Beiträge für Forschung und Kultur

Ulrike Ottinger im Gespräch mit Viola König am 6.02., 16 Uhr

Wir laden Sie herzlich zu der Veranstaltung am 6. Februar um 16 Uhr ein:

Ulrike Ottinger im Gespräch mit Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums Berlin, über die Ausstellung Weltreise. Forster – Humboldt – Chamisso – Ottinger und das Reisen als Filmemacherin.

Veranstaltungsort ist der Simón-Bolívar-Saal in der Staatsbibliothek zu Berlin, Potsdamer Straße 33. Der Eintritt ist frei.

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Ausstellung Weltreise. Forster – Humboldt – Chamisso – Ottinger statt, die noch bis zum  27. Februar im Dietrich-Bonhoeffer-Saal in der Staatsbibliothek zu Berlin, Potsdamer Straße 33 zu sehen ist.

Die Ausstellung wird gefördert durch die

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“Ich reise, um zu verstehen. Wenn man sich anderen Kulturformen, anderen Vorstellungen nähern möchte, ist eine narrative Form weniger geeignet, da sie meist nur bestehende Konzepte aus der eigenen Perspektive und Kultur weiterführt. Mich interessiert vielmehr, dass sich ein genuines Interesse entwickelt und ein Austausch mit anderen Kulturen stattfindet.” Ulrike Ottinger

Mit Hanns Zischler auf Weltreise

Am 30. Januar war Hanns Zischler zu Gast in der Staatsbibliothek zu Berlin. Im Rahmen der Ausstellung Weltreise. Forster – Humboldt – Chamisso – Ottinger, die noch bis zum 27. Februar im Dietrich-Bonhoeffer-Saal im Haus Potsdamer Straße 33 zu sehen ist, las Hanns Zischler unter anderem aus Reisetexten von Georg Forster, Alexander von Humboldt und Adelbert von Chamisso. Den Auftakt der Lesung machte Zischler mit einer Passage aus Johann Gottfried Herders Journal meiner Reise im Jahr 1769, in dem der Philosoph schreibt: “Philosoph der Natur, das sollte dein Standpunkt seyn, mit dem Jünglinge, den du unterrichtest! Stelle dich mit ihm aufs weite Meer, und zeige ihm Fakta und Realitäten, und erkläre sie ihm nicht mit Worten, sondern laß ihn sich alles selbst erklären.”

Es folgten Ausschnitte aus Adelbert von Chamissos Peter Schlemihls wundersame Geschichte, aus Georg Forsters Reise um die Welt und aus einem Brief von Alexander von Humboldt an seinen Freund Carl Ludwig Willdenow. Zum Abschluss las Zischler ein Märchen, das Ulrike Ottinger 2014 während ihrer Reise verfasst hat und das den Titel Das Seeottermädchen trägt und von der Begegnung zwischen einem Seeottermädchen und einem Jäger handelt. (Das Märchen ist in Band 1 Chamissos Schatten der zweibändigen Ausstellungspublikation nachzulesen, die sie unter anderem im Ausstellungsshop für 39,90€ erwerben können.)

Wir bedanken uns bei Hanns Zischler für seinen lebendigen und mitreißenden Vortrag dieser unterschiedlichen Texte und damit für eine wunderbare Veranstaltung, an der mehr als 100 Gäste teilgenommen haben!

Vorschau: Am 6. Februar findet um 16 Uhr ein Gespräch zwischen der Künstlerin Ulrike Ottinger und Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums, im Simón-Bolívar-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße 33 statt.

Die Ausstellung wird gefördert durch die

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Candide und Wilhelmine: Spektakuläre Neuerwerbungen der Abteilung Historische Drucke

Als Voltaire den satirisch-philosophischen Roman Candide, Ou L’Optimisme schrieb, war er 64 Jahre alt. Aus Paris verbannt und schweren Konflikten mit kirchlichen und staatlichen Autoritäten ausgesetzt, war er zugleich der populärste Autor der französischen Aufklärung und ein wohlhabender Mann. In der turbulenten Handlung des Romans, einer Parodie damals beliebter Abenteuerromane, wird mit drastischem Realismus, sarkastischem Spott und weitherziger Anteilnahme “die beste aller Welten” in Frage gestellt. Das Werk ist voller Bezüge auf aktuelle Konflikte und Katastrophen: den Siebenjährigen Krieg, das Erdbeben von Lissabon, kirchliche Inquisition, Feudalherrschaft, Folter, Sklaverei … Entstanden während der Auseinandersetzungen um das Verbot der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert wurde es selbst Gegenstand der Zensur: Mit seinem Erscheinen war der Candide ein verbotenes Buch. Es stand im katholischen Frankreich ebenso auf dem Index wie im protestantischen Genf, eine Ausnahme bildete nur England. Trotzdem, besser gesagt: gerade deswegen, hatte der Candide in kürzester Zeit einen beispiellosen Erfolg.

