viele Menschen in die Lage versetzt wurden zu lesen. Die zunehmende Anzahl der gedruckten Bücher ließ wiederum den Wunsch wachsen, diese auch schön auszugestalten, die Bücher in einem möglichst preiswerten, dennoch ansprechenden Einband aufzubewahren. In Wittenberg entstand in dieser Zeit der figurale Einbandstil, von dem einige Beispiele in der Ausstellung zeugen, darunter ein Buch aus dem Jahr 1581: Es zeigt auf dem Vorderdeckel negativ geprägt und farbig gestaltet die Ganzkörperfigur Martin Luthers, auf dem Hinterdeckel Philipp Melanchthon. Ein mosaik-Heft aus dem Jahr 2016 sowie der Playmobil-Luther führen den Ausstellungsbesucher ins Heute.

„Mit herzlichen Grüßen, Ihr Wilhelm Furtwängler“

Die Musikabteilung konnte jüngst über ein Berliner Antiquariat eine wichtige Ergänzung zum Nachlass des Dirigenten Wilhelm Furtwängler (1886-1954) erwerben: es handelt sich um den wohl vollständigen Briefwechsel Furtwänglers mit dem Verleger Fritz Oeser (1911-1982) vom Brucknerverlag Wiesbaden. Dabei tauschen sich die Briefpartner hauptsächlich über die Revisionen an der 2. Sinfonie in e-Moll (WF 119) sowie am Symphonischen Konzert für Klavier und Orchester (WF 114) von Wilhelm Furtwängler aus, außerdem werden die beiden Sinfonien Nr. 3 in Cis (WF 120) und Nr. 1 in h-Moll (WF 110b) in der Korrespondenz aufgegriffen.

Die Korrespondenz beginnt mit einem Brief Furtwänglers vom 31. Dezember 1950, in dem Furtwängler seine Absicht äußert, von der Universal Edition Wien zum Brucknerverlag wechseln zu wollen. In 148 originalen Textzeugen fächert sich dann die Beziehung des Dirigenten und Komponisten zu seinem Verleger auf, die fast vier Jahre andauerte. 50 Briefe von Wilhelm Furtwängler und einige Telegramme und Kurzbriefe der Sekretärin Henriette Speiser an Oeser sind überliefert sowie 60 Original-Briefdurchschriften von Oeser an Furtwängler. Dabei entsteht das Bild einer fruchtbaren Arbeitsbeziehung, die den Komponisten Furtwängler ins Zentrum rückt: Sichtbar wird, wie viel Arbeitskraft Wilhelm Furtwängler in die Komposition und Revision seiner Werke vor dem Druck steckte, aber auch welche Bedeutung die Aufführung seiner eigenen Werke für ihn hatte. „Ich werde im Laufe des nächsten Jahres sehr wenig dirigieren, habe aber die Absicht, in der zweiten Hälfte der Saison mehrere Aufführungen meiner eigenen Sachen zu veranstalten“, schrieb Furtwängler im Februar 1951. Einer der letzten Sätze an Oeser zeugt von der schweren Erkrankung des Dirigenten, Mitte November 1954 schrieb er aus Clarens: „Leider laboriere ich augenblicklich an einer Bronchitis, die mich seit einigen Tagen sogar ins Bett fesselt.“ Er sollte sich von dieser Krankheit nicht mehr davon erholen und verstarb Ende des Monats.

[Beitrag veröffentlicht von Jessica Ermes]

Ausschnitt aus dem Nürnberger Plakatdruck der 95 Thesen, 1517 | Quelle: Digitale Bibliothek der Staatsbibliothek zu Berlin - PK || CC BY-SA-NC 3.0

Außer Thesen nichts gewesen – Sonderöffnung unserer Luther-Ausstellung am 7. Februar 2017

Am 7. Februar 2017 laden wir Sie herzlich ein zu einem langen Abend der Thesen – der insgesamt 380 Thesen, um genau zu sein. Denn anlässlich des Vortrags des bekannten Buchgestalters Friedrich Forssman im Rahmen unserer gemeinsam mit der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Universität Potsdam organisierten Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog wird unsere große Ausstellung zum Reformationsjubiläum ausnahmsweise bis 20:30 Uhr geöffnet bleiben.

