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Matthias Brandt: “Raumpatrouille”, Lesung am 4. Oktober um 18 Uhr

“Raumpatrouille”

Lesung mit Matthias Brandt aus seinem ersten Buch
Einführung: Barbara Schneider-Kempf und André Schmitz

Mittwoch, 4. Oktober 2017
18 Uhr, Dietrich-Bonhoeffer-Saal, Haus Potsdamer Straße 33
Eintritt frei, um Anmeldung unter freunde@sbb.spk-berlin.de wird gebeten

 

Matthias Brandt: Raumpatrouille , Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Die Geschichten in Matthias Brandts erstem Buch sind literarische Reisen in einen Kosmos, den jeder kennt, der aber hier mit einem ganz besonderen Blick untersucht wird: der Kosmos der eigenen Kindheit. In diesem Fall einer Kindheit in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts in einer kleinen Stadt am Rhein, die damals Bundeshauptstadt war. Einer Kindheit, die bevölkert ist von einem manchmal bissigen Hund namens Gabor, von Herrn Vianden, mysteriösen Postboten, verschreckten Nonnen, kriegsbeschädigten Religionslehrern, einem netten Herrn Lübke von nebenan, bei dem es Kakao gibt und dem langsam die Worte ausgehen. Es gibt einen kauzigen Arbeitskollegen des Vaters, Herrn Wehner, einen Hausmeister und sogar einen Chauffeur, da der Vater gerade Bundeskanzler ist. Erzählt wird von komplizierten Fahrradausflügen, schwer bewachten Jahrmarktsbesuchen, monströsen Fußballniederlagen, skurrilen Arztbesuchen und von explodierenden und ebenso schnell wieder verlöschenden Leidenschaften wie z.B. dem Briefmarkensammeln. Nicht zuletzt wird von gleichermaßen geheimnisumwobenen wie geliebten Eltern berichtet und einer Kindheit, zu der neben dem Abenteuer und der Hochstapelei auch Phantasie, Gefahr und Einsamkeit gehören.

 

 

Matthias Brandt, geboren 1961 in Berlin als jüngster Sohn von Rut und Willy Brandt, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Er war an renommierten deutschsprachigen Theatern engagiert, darunter am Bayerischen Staatsschauspiel, Schauspielhaus Zürich und Schauspielhaus Bochum. In den letzten Jahren arbeitete er hauptsächlich vor der Kamera und als Hörbuchsprecher. Für seine Leistungen ist er vielfach ausgezeichnet worden.

Songs are unlike literature…

Kurz vor Ablauf der Frist hat Bob Dylan am 4. Juni 2017 in Los Angeles seine Nobelpreis-Lesung aufgezeichnet und damit alle Verpflichtungen erfüllt, die mit der Auszeichnung verbunden sind. Bob Dylan ist damit der 109. Träger des Literaturnobelpreises und gleichzeitig erste hauptberufliche Musiker, der mit der international bedeutendsten Ehrung für literarische Leistungen ausgezeichnet worden ist.

In seiner Lesung spricht Bob Dylan über seine musikalischen Wurzeln, die tief in den Genres Country, Western, Rock’n’Roll und Rhythm’n’Blues liegen, und über sein Idol Buddy Holly, den „elder brother“ und den „archetype“ gleichermaßen. Ein wenig hört man aus Dylans alter Stimme noch den Trotz und den Eigensinn des 17-jährigen Jungen aus Hibbing, Minnesota heraus, wenn er sich an die Anfänge erinnert:

„When I started writing my own songs, the folk lingo was the only vocabulary that I knew, and I used it.“

Neben seinen musikalischen Einflüssen reflektiert Bob Dylan in seiner Lesung aber vor allem über die Literatur, die ihn geprägt hat, und die – mal eher unterbewusst und mal ganz explizit – in seine Songtexte eingeflossen ist. Dazu zählt er die traditionellen Lektürestoffe der Oberschule, die er aufgesogen hat und die ihm schon früh „a way of looking at life and understanding of human nature, a standard to measure things by” gegeben haben.

Über diese Werke können Sie sich ausgiebig in den Beständen der Staatsbibliothek informieren – sei es über zahlreiche Ausgaben der Werke selbst oder über die reichlich vorhandene Forschungsliteratur bspw. zur Stoff- und Motivgeschichte oder zur Rezeption. Namentlich führt Dylan Abenteuergeschichten wie Miguel de Cervantes‘ große Ritterroman-Parodie Don Quijote an, die im Jahr 2002 von einhundert Schriftstellern zum besten Buch der Welt gekürt wurde, aber auch Sir Walter Scotts Historienroman über den Kreuzritter Sir Wilfred of Ivanhoe, die Geschichte des schiffbrüchigen Robinson Crusoe von Daniel Defoe, in der die Gattung der Robinsonaden ihren Ursprung hat, Jonathan Swifts Satire Gulliver‘s Travels, der als Jugendbuch weltberühmt wurde, und schließlich Charles Dickens‘ A Tale of Two Cities, in der die Lebensgeschichten von Dr. Manette und dessen Familie in den Wirren der Französischen Revolution und des noblen Londoner Eigenbrödlers Sidney Carson erzählt werden. Ganz besonders beeinflusst fühlt sich Bob Dylan aber von drei Werken der Weltliteratur:

 

Herman Melville: Moby Dick – “Quotable poetic phrases that can’t be beat.”