1759 erschienen an mehreren Orten in Europa mindestens 17 verschiedene französische Drucke des umstrittenen Werks. Einige waren zweifellos Raubdrucke, andere jedoch wurden bewusst vom Verfasser und seinen Verlegern lanciert, um die Zensur zu unterlaufen und den Roman zu verbreiten.

Mit großzügiger Unterstützung des Vereins der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V. konnte die Abteilung Historische Drucke kürzlich 5 der 17 originalsprachlichen Ausgaben erwerben, darunter die tatsächliche Erstausgabe. Zusammen mit einem Band aus der Bibliothek Bruno Kaisers besitzt sie damit 6 französische Candide-Ausgaben von 1759: 4 mit 299 Seiten aus Genf, London und Frankreich, und 2 aus Paris mit 237 Seiten. 2 Ausgaben sind Kriegsverlust: ein französischer Druck mit 315 [i.e. 215] und ein Basler Druck mit 301 Seiten, beide mit den vorhandenen 6 also nicht identisch.

In keiner Ausgabe ist der Verfasser genannt, vielmehr wird das Werk als vermeintliche Übersetzung aus dem Deutschen eines “Mr. Le Docteur Ralph” ausgegeben. Ebenso wenig sind die (wirklichen) Erscheinungsorte, Drucker oder Verleger erwähnt.

Die rechtmäßigen Verleger des Candide waren die Frères Cramer in Genf, mit denen Voltaire eng zusammenarbeitete. Ihre Ausgabe ist in der Werk-Edition der Voltaire Foundation nach Seitenzahl und Erscheinungsort als 299 G (299 S., Genf) verzeichnet (OCV = Œuvres complètes de Voltaire, 48.1980, S. 86), Signatur in der SBB-PK: 50 MA 50944, Exemplar aus der Provenienz des englischen Malers George Clausen (1852-1944).

 

Voltaire war ein Autor, der seine Werke immer wieder überarbeitete. Dabei suchte der den Austausch mit Bekannten und Freunden und ließ handschriftliche Abschriften erstellen, die sich oft in Details unterschieden. Eine solche Kopie des Candide-Textes ist erhalten, das sogenannte “La Vallière Manuskript” aus dem Nachlass des Duc de La Vallière (1708-1780).

Und sogar nachdem der eigentliche Druckprozess schon abgeschlossen war, wünschte Voltaire noch Änderungen: In einigen Exemplaren der Erstausgabe 299 G – auch in unserem – ist am Schluss ein “Avis Au Relieur” enthalten, eine Anweisung an den Buchbinder, 8 Seiten bzw. 4 Blätter durch beigefügte “Cartons” (Austauschblätter) zu ersetzen.

Voltaire Avis

 

Besonders große Ähnlichkeit mit der Genfer Erstausgabe hat die erste englische Edition von John Nourse, zu dem die Cramers enge Geschäftsbeziehungen unterhielten: 299 L (299 Seiten, London).

 

Sogar die Titelvignette wurde kopiert:                                                                              

 

Candide_Vignetten_1

Das Verhältnis zwischen den Ausgaben gibt jedoch Rätsel auf: Denn Vergleiche mit dem La Vallière Manuskript und den Cartons ergeben, dass die Londoner Ausgaben (auch die 2. Edition, 299 La) frühere Versionen des Textes enthalten als die Erstausgabe der Cramers. (So steht auf S. 242 (Kapitel 25) noch der Abschnitt “Candide était affligé de ces discours, il respectait Homere, il aimait Milton. …” mit einer Anspielung auf die deutsche Poesie, den Voltaire offenbar im letzten Moment aus 299 G entfernen ließ, wahrscheinlich aus Rücksicht auf den dichtenden König in Sanssouci. In spätere Ausgaben hat Voltaire die Passage leicht abgemildert wieder aufgenommen.) Andererseits sind die Drucke im Satz nahezu identisch, sie können also nur nach einer gedruckten, 299 G sehr ähnlichen Vorlage gesetzt worden sein. (Dazu s. Barber, G.: Some early English editions of Voltaire. In: The British library journal. 4.1978,2, S. 106.)