Auf diese Weise haben Sie die einmalige Gelegenheit, zunächst 95 Thesen zur von Friedrich Forssman verantworteten Neugestaltung der revidierten Lutherbibel 2017 zu diskutieren, um anschließend unsere Auswahl von 95 spektakulären Exponaten in Augenschein zu nehmen, die Ihnen die Reformation erzählen wollen – darunter erstmals alle drei Druckausgaben der Luther-Thesen in trauter Eintracht vereint.

Sollten Sie angesichts des Dreiklangs „Forssman – Thesen – Sensationen“ tatsächlich noch zweifeln, ob sich die für einen Besuch von Vortrag und Ausstellung aufzuwendenden Spesen an Zeit und Aufmerksamkeit überhaupt lohnen, so seien Sie versichert: Sie werden voll und ganz auf Ihre Kosten kommen!

DFG fördert weiter FID Recht

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, DFG, setzt die Förderung für den im Jahr 2014 an der Staatsbibliothek zu Berlin eingerichteten Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung (FID Recht)  fort und unterstreicht damit die Qualität wie auch die Bedeutung des FID Recht.

Mit verbesserten Serviceangeboten und neu entwickelten Dienstleistungen – darunter ein überregional zugänglicher Lizenzraum für hochspezialisierte elektronische Zeitschriften und Datenbanken für einen definierten Teilnehmerkreis – wird bis zum Ende des Jahres  2019 der Ausbau des FID Recht, der auf den aktuellen Informationsbedarf der Forschenden ausgerichtet ist, abgeschlossen. Der Wissenschaftsrat hatte für den Ausbau des FID Recht das Leitbild „Perspektiven der Rechtswissenschaft in Deutschland“ vorgelegt, darin wurden die Aufwertung der juristischen Grundlagenfächer, die Förderung der Interdisziplinarität rechtwissenschaftlicher Forschung sowie deren stärkere Internationalisierung in den Fokus gestellt. Auf der Grundlage dieses Leitbildes und zugleich im engen Kontakt mit der Wissenschaftscommunity an Universitäten, Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland hat der FID Recht sieben strategische Handlungsfelder identifiziert, darunter die nutzungsgesteuerte Erwerbung, der Relaunch der Virtuellen Fachbibliothek Recht, das Unterbreiten zielgruppenspezifischer Beratungsangebote zum Open-Access-Publizieren oder der Aufbau von Infrastrukturen für juristische Wissenschaftsblogs.

Das deutsche und ausländische Recht zählt seit Jahrhunderten zu den Sammelschwerpunkten der vor über 355 Jahren gegründeten Staatsbibliothek zu Berlin. Die Bibliothek verfügt heute über die größte Universalsammlung juristischer Quellen und rechtswissenschaftlicher Forschungsliteratur in Deutschland: 1,25 Millionen Bände an Druckschriften, darunter allein 230 Tausend Werke im historischen Bestand.

Die DFG-Fachinformationsdienste für die Wissenschaft

Von 1949 bis zum Jahr 2013/15 unterhielt die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Kooperation mit zahlreichen wissenschaftlichen Bibliotheken aus dem gesamten Bundesgebiet ein dezentrales System von disziplin- bzw. länderspezifischen Sondersammelgebieten. Durch diese thematisch koordinierte Erwerbungskooperation wurde, unabhängig von der jeweiligen Nutzung, ein möglichst umfassendes Reservoir an internationaler Spezialliteratur aufgebaut und überregional verfügbar gehalten. Dieses System war in den Nachkriegsjahren mit dem Ziel errichtet worden, dem Mangel an fremdsprachigen Forschungspublikationen in Deutschland durch Fernleihen zu begegnen.

Der inzwischen eingetretene Strukturwandel sowohl des wissenschaftlichen Publikationsmarktes wie auch der Forschungsprozesse im digitalen Zeitalter machte eine grundlegende Revision des Sondersammelgebietssystems erforderlich. Mit Wirkung zum 1. Januar 2014 hat die DFG das System umgestellt auf den Auf- und Ausbau bibliothekarischer Dienstleistungsangebote, die auf konkrete Nachfragen und den aktuellen Informationsbedarf der jeweiligen wissenschaftlichen Fachcommunity reagieren. Seither entwickeln sich die ehemaligen Sondersammelgebiete zu „Fachinformationsdiensten für die Wissenschaft“, die sich den regulären Prüfverfahren der DFG zur Förderung zu stellen haben: Im Dreijahresturnus müssen die Fachinformationsdienste ihre Leistungsfähigkeit im Dienst der Forschung unter Beweis stellen und die weitere Förderung beantragen.

Dem gleichen Antragsverfahren unterliegt das Kompetenzzentrum für die überregionale Lizenzierung elektronischer Publikationen, der Dienstleister für alle Fachinformationsdienste, der die Beschaffung und Bereitstellung kostenpflichtiger digitaler Medien koordiniert und unterstützt. Das Kompetenzzentrum wird von der Staatsbibliothek zu Berlin, der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen sowie der Bayerischen Staatsbibliothek München getragen.

 

 

"Andaman-Inseln - Fischfang mit Bogen." (um 1895), aus "Malerische Studien. Eine Reise um die Welt in 200 farbigen Photographien nach Naturaufnahmen", Leipzig: R. P. Koehler o.J. (1900); Bd. 2 | © bpk

Meeresbuffet – Versorgung und Ernährung aus dem Meer

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017.

 

Bevor sich erste Menschen mit selbstgebauten Booten auf das Meer wagten, oder vom Ufer aus mit Netzen, Reusen oder Speeren Fischfang betrieben, sammelten sie bereits an Land gespülte Gegenstände aber auch Muscheln und andere Schalentiere. Erste Funde in Terra Amata nahe Nizza konnten Archäologen auf ein Alter von ca. 400.000 Jahren datieren. Muschelhaufen aus späteren Epochen enthalten auch Steinwerkzeuge oder befinden sich in der Nähe von Feuerstellen, was eindeutig auf menschlichen Ursprung dieser Fundstellen schließen lässt. Strenggenommen handelt es sich hierbei meist um Abfallhaufen, durch deren Analyse heute weitreichende Rückschlüsse auf Lebensweise und Ernährung der Küstenbewohner gezogen werden können. Fundorte dieser historischen „Quellen“  – auch unter dem Fachbegriff „Kökkenmödding“ bekannt – sind in Europa vor allem an der Atlantikküste, aber auch auf allen anderen Kontinenten zu finden.

 

Maritimes Suchbeispiel Nr. 1:

Selbst mit dem sehr speziellen Fachbegriff „Kökkenmödding“, der aus dem Dänischen übersetzt so viel wie „Küchenmisthaufen“ bedeutet und sich vor allem auf prähistorische Überreste von Mahlzeiten aus Muscheln und anderen Meerestieren bezieht, lassen sich in unserer Literatursuchmaschine stabikat+ noch eine Vielzahl von Treffern ermitteln. Zum Suchbeispiel.

Doch irgendwann begnügten sich Jäger und Sammler nicht mehr mit dem, was ihnen das Meer eher zufällig vor die Füße spülte. Schritt für Schritt eroberten unsere Vorfahren Meere und Ozeane, indem sie sich anfangs mit einfachen Booten (Einbäumen) immer weiter von den Küsten entfernten, um ihren Lebensraum auszudehnen und ihren Speisezettel zu erweitern. Die ältesten Funde von gefangenen Hochseefischen stammen aus Osttimor und lassen sich auf ein Alter von 42.000 Jahren datieren. Zusammen mit den Gräten von Thunfischen, deren Fang aufgrund ihrer Größe Geschick und eine gewisse Planung voraussetzen, wurden dort in Höhlen auch Überreste von Angelzubehör entdeckt. Der bislang älteste Angelhaken – um 23.000 v. Chr. –  wurde aus der Schale einer Meeresschnecke hergestellt und hat eine Länge von vier Zentimetern. Der Fundort lässt auf eine Verwendung in Küstengewässern schließen.

Bilder-Atlas für Schüler : ein unterhaltendes Büchlein für jedermann. Bd. 3. 1870. SBB-PK (Signatur B XVIII 3b, 762-3) CC BY-NC-SA 3.0

Bilder-Atlas für Schüler : ein unterhaltendes Büchlein für jedermann. Bd. 3. 1870. SBB-PK (Signatur B XVIII 3b, 762-3) CC BY-NC-SA 3.0

Für die folgenden Jahrtausende nimmt die Zahl der Fundstücke stark zu, Angelhaken aus Knochen oder Horn überwiegen, es gibt aber auch Exemplare aus Feuerstein im Ostseeraum. Weitere Praktiken, Fische zur Strecke zu bringen, sind die Jagd mit Speeren und Harpunen, aber auch Stellzäune aus Haselruten oder Netze werden nicht nur an Binnengewässern genutzt. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass am Ende der Jungsteinzeit alle heute noch gebrauchten Geräte zum Fischfang in einer ersten Variante genutzt wurden.

Vor allem in Küstennähe fand eine Spezialisierung hin zum Fischfang statt. Im Einklang mit der Natur lebten Kulturen auf allen Kontinenten mit und vom Meer. Charakteristisch ist hier vor allem der Verzehr von frischem Fisch. Darüber hinaus werden aber auch Gebrauchs- und Kunstgegenstände aus Meeresprodukten hergestellt und gehandelt.

 

Maritimes Suchbeispiel Nr. 2:

In den Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek finden sich unzählige Beispiele mit Beschreibungen und historischen Darstellungen von Meerestieren oder Fischfang. Gerade für ältere Literatur eine Fundgrube. Zum Suchbeispiel.

 

Erst die Erfindung von Konservierungsmethoden wie Trocknen oder Einsalzen ermöglichten die Verbreitung von Meeresfischen auch im Landesinneren. Wenn diese Praktiken heute auch vielerorts als veraltet gelten, so haben sich doch zahlreiche regionale Spezialitäten aus dieser Zeit erhalten, wie z.B. Stock- oder Klippfisch.
Mit der verbesserten Haltbarmachung wuchs auch die Nachfrage nach der Nahrung aus dem Meer. Fischer blieben länger auf See, um größere Fangmengen zu erhalten. Zu diesem Zweck wurden die sogenannten „well-smack“ Boote entwickelt, die einen durch fließendes Meerwasser gefüllten Tank an Bord hatten, der es ermöglichte, den Fang über einen längeren Zeitraum lebend zu transportieren.

 

Maritimes Suchbeispiel Nr. 3:

Auch zu diesem sehr speziellen Suchbegriff „well-smack“ finden Sie interessante Treffer in unserer Literatursuchmaschine stabikat+. Zum Suchbeispiel.

 

Mit der Industriellen Revolution erhöhte sich der Fischbedarf noch weiter, der Ausbau von Straßen- und Schienennetzen sowie die Erfindung der Dampfkraft trugen aber auch zu einer noch schnelleren Verbreitung der Waren bei.
Und auch im 20. Jahrhundert machte die technische Entwicklung keinen Halt. Stabilere, immer größere Schleppnetze, schwimmende Fischfabriken, die eine vollständige Verarbeitung des Fangs direkt an Bord ermöglichen, Echolotortung von Schwärmen, ausgedehnte Aquakulturen vor den Küsten, all das hat nicht mehr viel mit den ursprünglichen, naturnahen Praktiken unserer Vorfahren zu tun.

 

Great Yarmouth, Herring Fishing Fleet, circa 1936 | Britannica ImageQuest © Mirrorpix \ Universal Images Group

Great Yarmouth, Herring Fishing Fleet, circa 1936 | Britannica ImageQuest © Mirrorpix Universal Images Group

Eine Folge des auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter zunehmenden Hungers nach Meerestieren ist seit Jahrzehnten wahrzunehmen: Überfischung bedroht zahlreiche Arten der Meeresbewohner, darunter besonders die großen Raub- und Speisefische wie Hai, Schwert- und Thunfisch. Für die europäischen Fanggebiete galten bereits 2012 fast die Hälfte der Bestände als überfischt.

Durch strengere Fangquoten oder das Ausweisen von Schutzzonen versucht die Politik hier einzugreifen. Regionale Initiativen und Umweltorganisationen machen auf Überfischung und ihre Auswirkungen aufmerksam und bemühen sich, die Verbraucher mit ins Boot zu holen.
Greenpeace oder WWF informieren ausführlich auf ihren Webseiten und zeigen auf, was jeder Einzelne zur Lösung des Problems beitragen kann.

Mittlerweile besinnt man sich in vielen Küstenregionen wieder auf alte Traditionen und Methoden des Fischfangs. Hier stehen dann nicht mehr die hohen Erträge im Mittelpunkt sondern vielmehr die Bewahrung von Kulturgut und Brauchtum.

 

Vorschau: Die Überfischung ist nicht das einzige große Problem der Ozeane, auch Plastikteile im Meer gefährden das Ökosystem in bedrohlichem Maße. Lesen Sie  mehr zu diesem Thema im nächsten Beitrag!