Beiträge für Forschung und Kultur

Almost a dozen at one fell swoop – or: how to find “new” incunabula

The mission of the Gesamtkatalog der Wiegendrucke at Berlin State Library is to provide an in-depth bibliography of all existing incunabula (of which there are about 30.000). That might not seem very thrilling an occupation at first sight; our permanent task is to describe editions printed with moveable type in the 15th century, and to record as many of the c. 500.000 extant copies of incunabula as possible. This can be cumbersome and laborious. However, even the GW’s daily routines certainly have their highlights, one of which is the discovery of new incunabula. Weiterlesen

#50JahreGrundstein

Es gibt keinen Sekt – wir haben uns diesmal gegen einen Festakt mit geladenen Gästen entschieden. Und dies, obwohl das Jubiläum ein durchaus rundes ist! Heute genau vor fünfzig Jahren, am 10. Oktober 1967, fanden die Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung unseres Hauses Potsdamer Straße statt.

Die Grundsteinplatte in der Marmorhalle

Die Bauarbeiten selbst hatten bereits fünf Monate zuvor begonnen – und die Ausführungszeichnungen Scharouns waren zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht ganz fertig. Der Bundespräsident kam und auch der Bundesschatzminister. Aus der Rede Scharouns sind einige Worte überliefert. Für das Wirken des Bibliothekars wie des Architekten “gelte auch heute und an diesem Ort jenes fordernde Wort aus dem 19. Jahrhunder: ‘Bildung macht frei’.” Das gefällt uns auch 50 Jahre später noch.

Ganz bestimmt gab es damals Getränke und sicher auch einen Empfang. Wir haben uns aber im Jahr 2017 entschlossen, das Jubiläum zeitgemäß ausschließlich im virtuellen Raum des Internets zu begehen. Zu Ehren unseres nunmehr 50-jährigen Grundsteins haben wir ein kleines Geschenkpaket zusammengestellt.

Um allen wunderbaren Fotos vom Haus Potsdamer Straße, aber auch von unseren anderen Standorten, eine Plattform zu bieten, starten wir heute unsere Instagram-Präsenz. Lang erwartet, können Sie uns ab sofort unter der Adresse https://www.instagram.com/staatsbibliothek_zu_berlin/ finden. Kennzeichnen Sie Ihre eigenen Fotos von unseren Häusern mit #staatsbibliothekzuberlin, dann finden wir Sie auch!

Unser Haus Potsdamer Straße erhält von uns zum Jubiläum eine kleine Online-Ausstellung. ‘Das Bücherschiff am Kulturforum’ soll künftig vor allem Besucherinnen und Besuchern in der Eingangshalle einen ersten Überblick über das Haus und seine Bewohner vermitteln. Zu diesem Zweck werden wir in den kommenden Wochen einen kleinen Bereich der Eingangshalle umgestalten, um die Ausstellung auf einem Bildschirm präsentieren zu können. Wie praktisch: Da es sich um eine virtuelle Ausstellung handelt, müssen Sie nicht auf die Präsentation bei uns im Haus warten, sondern können sich gleich in der Ausstellung umsehen: Link zur Ausstellung.

Screenshot vom Ausstellungs- und Veranstaltungsportal

Die einfache Realisierung der virtuellen Ausstellung wäre nicht möglich gewesen ohne unser neues Ausstellungs- und Veranstaltungsportal, das ebenfalls heute an den Start geht. Florian Schwalenberg aus der Abteilung Informations- und Datenmanagement der Bibliothek hat es realisiert und wir hoffen, Ihnen dort künftig ein buntes Kaleidoskop sowohl von Ankündigungen realer Ausstellungen, als auch einen virtuellen Raum für Online-Ausstellungen präsentieren zu können. Hier geht es zum Ausstellungs- und Veranstaltungsportal.

Im Portal werden Sie künftig auch unsere Veranstaltungshinweise finden. In einer Übergangsfrist sind noch nicht alle Termine im praktischen Kalender zu finden, nutzen Sie für diese Zeit bitte auch die verlinkten Hinweisseiten.

@staatsbibliothek_zu_berlin jetzt auch auf Instagram

Ein Beitrag von Corinna Ricks, Janine Ganschinietz und Zora Steiner

Hinter den Kulissen und in den Lesesälen der Staatsbibliothek gibt es vieles zu entdecken und zu bestaunen.  Die architektonische Vielfalt unserer Gebäude, die Innengestaltung der Lesesäle und unsere besonderen Bestände bieten eine Vielzahl von Motiven. Vor diesem Hintergrund wollen wir jetzt einen weiteren Schritt in Richtung digitaler Kommunikation mit unseren Nutzern und Nutzerinnen gehen und sind ab sofort auch auf Instagram aktiv.

Wir geben bildliche Einblicke hinter die Kulissen des Bibliotheksbetriebs, zeigen architektonische Ansichten unserer Bibliotheksbauten oder eröffnen auch mal die Möglichkeit, die Bauarbeiten am Standort Unter den Linden mit zu verfolgen.