…ein Seefahrerroman voller biblischer Allegorien, antiker Mythen, britischer Legenden und zoologischer Exkurse zum Thema Walfang, der davon erzählt, wie unterschiedlich Menschen auf dieselben Erfahrungen reagieren, und den Dylan in verschiedenen seiner Songs – man denke etwa an „Bob Dylan’s 115th Dream“ aus dem 1965er Album Bringing It All Back Home – verarbeitet hat.

 

Erich Maria Remarque: All Quiet on the Western Front (Im Westen nichts Neues) – “This is a book where you lose your childhood”

…ein Roman über die grausamen Erlebnisse eines jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg, der als Antikriegsroman in die Weltliteratur eingegangen ist, und der Bob Dylan so tief erschüttert hat, dass er nach der Lektüre “never wanted to read another war novel again – and I never did.“ Dylan sieht hier erzählerisch eine Parallele zu Charlie Poole (1892–1931), einem Songschreiber aus North Carolina, der ähnliche Kriegsschrecken in seinem Song “You ain’t talking to me” verarbeitet. Pooles Song hat Dylan übrigens erst in jüngerer Zeit zu einem eigenen Stück inspiriert: „Ain’t Talkin‘“, erschienen auf dem Album Modern Times (2006).

 

Homer: The Odyssey – “You too have come so far and have been so far blown back.”

…eine der einflussreichsten Dichtungen der Welt über die Irrfahrten des Odysseus, die den Stoff für zahlreiche Bearbeitungen gab und, wohlgemerkt, vom wiederum gleichsam mythischen Dichter Homer einem Sänger in den Mund gelegt wurde. Auch einige der berühmtesten Countrysongs rekurrieren auf den Stoff, darunter „Homeward Bound“ von Simon & Garfunkel, Curly Putmans „Green Green Grass of Home“ über den Heimattraum eines Mannes in der Nacht vor seiner Hinrichtung, das durch Interpreten wie Tom Jones und Elvis Presley internationale Erfolge feierte, und „Home on the Range“, dessen Textgrundlage ein Gedicht des Heimatsuchenden Brewster M. Higley ist.

 

And you want your songs to sound good…

Dylan erläutert, er müsse ein Werk nicht verstehen, um sich davon beeinflussen zu lassen. Es muss ihn aber emotional bewegen. Als Beispiel führt er eine Zeile des vielfach als rätselhaft geltenden englischen „metaphysical poet“ John Donne (1572–1631) an und kommentiert: „ I don’t know what it means, either. But it sounds good. And you want your songs to sound good.”

Für Bob Dylan sind Songs nicht wie Literatur. Warum hat er dann den Nobelpreis für Literatur bekommen, könnte man fragen. Kritikerstimmen waren zur Genüge zu hören. Oder wieso hat er den Preis nach fast zweiwöchiger Funkstille angenommen? – Weil Songs mehr sind als Literatur, so wie Shakespeares Theaterstücke mehr sind als Texte. Sie müssen gesungen, gespielt, aufgeführt werden: “But songs are unlike literature, they meant to be sung, not read. The words in Shakespeare’s plays were meant to be acted on the stage, just as lyrics in songs are meant to be sung, not read on a page.”

“And I hope some of you get the chance to listen to these lyrics the way they were intended to be heard: in concert or on record or however people are listening to songs these days”

In diesem Sinne ist auch die Nobelpreis-Lesung von Bob Dylan mehr: Man muss sie anhören und dem Klang von Dylans Stimme lauschen…

Marcel Beyer – Buchpremiere von “Das blindgeweinte Jahrhundert” am 3. April um 18 Uhr

Buchpremiere: Das blindgeweinte Jahrhundert von Marcel Beyer, Büchner-Preisträger 2016

Lesung mit Marcel Beyer
Einführung: Barbara Schneider-Kempf, Thomas Sparr
Moderation: Jens Bisky

Montag, 3. April 2017
18 Uhr, Simón-Bolívar-Saal, Haus Potsdamer Straße 33
Eintritt frei, um Anmeldung wird unter freunde@sbb.spk-Berlin.de gebeten

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag

 

Cover von Marcel Beyer “Das blindgeweinte Jahrhundert” Suhrkamp Verlag 2017

Ist Literatur nach dem 20. Jahrhundert, in dem der Tod ein Meister aus Deutschland geworden ist, noch möglich? Welcher Verfahren hat sich solche Literatur zu bedienen? Diese Fragen verfolgt Marcel Beyer, Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2016, in seinen poetischen Untersuchungen, und er hat eine ebenso knappe wie weitreichende Antwort parat: durch Detailarbeit am Material der Realität wie der Literatur.

Seine poetische Bilanz ist weit entfernt von jeder Regelpoetik oder den Creative-Writing-Ratschlägen: Eine Literatur ohne Reflexion auf deren Entstehung und zeitgenössische Tendenzen ist nicht zu haben. Für seine Leser ermutigend: Dieser Autor beherrscht solche Forderungen der Vergangenheit und der Jetztzeit mit Nachdruck und dem notwendigen Spiel.

Marcel Beyer, geboren 1965, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen; 1992 Magister artium mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker. Der Autor erhielt zahlreiche Preise; bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig.