Beiträge für Forschung und Kultur

Im SPK-Magazin zur Einheit: Die Freiheit, jedes Buch lesen zu können

Das neue SPK-Magazin erscheint anlässlich des 25. Jubiläums der Wiedervereinigung der Sammlungen des preußischen Kulturbesitzes. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die historischen Ereignisse miterlebt haben, erzählen darin ihre Geschichte. Günter Baron berichtet über die ‘wunderbar anarchische Zeit’ in den Tagen nach dem Mauerfall in der Staatsbibliothek Peußischer Kulturbesitz Berlin, heute Haus Potsdamer Straße der vereinigten Staatsbibliothek.

Das SPK-Magazin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz


 

Günter Baron

Geboren 1938 in Neudeck in Schlesien

Von 1979–2001 Ständiger Vertreter des Generaldirektors der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin (West), ab 1992 der vereinigten Staatsbibliothek zu Berlin.

 

Als die Wende kam, war zunächst einmal nur Überwältigung da. Und zwar eine allgemeine, eine politische Überwältigung: Dass auf einmal Realität wird, woran ich zwar geglaubt hatte, aber nicht, dass ich es selbst noch erleben würde! Am Tag nach der Maueröffnung ging ich abends von der Villa von der Heydt den Landwehrkanal entlang zur Staatsbibliothek und überholte ein Ehepaar. Die beiden machten den Eindruck, als hätten sie sich verirrt. Ich habe sie angesprochen und tatsächlich: Sie stammten aus Halle und waren mit ihrem kleinen Kind nach Berlin gekommen, um das Gefühl der Freiheit auf dem Kudamm zu erleben. Sie waren aber zunächst in einer Neuköllner Kneipe gelandet, hatten dort ihr Kind in Verwahrung gegeben und sind dann zu Fuß von Neukölln zum Kurfürsten-damm gelaufen und waren jetzt auf dem Rückweg. Ich habe sie mitgenommen bis zur Staatsbibliothek und dann sind wir in meinem Auto nach Neukölln gefahren, um ihr Kind abzuholen. Das war das erste persönliche Erlebnis: Leute kommen aus Halle nach Berlin, nur um einmal über den Kurfürstendamm zu spazieren!

Zwei, drei Tage später schon setzte der Ansturm in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße ein. Bis zu 300 Besucher „aus dem Osten“ standen morgens vor dem Haus. Wenn der Hausmeister um 9 Uhr die Eingangstüren öffnete, schallte der Ruf durch die große Eingangshalle: Achtung, sie kommen! Und dann trat er beiseite und das Volk stürmte herein. Wir mussten uns schnell über-legen, wie wir mit all diesen Menschen umgehen. Wir haben dann eine Extra-Erstauskunft in der Eingangshalle eingerichtet, um die immer wieder gestellten Fragen zu beantworten: „Wie kann ich die Bibliothek benutzen?“ „Darf ich denn hier einfach rein?“ „Kann ich jedes Buch bekommen?“ Das waren die Leute aus den Bibliotheken der DDR nicht gewohnt. Dieses Erlebnis, Selbstverständliches zu sagen, aus unserer Sicht Selbstverständliches, das war überwältigend: „Ja, Sie können hier einfach durchgehen.“ „Ja, Sie können in den Lesesaal gehen, da stehen 160.000 Bände aus allen Fachgebieten frei zugänglich aufgestellt.“ „Ja, Sie können an die Regale gehen und sich aussuchen, was Sie wollen.“ „Wenn Sie Bücher ausleihen wollen, können Sie sich da drüben eine Benutzerkarte ausstellen lassen; Ausleihbeschränkungen gibt es nur aus konservatorischen Gründen, dann bekommen Sie das Buch nur im Lesesaal ausgehändigt.“ Häufig war fast ungläubiges Staunen zu bemerken, dass die Einsicht in alle vorhandenen Bücher ohne spezielle „Berechtigung“ möglich war. Man hat da erst gemerkt, was Informationsfreiheit bedeutet. Ich habe an dieser Erstauskunftsstelle natürlich auch gesessen. Und auch der Generaldirektor Richard Landwehrmeyer. Nach telefonischer Absprache mit dem Präsidenten Professor Werner Knopp hatten wir das „Wohnsitzprinzip“ West-Berlin für die Buch-Ausleihe aufgehoben. Jeder, der einen Personalausweis vorlegte, egal ob aus dem Osten oder Westen, konnte Bücher ausleihen, und bis Ende Februar 1990 hatten wir 8.000 neu eingetragene Benutzer. Die ja nur vom Stiftungsrat zu beschließende Benutzungsordnung wurde erst viel später geändert: Es war eben in vielen Bereichen eine wunderbar anarchische Zeit.

An eine Wiedervereinigung mit der Deutschen Staatsbibliothek Unter den Linden haben wir zunächst gar nicht gedacht. Im Vordergrund stand die praktische bibliothekarische Zusammenarbeit und die kam auch sehr schnell und unbürokratisch in Gang. Dann haben wir Pläne für eine Konföderation der beiden Bibliotheken durch ein Verwaltungsabkommen gemacht. Doch nach und nach wurde immer deutlicher, dass es zu einer echten Wiedervereinigung der beiden Nachfolgeeinrichtungen der 1945 untergegangenen Preußischen Staatsbibliothek kommen würde, einer „Bibliothek in zwei Häusern“.