Nun können auch Sie Impressionen aus unserer Bibliothek mit uns und anderen Followern teilen. Um unseren Instagram-Start gebührend zu feiern, möchten wir Sie zudem zu einem kleinen Gewinnspiel einladen. Laden Sie zu Ehren unseres heutigen Jubiläums (#50JahreGrundstein Haus Potsdamer Straße) ein Bild von Ihrem Lieblingsplatz in oder vor unseren Standorten hoch und kennzeichnen Sie es mit #noplacelikestabi und @staatsbibliothek_zu_berlin, um eine Bibliotheks-Jahreskarte zu gewinnen. Die genauen Teilnahmebedingungen finden Sie unter: http://sbb.berlin/gewinnspielbedingungen

Schon jetzt finden sich unter dem Hashtag #staatsbibliothekzuberlin  viele wirklich eindrucksvolle Aufnahmen, die von unseren Leserinnen und Lesern gepostet wurden. Wir freuen uns, wenn Sie Ihre Bibliotheksfotos weiterhin mit diesem Hashtag versehen und sind gespannt  auf die Fortsetzung der gemeinsamen Bild-ungs-geschichte.

https://www.instagram.com/staatsbibliothek_zu_berlin/

Matthias Brandt liest aus “Raumpatrouille”

Am Abend des 4. Oktober 2017 las Matthias Brandt im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek aus seinem Buch “Raumpatrouille”. Einleitend führte ich aus:

Verehrter, lieber Herr Brandt,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde der Staatsbibliothek,
lieber André Schmitz,

in den kommenden Minuten werde ich etwas tun, was sich eigentlich nicht gehört, was man tunlichst unterlässt und was nicht überall gern gesehen ist: Ich begrüße den Sohn und spreche über den Vater. Aber Sie alle mögen mir dies bitte verzeihen, denn ich habe gar keine andere Wahl. Selbstverständlich, mir ist das Problem nur zu bewusst: die Söhne und Töchter großer Frauen und Männer wollen – und müssen – sich emanzipieren, sich durch eigene Leistung befreien aus der ‚Umklammerung‘; und vor allem die künstlerisch agierenden Söhne oder Töchter großer Eltern wollen Werke schaffen aus der Kraft der individuellen Autarkie heraus. Man will, sehr zu recht, als eigene, autonome Größe gelten und nicht über Jahrzehnte hinweg nur oder zumindest überwiegend über die Familienbande definiert werden.
Sehr geehrter Herr Brandt, ich verstehe dies. Doch verstehen Sie bitte auch mich, denn was ich nun gleich zitieren werde, ist zu ergreifend und zu authentisch und zu eng mit dieser Bibliothek verbunden, als dass es unausgesprochen lassen könnte.  Denn während Sie heute Abend im jüngeren der beiden großen Häuser der Berliner Staatsbibliothek zu Gast sind, war es Ihr Vater in den dreißiger Jahren in unserem Stammhaus Unter den Linden; und seine Schilderungen jener Tage möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, um damit zugleich Sie, lieber Herr Brandt, auf das Herzlichste zu begrüßen. Ihr Vater schrieb also in seinen autobiographischen Werken:

 