 

Wie ist das zu erklären? Vieles spricht dafür, dass Voltaire und die Frères Cramer bereits Ende 1758 einen Probedruck an Nourse geschickt haben, nach dem dieser seine Ausgaben setzen ließ. Grund: die Zensur. Verfasser und Verleger expedierten die gefährliche Fracht vorab schon mal ins liberalere England, um die Veröffentlichung sicherzustellen, noch ehe ihre eigene Ausgabe ganz fertig war.

 

Ode Sur La Mort De Son Altesse Royale Madame La Markgrave De Bareith

Angebunden an die Erstausgabe des Candide ist ein besonders seltenes Stück: die Ode zum Tod von Wilhelmine Markgräfin von Brandenburg-Bayreuth, ebenfalls aus dem Jahr 1759. Wilhelmine war die Lieblingsschwester des preußischen Königs Friedrichs II. Sie war auch mit Voltaire gut befreundet. Auch die Ode auf Wilhelmine überarbeitete Voltaire mehrmals grundlegend. Als Reaktion auf das Verbot der Encyclopédie fügte er einen Epilog bei: Lettre à quelques Gens de Lettres, in späteren Ausgaben unter dem Titel Notes de Monsieur de Morza. Sogar Voltaire selbst hatte Bedenken, der Text mit heftigen Angriffen u.a. auf die Jesuiten könne zu scharf sein: “Der Epilog der Ode wird ordentlich Lärm machen. […] Es könnte eventuell nötig sein einige Stellen zu versüßen. Ich habe Sorge, zu viel Essig an den Salat gegeben zu haben.” (“J’ay peur d’avoir trop vinaigré la salade.” Brief an Gabriel Cramer vom 3.4.1759. In: OCV 104.1971, D8247)

Auch bei der Ode handelt es sich um die Erstausgabe. Hier sind Verfasser und (vermeintliche) Verleger auf der Titelseite genannt:

Voltaire Titel Ode

Bei einem Vergleich mit den Candide-Ausgaben aber kommt Erstaunliches zutage: Typen, Wasserzeichen und Vignetten stimmen nicht mit der Ausgabe der Frères Cramer, sondern mit 299 L, der ersten Londoner Candide-Ausgabe von Nourse überein.

Vignetten:

Candide_Ode_Vignetten

 

Wasserzeichen:

Ode …                                                                                      Candide, 299 L

 

Voltaire Wasserzeichen 1                                                       Voltaire Wasserzeichen 2

 

Tatsächlich dürfte es sich auch bei der Ode um einen Londoner Druck von Nourse handeln, der ihn nach Vorabdrucken der Cramers hergestellt hat. (Das hat erstmals Nicholas Marlowe entdeckt, vgl. Nicholas Marlowe Rare Books. List 3: The Candide conspiracy. London & Montpellier, 2015.) Dafür spricht auch, dass Exemplare dieser äußerst seltenen Ausgabe bisher ausschließlich in Großbritannien nachweisbar waren. Wahrscheinlicher Grund auch in diesem Fall: der “Essig” in Voltaires Text.

 

Ein eigenes Thema wäre die “Seconde Partie” zum Candide, ein apokryphes, ebenso klandestin wie sein Vorbild erschienenes Werk, das – in unterschiedlichen Editionen – an die 2. Londoner und  die 1. Pariser Ausgabe des Candide (299 La und 237 P) angebunden ist.

Dass das komplette “Set” der Candide-Drucke von 1759 mit 299 Seiten, dazu die erste in Frankreich gedruckte Ausgabe, die vermeintliche Fortsetzung, und als besonderes Rarissimum die Ode auf Friedrichs Schwester zusammen im Original erworben werden konnten, ist – auch in Hinblick auf das preußische Erbe – ein unschätzbarer Glücksfall für die Bibliothek und ihre Benutzer.

 

[Text von Ruth Weiß.]