Wir waren in der Generaldirektion davon überzeugt: Damit wir schnell wirklich eine Bibliothek werden können, müssen wir die Mitarbeiterschaft mischen, um das kollegiale Miteinander zu erleichtern. Aber leider kam dann die Bestimmung, dass die Bezahlung unterschiedlich sein würde, daran scheiterte dieser Plan. Und dadurch verfestigte sich auch das Eigenbewusstsein der beiden Häuser wieder. Um die Konzeption für die „Bibliothek in zwei Häusern“ ist hart und insbesondere auf westlicher Seite sogar polemisch gerungen worden. Als es darum ging, die Bestände und Abteilungen zu vereinigen und historische Literatur von der Potsdamer Straße ins Haus Unter den Linden zu überführen, gab es von einigen Gruppen große Widerstände. Es gab Flugblätter gegen die Generaldirektion, aber letztendlich bestätigte der Stiftungsrat die Konzeption der Historischen Forschungsbibliothek Unter den Linden und der Modernen Forschungsbibliothek an der Potsdamer Straße. — AS

Schwarz auf weiß: h-Moll-Messe ist UNESCO-Weltdokumentenerbe

Im Oktober 2015 hatten wir  bereits informiert, am 5. Dezember 2015 die wertvolle Partitur (zusammen mit unseren Luther-Weltdokumentenerbeschätzen) in der Öffentlichkeit präsentiert, jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Die Urkunde der UNESCO über die Aufnahme der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach in das Weltdokumentenerbe-Register liegt vor!

Die Originalhandschrift der h-Moll-Messe, BWV 232, ist Teil der umfassenden Sammlung von Bach-Autographen in der Staatsbibliothek zu Berlin. Sie steht vollständig digitalisiert und offen zugänglich im Internet zur Verfügung: Werkansicht h-Moll-Messe. Die UNESCO würdigt das Werk als einen „Meilenstein der Musikgeschichte in Bezug auf Satztechnik, Wort-Ton-Verhältnis sowie auf ihre ästhetisch und theologisch durchdachte musikalische Gesamtform“, das „in nuce für die Kompositionskunst Bachs in Gänze“ stehe und auch 250 Jahre nach seiner Entstehung weiterhin Einfluss auf die Welt besitze.

Die Urkunde wird künftig im Haus Unter den Linden aufbewahrt, und zwar im Tresor direkt neben der Originalhandschrift.

“The Garland” – Faksimiles der Staatsbibliothek für die Preisträgerinnen und Preisträger des Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschulwettbewerbs

Der traditionsreiche Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschulwettbewerb, der von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen ausgelobt wird, fand in diesem Jahr vom 13. bis zum 17. Januar an der Universität der Künste Berlin statt. Insgesamt wurden Preisgelder in Höhe von über 50.000 Euro vergeben.
Im Rahmen eines Empfangs in der Villa von der Heydt, Sitz der Hauptverwaltung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, am Abend des 16. Januar 2016, übergab die Generaldirektorin der Staatsbibliothek, Barbara Schneider-Kempf, den Preisträgerinnen und Preisträgern Faksimiles einer Liederhandschrift von Felix Mendelssohn Bartholdy.
Im Frühjahr 2005 erwarb die Staatsbibliothek für ihre Musikabteilung beim Berliner Auktionshaus Stargardt das Autograph des Liedes „The Garland – By Celia’s arbour all the night“ (= Die Girlande von Celia’s Laube, die ganze Nacht hindurch) von Felix Mendelssohn Bartholdy. Zu diesem Lied besitzt die Bibliothek vier handschriftliche Quellen, denn es handelt sich um ein Werk, das Mendelssohn immer wieder überarbeitete – komponiert hatte er es 1829, zuletzt bearbeitet 1841.
Das Lied gehört keineswegs zu den Hauptwerken Mendelssohns, es ist eher eine kleine Gelegenheitskomposition. Das Lied entstand im Zusammenhang mit einer für den Komponisten durchaus wichtigen biographischen „Schaltstelle“, nämlich unmittelbar vor seinem ersten öffentlichen Auftritt in London 1829 mit der Philharmonic Society. Die hier faksimilierte Fassung wiederum ist eine Reinschrift, die er wenige Tage nach der Erstkomposition angefertigt haben muss und die er der Tochter bzw. Nichte der beiden wichtigsten Männer des Orchesters, der Altistin Marian Cramer, übergab. Heute würden wir diese Art der Kontaktpflege Networking nennen. Warum wir es aus dem großen Mendelssohn-Schatz für die Faksimile-Reihe ausgewählt hatten?
Zusammen mit dem auf dem Deckblatt abgebildeten Tintenfass – dieses wiederum ein Geschenk der Mitglieder eben jenes Orchesters – steht es für die bedeutende Londoner Zeit Felix Mendelssohn-Bartholdys, die Insel inspirierte ihn künstlerisch sehr stark.
Das Faksimile des optisch sehr ansprechenden Autographs einer zudem musikalisch hübschen Komposition kann für 5 € plus Versandkosten bei der Staatsbibliothek zu Berlin bestellt werden.

Die Mendelssohn-Sammlung der Staatsbibliothek