„Die zweite Hälfte des Jahres 1936 verbrachte ich in Berlin. Ich wohnte in Untermiete bei einer liebenswürdigen Frau Hamel am Kurfürstendamm 20, als norwegischer Student Gunnar Gaasland camoufliert und mit einem entsprechenden Paß versehen. Ich war gebeten worden, mich unserer Berliner Widerstands-Organisation zur Verfügung zu stellen, und ich bereute es nicht, die deutsche Wirklichkeit im ‚Dritten Reich‘ unmittelbar miterleben zu können. Jedoch will ich nicht verhehlen: ich war nicht frei von Furcht, als ich mit dem Nachtzug von Paris nach Berlin fuhr, oder vorher, als ich von Gedser nach Warnemünde eingereist war. Die Arbeit in Berlin, die sich immerhin auf mehrere hundert politische Freunde erstreckte, blieb in ihrer praktischen Wirksamkeit natürlich stark begrenzt.
Die große Stadt, der gegenüber ich früher eine Scheu empfunden hatte, kam mir jetzt sehr nahe. Ich begegnete prächtiger Gesinnungstreue bei manchen Berlinern, denen ich mich natürlich nicht offenbaren konnte, eine natürliche Hilfsbereitschaft und jene ‘Schnauze mit Herz’, die sich auch durch die Nazigrößen nicht unterkriegen ließ. Natürlich mußte ich sehr einfach leben, aber es machte Spaß herauszufinden, wo es mittags für wenig Geld reichlich zu essen gab. Die Vormittage in der Preußischen Staatsbibliothek und mancher Abend bei den Philharmonikern brachten mir viel Gewinn. (aus: Draußen. Schriften während der Emigration. München: Kindler 1966, S. 67-68)

~~~

Zu meiner Legalisierung gehörte, daß ich mich als Ausländer bei der Polizei zu melden hatte. Weiter, daß ich mir die Erlaubnis holte, in der Preußischen Staatsbibliothek arbeiten zu können. Weiter, daß ich mir einen Monatswechsel aus Norwegen als – billige – “Studienmark” überweisen ließ. Und nicht zuletzt, daß ich mich konsequent daran hielt, Deutsch mit norwegischem Akzent zu sprechen.
In der Staatsbibliothek war es nicht schwer, eine Karte für regelmäßigen Zugang zu erhalten, und ich arbeitete dort jeden Vormittag. Allerdings blieb für eigentliche Quellenarbeit zur Geschichte des vorigen Jahrhunderts nicht viel Zeit. Ich ließ mir vor allem die NS-Literatur von Hitler über Rosenberg bis Darré kommen und machte mir fleißig Auszüge. Damit gebe ich zu, daß ich zu den vielen gehörte, die Hitlers ‘Mein Kampf’ nicht gelesen hatten.“ (aus: Links und frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg: Hoffmann und Campe 1982, S. 174-175)

 

Lieber Herr Brandt, als ich heute Vormittag im Haus Unter den Linden der Staatsbibliothek war, sah ich in Gedanken Ihren Vater den Springbrunnen im Hof umrunden und auf den Eingang zusteuern… – 80 Jahre sind diese Vorkommnisse nun vergangen, und sie sind in all ihrer Tragik und Dramatik Teil der deutschen Geschichte, Teil unser aller Geschichte.
Heute sind Sie zu Gast in der Staatsbibliothek – und so fügt sich, um Ihren Vater ein letztes Mal zu zitieren, zusammen, was zusammen gehört. Ihnen allen wünsche ich einen anregenden Abend – vielen Dank und führen nun bitte Sie, lieber André Schmitz, uns inhaltlich in das Werk von Herrn Brandt ein! Vielen Dank.

Ausstellung „Gläubiges Staunen – Biblische Traditionen in der islamischen Welt“

nur noch bis 15. Oktober 2017

Im Tagesspiegel erschien jüngst unter dem Titel “Kaleidoskop der Kulturen” ein ausführlicher Beitrag über die Ausstellung “Gläubiges Staunen” der Staatsbibliothek zu Berlin:

 

Ausstellung im Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum
Bodestraße, 10178 Berlin
Besuchereingang über den Kolonnadenhof

Öffnungszeiten und Informationen zu Eintrittspreisen


Koptischer Papyruskodex mit den Sprüchen Salomos (Abschrift Ägypten, Ende 4. Jh., SBB-Orientabteilung, Ms. or. oct. 987) © Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-SANC 3.0

 

Anhand von herausragenden Handschriften zeigt die Ausstellung “Gläubiges Staunen” die Vielfalt der christlichen Traditionen im Vorderen Orient – von der Spätantike bis ins 19. Jahrhundert.

Bibelhandschriften jüdischer und orientalisch-christlicher Glaubensgemeinschaften werden gemeinsam mit islamischen Handschriften, die biblische Sujets reflektieren, präsentiert. Neben prächtig illuminierten armenischen Evangeliarien, syrischen Pergamentbibeln oder koptischen Papyri werden u.a. auch indische Miniaturen mit christlichen Motiven zu sehen sein.

Der kulturelle und künstlerische Austausch zwischen den unterschiedlichen religiösen Gemeinschaften war im östlichen Mittelmeerraum ein häufiges Phänomen. Die Bibel entstand im Orient – Judäa, Ägypten und Persien sind einige ihrer historischen Schauplätze. Der Islam wiederrum entstand in einem von Judentum und Christentum geprägten Umfeld; und der Koran bezieht sich an mehreren Stellen auf den biblischen Text und setzt diese Themen und Gestalten als bekannt voraus.

In der Ausstellung werden hochkarätige Handschriften aus den reichen Beständen der Orientabteilung der Staatsbibliothek für drei Monate mit islamischer Buchkunst aus der Privatsammlung Vollmer und dem Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin in Dialog treten. Anhand zahlreicher Beispiele werden so die Verbindungen zwischen christlicher und islamischer Buchkunst sichtbar: Die Illustrationen in manchen islamischen Bilderhandschriften haben nicht selten verblüffende Ähnlichkeiten mit zeitgenössischen christlichen Vorbildern aus byzantinischen, armenischen und syrischen Manuskripten, besonders aus illustrierten Bibeln. Umgekehrt reflektieren auch die christlichen Bibelhandschriften den jahrhundertelangen Kulturkontakt mit ihrer muslimischen Umwelt.

Die Ausstellung beginnt bei den Ursprüngen der Bibel mit hebräischen und griechischen Urtexten: Ein früher koptischer Kodex (4. Jh. n.Chr.) aus Ägypten mit den Sprüchen Salomos ist das älteste Objekt. Eine Besonderheit stellt eine samaritanische Tora dar, die an der Stelle des Aaronitischen Segens von den Küssen der Gläubigen dunkel gefärbt ist. Sehr seltene biblische Zeugnisse aus dem einstmals christlichen Nubien des 10./11. Jahrhunderts, die ersten jemals gefundenen Texte der nubisch-christlichen Kultur, werden zu sehen sein. Leuchtende Farben und eine direkte Bildsprache zeichnen die äthiopischen Pergamenthandschriften aus, Zeugen einer ungebrochenen tiefen Religiosität, die bis heute das christliche Äthiopien prägt. Für die reiche arabisch-christliche materielle und geistige Kultur stehen ein Evangeliar aus dem Palästina des 11. Jahrhunderts und ein wunderbar illuminiertes Prophetenbuch aus dem frühen 14. Jahrhundert. In den gezeigten muslimischen Handschriften treten vertraute biblische Gestalten und Geschichten gleichsam verändert auf und sind doch immer wiederzuerkennen. Den zahlreichen im Koran und anderen islamischen Überlieferungen zu findenden biblischen Gestalten sind etwa die Qiṣaṣ al-anbiyāʾ (Erzählungen von den Propheten) gewidmet. Die indischen Miniaturen mit zahlreichen Heiligen- und Madonnendarstellungen aus der Sammlung Vollmer zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung mit europäischer Kunst, die seit dem Ende des 16. Jahrhunderts zu beobachten ist.


Pressebilder: www.preussischer-kulturbesitz.de/newsroom/presse/pressebilder.html


Ausführliche Berichte über diese Ausstellung erschienen unter anderem hier:

14. Juli 2017, RBB Kulturradio / Kulturtermin, 5’20 min, Timecode 0:14

13. Juli 2017, Deutschlandfunk Kultur

14. Juli 2017, Deutsche Welle/Arabisches Programm Qantara

„Man empfindet Unruhe, wenn ein Tier irgendwo auftaucht.“

Am 11. September stellte der Kinderbuchautor und -illustrator Sebastian Meschenmoser im Rahmen des internationalen literaturfestals berlin sein neuestes Werk Die verflixten sieben Geißlein vor und sprach über seine Illustrationen zu der Neuübersetzung von Der Wind in den Weiden. Zu Beginn des Abends führte Carola Pohlmann, die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, ein kurzes Interview, in welchem Meschenmoser über seine Arbeit als Illustrator und Maler berichtete. Im Anschluss daran las Meschenmoser aus beiden Werken vor und begeisterte mit einigen Live-Zeichnungen.

Sebastian Meschenmoser: Die verflixten sieben Geißlein (2017)

Sebastian Meschenmoser: Die verflixten sieben Geißlein (2017). Mit frdl. Genehmigung des Thienemann-Esslinger Verlags.

Bereits in der Schulzeit stand für Sebastian Meschenmoser das Berufsziel „Kinderbuchillustrator“ fest. Beatrix Potter, Ernest Shepard und der Autor Roald Dahl hätten ihn seit seiner Kindheit fasziniert, bekannte er. Für das Studium der Freien Kunst entschloss er sich dann aufgrund der Überlegung, sich in dem Rahmen frei entfalten und gleichzeitig nebenbei an seinen Illustrationen arbeiten zu können. Heute trennt Meschenmoser klar zwischen beiden Tätigkeiten, der des Künstlers und der des Illustrators. Letztlich ergänze sich aber doch beides, räumte er ein.

Der Arbeitsprozess für einen neuen Band beginnt bei Sebastian Meschenmoser mit den Illustrationen, erst danach schreibt er die Texte zu seinen Geschichten. Lediglich bei Rotkäppchen hat keine Lust ging er in umgekehrter Reihenfolge vor. Das liege daran, erklärte Meschenmoser, dass er sich seine Geschichten in Form von Bildern ausdenke, und deswegen sei es auch nicht verwunderlich, dass seine Bilder mehr erzählen können als der Text selbst. Abschließend erfolge jeweils eine kritische Prüfung durch „Testkinder“, so bekomme er einen Eindruck, wie seine Arbeit aufgenommen werde.

Zu seinem Werk Gordon und Tapir erzählte der Künstler, dass es stark von seinen Erfahrungen in WGs zu Studienzeiten beeinflusst wurde. Er sei sich aber nicht sicher, ob er Pinguin oder Tapir sei. Meschenmoser zeichnet vorzugsweise Tiere, da Leser gegenüber diesen keine Vorurteile hätten oder anders ausgedrückt: „Niemand hat schlechte Erfahrungen mit Tapiren.“ Tiere faszinieren ihn auch deshalb, da man nicht wisse, was in ihnen vorgehe und es eine gewisse Urangst vor Tieren – auch speziell in Räumen – zu geben scheine: „Man empfindet Unruhe, wenn ein Tier irgendwo auftaucht.“ Während seines Studiums in Mainz betrieb Meschenmoser Tierstudien im Frankfurter Zoo. Als Protagonisten seiner Geschichten wählt er heute nach Möglichkeit Tiere aus, die dem Charakter der Figuren entsprechen. Sich selbst dagegen, so Meschenmoser, zeichne man eigentlich eher aus Versehen. In dem Band Die verflixten sieben Geißlein habe er dagegen durchaus Spielzeuge seiner eigenen Kindheit verarbeitet. Auch eine ganz bestimmte Palme, die im Laufe der Jahre mitgewachsen sei, finde sich in seinen Büchern immer wieder.

Der Wind in den Weiden / illustriert von Sebastian Meschenmoser. (2017)

Der Wind in den Weiden / illustriert von Sebastian Meschenmoser. (2017). Mit frdl. Genehmigung des NordSüd-Verlags.

Um sich für die von Sybil Gräfin Schönfeld neu übersetzte Ausgabe von Der Wind in den Weiden inspirieren zu lassen, suchte Meschenmoser nach Bildideen in früheren Ausgaben des Klassikers von Kenneth Grahame. Als Beispiel nannte er die eher düster wirkenden Illustrationen Robert Ingpens. Meschenmoser hingegen wollte eine eher leichte Seite der Geschichte hervorheben.

Das Besondere an diesem Werk liegt im Wechsel zwischen Öl und Aquarell. Jedes Kapitel ist mit jeweils einem Ölbild sowie einigen Aquarellen ausgestattet. Meschenmoser erklärte, dass er die Leser dadurch bewusst irritieren wolle, um die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Als eine Art Testlauf betrachtete er insofern den Band Herr Eichhorn und der König des Waldes, in dem er erstmals einige Ölbilder verwendete. Eine spezielle Schwierigkeit, Grahames Roman zu illustrieren, habe darin bestanden, das Verhältnis Tier-Mensch-Tier umzusetzen, da es neben den Tieren als Charaktere auch Nutztiere gab und es galt, diesen Unterschied auch bildlich klarzumachen.

Sebastian Meschenmoser zeichnet Kröterich zur Lesung von Carola Pohlmann.

Das abschließende Highlight des Abends waren die Live-Zeichnungen von Kröterich und von Herrn Dachs, die Sebastian Meschenmoser anfertigte, während Carola Pohlmann aus dem Kapitel „Kröterichs Abenteuer“ vorlas. Besonders Kröterich hatte es Sebastian Meschenmoser während der Arbeit an den Illustrationen angetan, da er interessant zu zeichnen war. Ein besonderes Merkmal von Herrn Dachs ist sein Rauschebart, der sehr an Harry Rowohlt erinnert, was der Künstler dadurch erklärte, dass er während seiner Arbeit stets dem Hörbuch zu Der Wind in den Weiden gelauscht habe. Sprecher: Harry Rowohlt.

 

Text: Salome Berhanu

20 Jahre Zeitungsabteilung im Westhafen

Heute vor 20 Jahren, am Montag, dem 22. September 1997, öffnete erstmals der Lesesaal der Zeitungsabteilung im Berliner Westhafen. Die provisorische Unterbringung in einem eigens zu diesem Zweck umgebauten ehemaligen Getreidespeicher war notwendig geworden, um das Haus Unter den Linden umfassend sanieren und restaurieren zu können.

Mit einem Bestand von mehr als 200.000 Originalbänden und über 250.000 Mikroformen, bei  aktuell 280 laufenden Zeitungsabonnements (davon 155 aus dem Ausland) ist die Zeitungssammlung der Staatsbibliothek zu Berlin die größte ihrer Art in Deutschland. Während viele Bibliotheken in den letzten Jahrzehnten aus Platz- und Kostenersparnisgründen Zeitungsbände ausgeschieden und laufende Abonnements gekündigt haben, konnte die Abteilung ihre Sammlung vor allem durch Schenkungen und Bestandsübernahmen von anderen Einrichtungen sinnvoll ergänzen und erweitern. So verwundert es nicht, dass viele historische, deutschsprachige Zeitungen im gedruckten Original nur noch in der Staatsbibliothek vorhanden sind, die – aller Digitalisierung zum Trotz – vor allem von Forschungseinrichtungen, Museen und Gedenkstätten für hochwertige Reproduktionen sehr stark nachgefragt und genutzt werden.

Die mit nur 14 MitarbeiterInnen vergleichsweise kleine Abteilung zählt aber mit über 4.500 aktiven Lesern, durchschnittlich 21.000 in den Lesesaal bereitgestellten Medien pro Jahr, über 1.000 positiv bearbeiteten Fernleihbestellungen und mehr als 2.500 beantworteten mündlichen und schriftlichen Anfragen pro Jahr zu den gefragtesten in der Nutzung der archivierten Materialien. Das aus den Beständen der Zeitungsabteilung digitalisierte historische „Berliner Tageblatt, 1878-1928“ ist im europäischen Portal „Europeana Newspapers“ die mit Abstand am stärksten genutzte elektronische Ressource in diesem Portal überhaupt.

Wenn die Abteilung im Jahr 2019 endlich in die neuen Räume im Haus Unter den Linden ziehen wird, wird damit für Viele ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung gehen, nur Einige werden vielleicht die Ruhe und Abgeschiedenheit des Westhafens vermissen.

Neu im VD 17: Buchbestand der St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen

Weiteres Projekt zur Erfassung kleinerer Bibliotheksbestände in der VD 17-Datenbank erfolgreich abgeschlossen! Nochmals 185 Nova gefunden!

Ein Beitrag von Friederike Willasch.

Emblematische Darstellung von Bibelsprüchen in einem Gebetbuch von 1692. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Interesse von Bibliotheken und Institutionen an einem Nachweis ihrer Bestände im „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts“ (VD 17) ist groß – gerade auch bei kleineren Sammlungen. Die Staatsbibliothek zu Berlin als eine der VD 17-Trägerbibliotheken übernimmt immer wieder die Verzeichnung, wie etwa 2015 für die St. Nikolai-Kirchenbibliothek Spandau. Aktuell hat die Abteilung Historische Drucke die einschlägigen Bibliotheksbestände der St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen komplett im VD 17 erfasst. Und auch darunter befanden sich Drucke, die bisher nicht im VD 17 nachgewiesen waren.

Die Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf

Im Jahr 1737 wurde die St. Bartholomäuskirche zu Röhrsdorf im barocken Stil neu gebaut und 1750 zusätzlich aufgestockt, um Platz für ein Archiv und eine Bibliothek zu schaffen. Unterstützt wurde die Kirche dabei von ihrem Patronatsherrn Johann August von Ponickau (1718-1802). Er schenkte der Kirche 200 Bände theologischen Inhalts aus seiner Privatbibliothek, die zu einem Fundament des Bibliotheksbestandes wurden.

Die Bestände der Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf konnten außerdem durch Schenkungen und Nachlässe der ansässigen Pfarrer weiter wachsen. So stiftete zum Beispiel der Pfarrer Theodor Wilhelm Schmidt (1704–1779) der Bibliothek neben seiner Sammlung 100 Taler, deren Zinsen zur Anschaffung neuer Bücher verwendet werden sollten.

Der jetzt in der VD 17-Datenbank nachgewiesene Bestand der Kirchenbibliothek beläuft sich auf 1.570 Titel. Es handelt sich zu einem überwiegenden Teil um Dissertationen, von denen – kaum überraschend – ca. 70% theologische Dissertationen sind. Daneben finden sich insbesondere Funeralschriften wie Leichenpredigten, die auch im „Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften“ – herausgegeben von Rudolf Lenz – erfasst wurden. Eine große Anzahl der Leichenpredigten ist dabei Adeligen gewidmet und kann Einblicke in die Geschichte einiger sächsischer Adelsfamilien geben. Andere Gelegenheitsschriften des Bestandes wurden anlässlich von Festen und Einladungen, Einweihungen oder Amtsantritten angefertigt. Weitere typische Gattungen des Bestandes sind theologische Kommentare und Streitschriften, Gebet- oder Gesangbücher, darüber hinaus Predigten.

Interessant sind besonders die 185 bisher noch nicht im VD 17 nachgewiesenen Drucke, die – soweit konservatorisch möglich – durch die Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen des noch bis 2018 laufenden VD 17-Unika Projekts digitalisiert werden konnten. Sie stehen der Forschung jetzt über die Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zur Verfügung. Auch unter diesen Nova, die etwa 12% des VD 17-Bestandes der Kirchenbibliothek ausmachen, finden sich überwiegend Dissertationen und viele Gelegenheitsschriften. Bemerkenswert ist aber, dass ca. 40% der im Bestand vorhandenen Gebet- und Gesangbücher erstmalig im VD 17 verzeichnet werden konnten.

Bücher aus dem Besitz der Familie von Ponickau

Charakteristisch für viele Bände aus der Kirchenbibliothek ist die auffällige Prägung des Schriftzuges „Der Kirche zu Roehrsdorff“ auf dem vorderen Buchdeckel. Einige Bücher liefern darüber hinaus Hinweise auf ihre Vorbesitzer, wie handschriftliche Vermerke oder Supralibros. Allein der einstige Patronatsherr der Kirche, Johann August von Ponikau, hinterließ solche Spuren in 9 Exemplaren. Auf dem Titelblatt eines Gebet- und Andachtsbuches findet sich unten rechts – fast unbemerkt neben dem auffälligen schwarz-roten Titel – sein handschriftlicher Namenszug „J A v Ponicau“.

Namenszug von Johann August von Ponickau in einem Gebetbuch von 1700. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Johann August von Ponickau stammte aus einem sächsischen Adelsgeschlecht und war Hofrat des Herzogs Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg, bevor er nach dem Tod seines Vaters zunächst auf den Familienbesitz Klipphausen in der Nähe von Röhrsdorf zurückkehrte und später nach Dresden umzog. Am kursächsischen Hof in Dresden war der bibliophile Adelige überaus geschätzt und erhielt 1751 den Titel eines Geheimen Kriegsrats. Dank eines beachtlichen Erbes konnte Johann August von Ponickau eine ansehnliche Büchersammlung mit ca. 14.000 Bänden aufbauen, die er katalogisieren ließ und deren Benutzung er für wissenschaftliche Studien gestattete. Sein Interesse galt vor allem der sächsischen Geschichte.

Eine fast vollständige Erblindung und der Mangel an eigenen Nachkommen veranlassten ihn, nach einer geeigneten Unterbringung für seine Sammlung zu suchen. Neben der Stiftung an die Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf überließ er den Großteil seiner Privatbibliothek deshalb 1789 der Universität Wittenberg. Dort überstand sie Anfang des 19. Jahrhunderts zunächst unsichere Zeiten, als napoleonische Truppen die Stadt Wittenberg besetzten und die Universitätsbibliothek überstürzt geräumt werden musste. Eine Verlegung des Bestandes nach Dresden gelang nicht rechtzeitig vor Beginn der Befreiungskriege 1813, sodass die Ponickau-Sammlung zwischengelagert werden musste und erst nach dem Krieg wieder zurück nach Wittenberg gebracht werden konnte. Mit den folgenden territorialen Verschiebungen wurde auch der Verbleib der Ponickau-Sammlung neu geregelt. Da die Universitäten in Wittenberg und Halle zusammengelegt wurden, zog die Ponickau-Sammlung nach Halle um und ist dort heute als Sondersammlung Bibliotheca Ponickaviana ein bedeutender Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt.

Namenszug von Johanna Sophia von Ponickau in einem Spener’schen Gebetbuch. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Durch die Provenienzangaben ist der Bestand der Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf auch Ausdruck ponickauischer Familiengeschichte. Denn Besitzvermerke in etwa 70 Exemplaren – manchmal sind sogar mehrere Vorbesitzer zu identifizieren – weisen auf die verwandtschaftlichen Verzweigungen der Familie von Ponickau mit der sächsisch-meißnischen Adelsfamilie von Miltitz und mit der Familie von Löschbrandt hin. So vermerkte zum Beispiel Johanna Sophia von Ponickau, eine Tante Johann Augusts, die 1701 in die Familie von Miltitz einheiratete, ihren Namen handschriftlich in einem mit Goldschnitt und verzierten Schließen versehenen Gebetbuch. Die evangelischen Gebetbücher dienten der privaten Erbauung, was auch eine Erklärung dafür sein kann, dass etwa ein Viertel dieser Besitzvermerke aus dem Umfeld der Familie von Ponickau in Gebetbüchern auftritt. Diese Bücher waren für den Gebrauch bestimmt und überdauerten daher nicht immer Jahrhunderte. Eine vollständige Erfassung aller Ausgaben aus dem 17. Jahrhundert ist kaum möglich und jeder Nachweis ein Gewinn.

Ein Kooperationsprojekt wie dieses lebt von guter Zusammenarbeit und Unterstützung vor Ort: Unser Dank gilt Pfarrer Christoph Rechenberg und Holger Reichmann, die mit ihrem Engagement und den geleisteten Vorarbeiten dieses Projekt erst möglich gemacht haben.

Embleme christlicher Tugenden in Johann Arndts Paradiesgärtlein (1686). Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Heinz Mack – ein großartiger neuer Träger der Moses-Mendelssohn-Medaille

Seit 1993 wird die Moses Mendelssohn Medaille an verdienstvolle Persönlichkeiten verliehen, die sich im Sinne und in der Tradition des Denkens von Moses Mendelssohn für Toleranz und Völkerverständigung und gegen Fremdenfeindlichkeit engagiert haben. Die mit der Medaille geehrten Persönlichkeiten stehen in ihrem Wirken mit den Zielen des Moses Mendelssohn Zentrum und der Staatsbibliothek in Übereinstimmung und fördern mit ihrem Engagement die Verbreitung des Toleranzgedanken in der Gesellschaft.

Am Abend des 6. September verliehen – im Otto Braun-Saal des Hauses am Kulturforum – Professor Dr. Julius H. Schoeps, Vorstandsvorsitzender der Moses Mendelssohn-Stiftung und ich gemeinsam die Moses Mendelssohn Medaille an den Künstler und Mitbegründer der Gruppe ZERO. Die Laudatio übernahm Professor Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Landschaftsversammlung und des Landschaftsausschusses des Landesverbandes Rheinland.

In meiner Begrüßung der Gäste führte ich aus:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

lieber Herr Professor Schoeps,

verehrter Herr Mack, sehr geehrter Herr Professor Wilhelm,

liebe Freundinnen und Freunde der Staatsbibliothek,

 

Wir ehren heute Abend Heinz Mack und zwar vor dem Hintergrund der Erinnerung an Moses Mendelssohn. Wer mit der Moses Mendelssohn Medaille ausgezeichnet wird, muß sich verdient gemacht haben mit einem Engagement, das einen gesellschaftspolitischen Mehrwert besitzt. Und eben dies zeichnet viele Werke von Heinz Mack, deren Kennzeichen zunächst die Abstraktion der Formensprache ist, aus: ihre gedankliche Verwurzelung im Politischen, in der so schwierigen deutschen Geschichte. Ich möchte dies, meine Damen und Herren, an einem einzigen Beispiel ganz konkret verdeutlichen und Ihnen – Professor Wilhelm als Laudator wird dies in weitaus größerer Breite und Tiefe unternehmen – auch von meiner Seite aus zu beweisen versuchen, warum Heinz Mack ein sehr verdienter Träger unserer heute zu vergebenden Auszeichnung ist.

In der Innenstadt von Düsseldorf erinnerte die nach dem Krieg neuentstandene Berliner Allee an das Schicksal Berlins seit den Jahren der Luftbrücke und der Teilung der Stadt – und gleich benachbart befand sich der „Platz der Deutschen Einheit“ – verkehrumtost, zugig und ohne rechten ‚Ankerpunkt‘. Das Bekenntnis zur deutschen Einheit war in den achtziger Jahren ohnehin unmodisch geworden; eher floskelhaft wurde der politische Anspruch an die Wiedervereinigung aufrechterhalten, aber eine Verwirklichung schien unsagbar fern. Heinz Mack aber nahm sich der Herausforderung an und schuf einen Wasserbrunnen, eine der bis heute bedeutendsten Skulpturen in der an Kunst nicht eben armen Stadt Düsseldorf. Es geht um drei hintereinander stehende große Dreiecke aus Aluminium. Unterschiedlich groß sind diese leuchtenden Dreiecke, denn sie stehen für die Bundesrepublik Deutschland, die DDR und für Berlin, für West-Berlin als, wie man damals sagte, besondere politische Einheit. Zwischen 1986 und 1988 schuf Heinz Mack dieses Werk, das plötzlich ein neues Bewußtsein schuf für Getrenntes, das doch eigentlich vereint gehört.

 

Bei Nacht so effektvoll wie am Tag… – Foto: Ute Mack

Frau Ute Mack hat uns freundlicherweise zwei Bilder dieser Installation zur Verfügung gestellt, die ich die Freude habe, Ihnen präsentieren zu können. Doch zurück zu eben diesem Werk von Heinz Mack!

Als noch niemand an Willy Brandts Worte denken konnte vom Zusammenwachsenden, was zusammen gehört, verdeutlichte uns Heinz Mack mit den ganz identisch aussehenden, bloß in der Größe unterschiedlichen Dreiecken: eigentlich sind wir doch von ganz gleicher Gestalt und sollten jeden Tag so zusammenhalten und beieinanderstehen, wie es die drei stählernen Dreiecke so vorbildlich zeigen. Dreiecke sind es, die an Segel erinnern, an Segel, die Aufbruch verkünden und Fortentwicklung. Das alles umspült von Wasserfontänen, die manch einen an das Panta Rhei denken ließen, an das ‚Alles fließt‘ auch der politischen Weltgeschichte.

Ein Jahr später fiel die Mauer. Nicht wegen des Wasserbrunnens von Heinz Mack. Doch er schuf ein künstlerisch geformtes politisches Symbol in der besten aufklärerischen Tradition eines Moses Mendelssohn, er erinnerte an lange Vergessenes und gedanklich Verschüttetes, nämlich an das Verbindende im Trennenden. Zwei sich feindlich gegenüberstehende Staaten ganz unterschiedslos ihren Eindruck entfalten zu lassen, mit einer Perspektive nämlich, daß derjenige, der frontal vor den drei Segeln steht, nur noch ein einziges der Dreiecke sieht und damit einer gedanklichen Verschmelzung den Weg ebnet, das war ein prophetisches Zeichen.

Auch im Jahr 2017 – dreißig Jahre nach der Konzeption und im dritten Jahrzehnt des wiedervereinten Deutschland – noch immer von bestechender Wirkung – Foto: Heinz Mack

Ich erwähne diesen Brunnen auch deshalb in solcher Ausführlichkeit, weil wir zur heutigen Verleihung der Moses-Mendelssohn-Medaille wieder in Berlin zusammengekommen sind, der Stadt, in der Moses Mendelssohn 43 Jahre seines Lebens verbrachte, der Stadt aber auch, die wie keine zweite unter der deutschen Teilung gelitten hat und wie keine andere den Segen der Wiedervereinigung dankbar erfährt, Tag für Tag, auch noch 28 Jahre später.

Heinz Mack hat sich der deutschen Teilung künstlerisch angenommen, er hat einen bleibenden Beitrag zur Völkerverständigung geleistet und er ist ein großartiger neuer Träger der Moses-Mendelssohn-Medaille, die die Moses Mendelssohn-Stiftung in diesem Jahr zum zweiten Mal gemeinsam mit der Staatsbibliothek vergibt. Seien Sie alle herzlich willkommen; das Wort übergebe ich nun an den Vorstandsvorsitzenden der Moses Mendelssohn-Stiftung, Herrn Professor Schoeps.

Nochmal Bibel – Thesen – Propaganda: Ihre Spenden retten Kulturgut

Viele Besucherinnen und Besucher unserer Reformationsausstellung haben Geld in die dort aufgestellte Spendenbox gesteckt: Was ist daraus geworden?

Ein Beitrag von Friederike Willasch.

Beschädigter Buchrücken aus Leder. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Unsere erfolgreiche Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ hat noch eine sehr positive Nachwirkung: Dank Ihrer Unterstützung können nun dringliche Restaurierungsfälle in der Abteilung Historische Drucke und in der Handschriftenabteilung beauftragt werden: eine Flugschrift des Reformators Martin Bucer aus dem Jahr 1540 und einige Einblattdrucke.

Neben Luther und Melanchthon der bedeutendste der deutschen Reformatoren: Martin Bucer (1491-1551)

In ärmlichen Verhältnissen in Schlettstadt aufgewachsen, sah Martin Bucer im Eintritt in den Dominikanerorden seine Chance zu Studieren. Tatsächlich wurde er von seinem Orden zum Studium nach Heidelberg geschickt. Martin Luthers Auftritt am Tag der Heidelberger Disputation im Jahr 1518 wurde zum Wendepunkt in seinem Leben. Der Dominikanermönch Bucer wandte sich nun dem reformatorischen Gedankengut zu, wurde aber erst 1521 aus dem Orden entlassen. Nachdem er wegen seines Einsatzes für die reformatorische Theologie exkommuniziert worden war, nahm ihn Ende 1523 die Reichsstadt Straßburg auf. Dort wirkte er an dem Aufbau eines evangelischen Kirchenwesens mit und erlangte weit über die Grenzen Straßburgs hinaus Bedeutung. In den Folgejahren leistete er anderen Reichsstädten und  -territorien Unterstützung bei der Durchsetzung der Reformation und beim Entwurf von Kirchenordnungen. Dabei  setzte er sich immer zum Ziel, zwischen den einzelnen  protestantischen Strömungen zu vermitteln, damit die Protestanten als Einheit für evangelische Freiheit und Reformation auftraten.

Lose Seiten im Bucer-Druck von 1540. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

„Von Kirchengütern“ (1540): eine deutsche Flugschrift der Reformation

Defekte Fadenheftung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Bucer fehlte zwischen 1529 und 1546 bei keinem der zahlreichen Religionsgespräche zur Verständigung zwischen den Konfessionsparteien. Er war auch intensiv an den Religionsgesprächen in Leipzig, Hagenau, Worms und Regensburg beteiligt, die in den Jahren 1539 bis 1541 von Kaiser Karl V. initiiert wurden, um zu einer Verständigung zwischen Protestanten und Katholiken zu gelangen. Bucer entwickelte sich durch seine unermüdliche Dialog- und Kompromissbereitschaft zum herausragenden Vermittlungstheologen, auch wenn er die zunehmende Konfessionalisierung letztlich nicht verhindern konnte.

Martin Bucers „Von Kirchengütern“  ist ein Zeugnis seiner Vorbereitung und Verarbeitung dieser Religionsgespräche. Denn bei der Entwicklung neuer Kirchenordnungen im Zuge der Reformation stellte sich die Frage, wie mit Kirchengütern (Eigentum, Nutzungsrechte bzw. Einkünfte aus Abgaben) zu verfahren sei. Konnten sie einfach in den Besitz der sich entwickelnden Evangelischen Kirche übergehen oder sollten sie säkularisiert werden? Es drohte ein Rechtsstreit zwischen Kaiser Karl V. und den Protestanten. Bucer argumentiert unter anderem mit dem richtigen Gebrauch von Kirchengütern, die dem Kirchendienst zugute kommen sollten, aber keinesfalls als Privatbesitz von Klerikern behandelt werden dürften. Zu diesem Zweck setzt er sich für eine Trennung der geistlichen und weltlichen Aufgaben ein  und befürwortet eine Einziehung des Kirchengutes durch die protestantische Obrigkeit.

Der Druck von 1540 gehört trotz seines beachtlichen Umfangs von 139 Blatt zur Sammlung der Flugschriften der Reformation, eine Sammlung von ca. 1.800 alphabetisch geordneten Drucken, die gerade nicht von Martin Luther stammen. Die Luther-Drucke wurden in der weltberühmten, nach 1945 leider verschollenen Luther-Sammlung aufgestellt. Flugschriften waren eine bewährte Form zur Austragung von religiösen Diskussionen und Streitfragen ­­­­– und zwar für alle protestantischen Bewegungen. Über Flugschriften ließ sich reformatorisches Gedankengut bestens verbreiten, da sie in deutscher Sprache und zudem verständlich geschrieben wurden. Da vielerorts die Herstellung und sogar der Besitz von reformatorischen Schriften unter Strafe stand, wurde die Herkunft dieses Werkes verschleiert. Bucer verwendete das Pseudonym Konrad Trewe von Friedensleben, der Straßburger Drucker Johann Prüss tarnte sich im Kolophon als “Johan Gutman” aus “Freiberg”.

Ein Ausschnitt des rot eingefärbten Buchdeckels. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bucers Werk im Kurfürstlichen Einband

Die rotbraune Farbe und der Firnis auf den Buchdeckeln lässt eindeutig erkennen: Unser Exemplar war bereits in der Bibliothek des Großen Kurfürsten vorhanden. Noch im  16. und 17. Jahrhundert galten Bücher als Luxusgegenstände und Sammelobjekte, sodass an vielen europäischen Fürstenhöfen Bibliotheken entstanden, die diesen Besitz zur Schau stellten. Der Hohenzoller Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1640-1688) begründete mit seiner Privatbibliothek die spätere Königliche Bibliothek. Im Vordergrund stand nicht nur der Ausbau und die Pflege der Kurfürstlichen Bibliothek, sondern auch deren angemessene Repräsentation. Dazu zählte der Plan eines formvollendeten Bibliotheksbaus und auch die Bücher selbst sollten Teil der Architektur sein, im einheitlichen roten Rindsledereinband. Der Tod des Großen Kurfürsten im Jahr 1688 verhinderte den Bibliotheksbau, doch die Einbände sind noch heute im Historischen Bestand der Staatsbibliothek sichtbar. Fehlende finanzielle Mittel waren ein Grund dafür, dass in vielen Fällen lediglich der Rücken erneuert und die vorhandenen Buchdeckel rot eingefärbt wurden.

Die Mittel aus der Spendenbox ermöglichen uns nun, diesem Druck aus der Reformationszeit die dringend notwendige Restaurierung des Einbandes und der Heftung zukommen zu lassen und so den Band für die Benutzung wieder zugänglich zu machen. Mit den übrigen Mitteln können noch einige stark angegriffene Einblattdrucke restauriert werden.

Allen Spenderinnen und Spendern sei an dieser Stelle herzlich gedankt!